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Kolumne: Nintendo Switch – Das erste Jahr

Ein Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Seit einem Jahr ist die Nintendo Switch nun auf dem Markt und konnte in den letzten zwölf Monaten einige Fragen beantworten.

Interessieren sich Spieler für eine Hybridkonsole?

Ja.

Interessieren sich die Spieler für eine neue Nintendo-Konsole?

Ja.

Kann Nintendo immer noch überraschen?

Ja.

Vor zwölf Monaten

Vor einem Jahr sah die Welt noch etwas anders aus. Die Nintendo Switch stand in den Startlöchern, der Erfolg war aber nicht vorprogrammiert. Das Ende der gefloppten Wii U war letzten Endes kurz und schmerzlos, doch hing dieser Misserfolg wie das Schwert des Damokles über den Köpfen des traditionellen japanischen Unternehmens. Finanziell gesehen konnte sich Nintendo noch so einige Flops erlauben und stünde immer noch gut da. Dafür hat das rigorose Sparen des verstorbenen CEO Yamauchi schon gesorgt, der solche Wellen der Erfolge und der Flops, der Wii und der Wii U, schon vor einigen Jahrzehnten vorhergesehen hat.

Es ging aber um mehr als um das Finanzielle. Nintendo war angeschlagen und damit ein wichtiger Teil des Videospielgeschäfts als Ganzes. In den so vielen stürmischen Zeiten dieser Industrie schauen Entwickler und Publisher oftmals gen Kyoto und suchen Orientierung. Wo geht die Reise hin für das Videospielmedium? Was ist der nächste große Trend? Was wird in den nächsten Jahren besonders wichtig sein? Mit DS und Wii gab Nintendo diese Antworten vor. Touch, Bewegungssteuerung, die Erweiterung der Zielgruppe. Diese Innovationen haben das Videospielmedium für immer geprägt.

Mit 3DS und Wii U verabschiedete sich Nintendo jedoch von dieser Vorreiterrolle. Vielleicht verlor das Unternehmen den Willen zur Innovation. Vielleicht war es überfordert von der rasanten Veränderung des Marktes, die Smart Devices, Online und immer bessere Hardware ermöglichten. Nintendo wollte aber wieder zurück, warf viele eigene Prinzipien über Bord und setzte alles auf die Switch.

Heute

Zwölf Monate später wissen wir: Nintendo hat auf die richtige Karte gesetzt. Die Switch hat jetzt schon die Wii U-Verkaufszahlen überholt, die Nintendo-Aktie hat sich mehr als verdoppelt und sämtliche Kritiker wurden mal wieder eines Besseren belehrt. Schon sieben Titel konnten die Millionengrenze knacken, ein Indie-Entwickler nach dem anderen kann Verkaufsrekorde auf der Switch verbuchen und auch Spiele wie Dark Souls und FIFA erscheinen für die Hybrid-Konsole. Nintendo hat es binnen eines Jahres geschafft, die Untergangsstimmung komplett hinter sich zu lassen. Das liegt an der modernen Hardware der Switch, am modernen Design, am modernen Marketing. Ein modernes Nintendo hat sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen und die Industrie aufgemischt.

Plötzlich gibt es eine neue Plattform, auf der Konsumenten ein neues Konsumverhalten offenbaren. Es muss keine 4K-Auflösung sein, es müssen nicht immer 60 FPS sein, es muss nicht immer das neueste Spiel sein, es muss nicht immer 80 Prozent Rabatt geben. Switch-Nutzer kaufen ältere und Indie-Spiele zum Vollpreis. Switch ist die Plattform des Kompromisses. Hybrid und mobil. Ganz anders als die Konkurrenz, die sich dem teuren Hardwarewettrüsten wohl unwiderruflich verschrieben hat. Genau die richtige Plattform für kleinere und japanische Entwickler also, die in nur zwölf Monaten ein neuen Zuhause gefunden haben.

All das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn Nintendo nicht das Fundament gelegt hätte. Monat für Monat veröffentlichte das Unternehmen ein großes Spiel und sorgte für die notwendigen Säulen, um der neuen Plattform Stabilität zu verleihen. Mit Zelda: Breath of the Wild gelang Nintendo mal wieder das Unmögliche. Die Entwickler lieferten ihre eigene Interpretation eines etablierten Genres ab und haben es zugleich für immer verändert. Scheinbar mühelos steht Nintendo wieder an der vordersten Front der Innovation, mit nur einem Spiel. Auch wenn sich Super Mario Odyssey besser verkaufen konnte, Zelda steht auch zwölf Monate nach Erscheinen felsenfest in der sonst so schnelllebigen Aufmerksamkeit dieses Mediums. Ein Jahr nach Release fasziniert das Open-World-Abenteuer immer noch. Ein Meilenstein des Mediums, der die Switch überdauern wird.

Morgen

Das erste Jahr ist um, die Wunschliste für die Zukunft lang. Neben den üblichen Verdächtigen wie F-Zero, Earthbound, Wave Race und sämtliche anderen alten Nintendo-Serien, fehlt der Switch Grundlegendes. Das groß angekündigte neue und kostenpflichtige Online-System soll frisches Geld in die Kassen spülen. Das geht durchaus in Ordnung, wenn das Preis-Leistungsverhältnis denn auch überzeugen kann. Genaue Details zum Funktionsumfang sind aber immer noch rar. Eigentlich hätte dieser Dienst auch schon längst starten sollen, wurde aber immer wieder verschoben. Wie die Kundschaft darauf reagiert, wenn das selbstverständliche Onlinespielen von Splatoon 2 plötzlich Geld kostet, bleibt abzuwarten. Cloud Saves, Familienbibliothek, Multimedia-Apps, Chat-Funktion und, und, und. Ganz klassische Features, die es auf anderen Plattformen schon längst gibt, fehlen immer noch. Hinweise für solche Features gibt es kaum.

Stattdessen setzt Nintendo andere Dinge in den Fokus. Labo ist “typisch Nintendo” und gilt seit der Ankündigung als sicherer Hit. Die geniale Kombination aus Basteln, Lernen und Spielen dürfte sich wie von selbst verkaufen und wird die Marke Nintendo einen weiteren Schub geben. Gerade bei Eltern dürfte Labo gut ankommen, die der Schlüssel zum kontinuierlichen Erfolg des Unternehmens sind. Nach dem “Core”-orientierten ersten Jahr, soll die Zielgruppe erweitern werden. Kirby, Yoshi und Labo sollen die Switch in Kinderhände bringen.

Generell soll jedes Paar Hände eine eigene Switch in den Händen halten. War die Strategie im ersten Jahr noch, den Markt generell von der Switch zu überzeugen, dürfte Nintendo in der Zukunft mehr auf das Individuum eingehen. Sprich: Aus einer Switch pro Haushalt soll eine Switch pro Mitglied des Haushalts werden. Das funktioniert durch Individualisierung und neuer Funktionalität. So dürfte Nintendo weitere Joy-Con-Farben verkaufen, neue Multiplayer-Features für mehrere Switch-Konsolen anbieten und weiterhin Spiele für Erwachsene anbieten. Wenn die Kinder Labo, die Eltern aber Call of Duty spielen wollen, könnte der Weg für eine weitere Switch im Haushalt offen sein.

Anfänglicher Frust nach der Ankündigung ist schnell dem Spielspaß gewichen. Einiges muss noch verbessert werden, die typisch lange Wunschliste der Nintendo-Fans an neuen Spielen wird auch nicht kürzer. Trotzdem: Das erste Jahr hätte kaum besser laufen können. Nintendo konnte in nur zwölf Monaten eine neue Plattform etablieren, die so faszinierend wie Zelda: Breath of the Wild, so bunt wie die Joy-Con und so inspirierend wie Pappe ist. Mit der Switch hat Nintendo dem Markt mal wieder den eigenen Stempel aufgedrückt im Sinne von “Ihr folgt den Trends, wir machen sie”. War das vor zwölf Monaten zu erwarten? Nein. Man sollte aber nie vergessen:

Never underestimate Nintendo.

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