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Spiele, die ich vermisse #50: Burgenschlacht + I’m a retro man

Trommelwirbel: Hier ist sie, die fünfzigste reguläre Ausgabe meiner Blogserie „Spiele, die ich vermisse“. Ich muss ja offen zugeben, dass es mir nicht ganz leicht fiel, mich für ein Spiel für Ausgabe 50 zu entscheiden. Immerhin ist das ja ein Jubiläum, das gefeiert werden muss, oder? Und so ging ich in mich und ließ die Serie Revue passieren (was ich ja für die Zusammenfassung letzte Woche ohnehin tun musste). Dazu stellte ich mir Fragen der Art „Welches Spiel hat mich als Spieler am meisten geprägt?“. Das ist eine schwere Frage, glaubt mir. Aber schlussendlich hatte ich eine Lösung, die mich zufriedenstellte: Ich würde mich in meiner 50. Ausgabe wieder ganz an den Beginn meiner Spielerkarriere zurückbegeben. Seid ihr bereit?


Wenn ich an meine spielerischen Anfänge denke, lande ich fast automatisch beim Philips G7000, denn dieses Gerät (das technisch der Magnavox Odyssey² entspricht) war meine erste Spielkonsole – wobei „meine“ die Wahrheit etwas beugt, war sie doch eigentlich die Spielkonsole meiner Schwestern, die zu dem Zeitpunkt allerdings schon aus dem Alter herausgewachsen waren, in dem sie sich wirklich für das Gerät interessierten. Dafür, dass die Konsole für mich so wichtig war, habe ich mich in dieser Serie noch viel zu wenig um sie gekümmert – ich verweise deshalb hier noch einmal auf Revolverhelden, falls ihr euch für ein anderes Spiel dieser Konsole interessiert (oder auch ein paar technische Details hinter der Gerät) und tue meine Schuldigkeit, indem ich mich an ein ganz anderes Spiel dieses Geräts erinnere. Tatsächlich habe ich mir nämlich die Frage gestellt, was wohl das erste Spiel war, das ich jemals gespielt habe – und die Antwort steckt wohl irgendwo im Nebel meiner ganz jungen Jahre. Ich weiß, dass ich ein Pseudo-MasterMind gespielt habe – aber das sicher erst, als ich Zahlen lesen konnte; ähnliches gilt für jenes Spiel, bei dem die Konsole die Buchstaben vertauschte und man das Wort raten musste – das ging nicht, bevor ich lesen konnte (was ich zwar sehr früh, aber wohl nicht derart früh konnte). Im Endeffekt griff ich einfach wahllos in die Erinnerungskiste und griff ein Spiel heraus, das ich schon sehr früh gespielt haben könnte – und wählte Burgenschlacht.

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Burgenschlacht ist – wie die meisten Spiele auf dieser frühen Konsole – ein sehr einfaches Spiel. Konkret gesagt gehört es zu den Artillery-Games, dessen bekanntester aktueller Vertreter wohl Angry Birds wäre (aber auch Worms gehört in genau diese Schublade). Im Unterschied zu den bunten Vögeln ist die Präsentation natürlich deutlich simpler und das Spiel auch ein ganz eindeutiges Zweispieler-Erlebnis – und im Unterschied zu den Regenwürmern gab es keine zerstörbare Umgebung. Jeder Spieler schlüpfte in die Rolle eines Katapult-Kommandanten, der entweder links oder rechts am Bildschirmrand mit seinem Katapult Stellung bezog. Unmittelbar davor stand die eigene Burg – und zwischen den Burgen war Niemandsland (aber immerhin mit einem kleinen See). Die Aufgabe war genauso einfach wie die Grafik: Zerstöre die Burg des Gegners, bevor ihm das mit deiner eigenen gelingt! Grafische Anzeigen, wie stark man nun schießt, gab es nicht – man drückte einfach den Joystick in eine Richtung, hält ihn solange, bis man glaubt, die richtige Spannung ausgewählt zu haben, lässt danach den Joystick los – und schon fliegt der Stein. Wenn man das richtig macht, trifft man die Burg des Gegners, die dadurch ein wenig kleiner wird – ist sie schlussendlich verschwunden, hat man gewonnen.

Dazwischen kann man den Gegner aber auch wunderbar ärgern – zielt man zu weit, erwischt man eventuell das Katapult, das dann erst ausgetauscht werden muss, oder sogar den Kanonier, der dann ebenfalls erst ersetzt werden muss – alles Zeit, die man zur ungestörten Ballerei auf den Gegner nutzen kann. Und da der Gegner mangels KI immer neben einem sitzt, bekommt man seinen Ärger darüber genauso schön mit, wie wenn man heute Mario Kart zu viert im Wohnzimmer zockt. Bei den Recherchen habe ich übrigens herausgefunden, dass es eine abgewandelte US-Version des Spiels gibt (von der auch das verlinkte Video ist), bei der das Abschießen von Gegner oder Katapult noch einen Nebeneffekt hat – in dieser Fassung gibt es nämlich einen Punktestand, und man bekommt Punkte für einen solchen Abschuss. Damit ändert sich auch die Spieldynamik und Taktik, denn man kann tatsächlich gewinnen, ohne die Burg des Gegners komplett einzureißen. Apropos: Natürlich ist es (in jeder Version) auch möglich, die eigene Burg zu beschädigen, wenn man nicht aufpasst …

Burgenschlacht war sicherlich eines der frühesten Spiele, die ich gespielt habe. Und vermutlich auch eines von jenen, die für mich Multiplayer nachhaltig beschädigt haben: Meine Schwestern hatten andere Interessen, meine Eltern nur selten Zeit dafür, ich immer wieder Lust am Zocken – also lernte ich schon in jungen Jahren, dass Single-Player-Spiele leichter in mein Umfeld einzubinden waren und dass man im Notfall halt beide Spieler sein muss. Ich kann zwar nicht – was ja angeblich ein Zeichen für übermäßige Intelligenz sein soll – gegen mich selbst unparteiisch Schach spielen, aber für eine Partie Burgenschlacht gegen mich selbst hat’s eigentlich immer gereicht. Das liegt aber wohl auch am absoluten Chaosfaktor: Wer kann denn schon sagen, wo der Stein hinfliegt? Ohne Indikatoren geht es nur ums eigene Gefühl, ums Zählen von Sekunden, bis man los lässt – da ist Glück genauso wie Können dabei, Partei muss man eigentlich nicht ergreifen. Mit Freunden habe ich Burgenschlacht aber natürlich auch rauf und runter gespielt, so viele Spiele, die Multiplayer ermöglichten, hatte ich ja auch gar nicht für die G7000 (wobei, ein paar waren es schon – war schließlich einfacher, als eine KI zu programmieren) …

Und das bringt mich am Ende diesesdiesmal doch ein wenig kürzeren Blogs zu meiner Frage: Warum vermisse ich Burgenschlacht? Weil es eine meine frühesten spielerischen Erinnerungen ist. Klar, nach heutigen Maßstäben würde man Burgenschlacht wohl nicht mal mehr auf einem normalen Handy kaufen, damals hatte es aber eine tolle Grafik mit einem simplen, aber fesselnden Spielprinzip. Dazu der Multiplayer-Aspekt, simple Soundeffekte (im Video hört ihr Sprachausgabe, aber die gab es in der PAL-Version soweit ich weiß nicht) – und allein, was man alles zerstören konnte (gut, das ist auch heutzutage wenig, aber damals war es wirklich viel), war für mich mit damals vermutlich guten drei bis vier Jahren unglaublich. Spiele wie Burgenschlacht waren es, die meinen Blick auf virtuelle Welten lenkten – und da ist er bis heute geblieben.

Da ich den 50er aber nicht so ausklingen lassen möchte, an dieser Stelle noch ein kurzes Resümee über die letzten 50 Ausgaben: Als ich diese Blogserie begann, ging es mir primär darum, einige alte Klassiker ins Rampenlicht zu stellen, aber gleichzeitig auch unbekannte Spieleperlen zu präsentieren, die außer mir vielleicht kaum jemand gespielt hat. Diese eigentlich simple Mission (wenngleich die Liste der Spiele, die ich noch vermissen kann, immer länger wird) wurde ein wenig zu einer Selbstfindung, denn stellt man sich die Frage „warum habe ich dieses Spiel nach über zwanzig Jahren noch immer in Erinnerung?“, beginnt man fast zwangsläufig darüber nachzudenken, warum das Spiele heute nicht mehr so einfach schaffen. Stumpft man wirklich ab? Ist es einfach das Leben, das einen überholt und mit so vielen anderen Dingen überhäuft, dass man in meinem Alter einfach nicht mehr so gute Erinnerungen aufbauen kann? Ist es die Retro-Brille? Ich für meinen Teil habe eine Antwort gefunden, warum ich heute noch neue Spiele ungespielt liegen lasse und dafür die Virtual Console oder die DOSBox anwerfe: Weil die Spiele damals noch Ecken und Kanten haben durften. Sie durften ungewöhnlich sein, neue Settings und Spielideen ausprobieren und mussten sich nicht an einen Mainstream anpassen. Heutzutage sieht man das noch in den Indie-Titeln, die aber nicht mehr die Möglichkeit haben, so auszusehen wie die AAA-Spiele – dafür fehlt ihnen einfach das Budget.

Aber damals, als an einem Spiel so oder so nur ein paar Leute arbeiteten, gab es gar nicht so viele Unterschiede zwischen „kommerziell“ oder „Hobbyist“ und manchmal waren die Grenzen sogar fließend. Gut, man darf hier nicht völlig generalisieren, aber dennoch würde ich mir wieder mehr Mut von Entwicklern und Publishern wünschen – nehmt kreative Ideen. Und stellt ein ordentliches Budget zur Verfügung. Nicht für Dinge, die sicher funktionieren, sondern für Dinge, die anders sind und deshalb die Chance haben, in Erinnerung zu bleiben. Gleichzeitig gilt das aber auch für uns Käufer da draußen: Diese Spiele müssen gekauft werden! Es bringt nichts, wenn wir uns über Call of Duty oder FIFA beschweren, aber die interessanten Titel in den Regalen kleben. Ich weiß, das führt wieder zum Problem interessierte Minderheit gegen die Masse, die kauft, was sie im Regal anspricht oder wovon sie gehört haben, aber das würde jetzt dann doch zu weit gehen.

Ich für meinen Teil bin dankbar für die dreißig Jahre, die ich jetzt ein Gamer bin. Und ich habe in jedem Jahr davon Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte. Ich bin ein Gamer. Vielleicht bin ich sogar, wie mir momentan im Kopf hängt, ein „Retro-Man“ (setzt das mal zu „I’m a mechanical man“ aus Command & Conquer). Aber ich liebe auch manche Games von heute. Und auch, wenn ich gerne zu sehr an der Vergangenheit hänge, möchte ich nicht die Gegenwart aus dem Auge verlieren und freue mich auf die Zukunft.

Das wäre jetzt ein schönes Schlusswort, aber ich muss noch etwas anhängen: Nächste Woche gibt es keine neue Ausgabe von „Spiele, die ich vermisse“ – Urlaubspause!