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Spiele, die ich vermisse #158: Tennis

Ab und an gibt es Zeichen der Zeit, die mich allesamt dazu drängen, ein bestimmtes Spiel zu vermissen. So auch diesmal, als mich gleich zwei verschiedene Ereignisse zum selben Titel führten. Erstens: Urlaubszeit ist Handheld-Zeit – diese Regel galt für mich viele, viele Jahre lang. Aber diesen Sommer wurde alles anders. Ein Urlaubskurztrip ohne echten Handheld? Ja, das geht scheinbar. Gut, man könnte argumentieren, dass die Switch ja auch irgendwie ein Handheld ist (so ganz ohne Videospiele geht ja doch nicht), aber dennoch ging für mich gewissermaßen eine Ära zu Ende. Grund genug, in diese Richtung zu vermissen. Aber welches Spiel? Das führt zu Zweitens: Aufgrund einer Baustelle muss ich momentan auf dem Weg zu meinen Eltern einen Umweg fahren – ein Umweg, der mich durch eine kleine Gemeinde führt, wo ich Tennis spielen gelernt habe (mehr dazu später). Deshalb blicke ich heute auf ein Spiel zurück, das „Game Boy“ und den heiligen Rasen wunderbar verbindet: Tennis.

Tennis ist von den Regeln her (ganz grundsätzlich, also auch abseits der Bildschirme) ein relativ simples Spiel, das sich großer Beliebtheit erfreut. Gut, vielleicht keiner Massenpopularität wie vielleicht Fußball, American Football, Baseball oder Basketball, aber dennoch hat der Sport eine große Fangemeinde. Kein Wunder, dass es immer wieder auch als Videospiel umgesetzt wurde – und zwar schon recht früh, da es im Gegensatz zu z.B. Fußball keine großen Mannschaften (und damit einhergehend etliche Sprites) benötigt. Man denke hier an Tennis for Two (das als zweites Videospiel überhaupt gilt) und Pong. Zum großen Leidwesen vieler Fans gelang die Umsetzung allerdings nicht immer wirklich gut. Die ersten Tennisspiele waren naturgemäß simpel, aber mit steigender Leistungsfähigkeit und höherem Anspruch wurde es scheinbar immer schwieriger, ein gutes Tennis-Spiel abzuliefern. Mal war es zu überladen, mal zu eintönig; mal ging den Designern die Fantasie zu sehr durch, dann wurde es wieder zu trocken und langwierig. Die goldene Mitte zu treffen war nicht unmöglich, aber scheinbar schwer – ein Blick in die Videospielgeschichte zeigt, wie viel man bei einem eigentlich simplen Prinzip falsch machen kann. Denn wenn man mich fragt, fällt mir nur ein Tennisspiel ein, das ich wirklich rauf und runter gespielt habe: das heute vermisste Tennis am Game Boy.

Doch bevor wir auf den Handheld wechseln, müssen wir bei diesem Spiel noch einen weiteren Abstecher machen – nämlich zum NES, denn für diese Plattform erschien 1984 die erste Version von Tennis. Intelligent Systems und Nintendo R&D 1 entwickelten das Spiel, das zu den ersten auf der Nintendo Konsole gehörte, unter Designer Shigeru Miyamoto. In Japan trat Hudson Soft als Publisher auf (im Rest der Welt Nintendo selbst), die das Spiel auch auf andere Plattformen brachten. 1989 wurde es noch einmal portiert, diesmal ausschließlich von Nintendo R&D 1 – und zwar als Titel im Launch-Fenster des Game Boy.

Auch wenn wir es heute gewohnt sind, dass „Nintendo“ und „Sport“ meist dazu führt, dass sich berühmte Nintendo-Figuren auf dem Spielfeld treffen und sich mit Power-Ups bewerfen, gibt sich Tennis erstaunlich geradlinig und (fast) Nintendo-Maskottchen frei. Ersteres deshalb, weil wir hier wirklich eine Tennis-Umsetzung mit allen Regeln und Raffinessen, dafür ohne zusätzlichen Schnick-Schnack bekamen. Zweiteres nur deshalb fast, weil zwar die Spieler eher generische Figuren waren, Mario aber als Schiedsrichter auftreten durfte. Allerdings sah er sich in der Game Boy-Version deutlich ähnlicher als in der NES-Fassung.

Bevor wir zu den Systemunterschieden kommen, lasst mich aber kurz über die Gemeinsamkeiten sprechen: Beide Versionen boten für die damalige Zeit ein wirklich gut simuliertes Tennis-Erlebnis – man steuerte seinen Spieler, es gab zwei Schlagarten, Möglichkeiten, die Schläge per D-Pad zu adaptieren; die Gegner waren knackig und spielten durchaus herausfordernd; und die Regeln wurden akkurat umgesetzt. Hier kam es den Designern wohl entgegen, dass Tennis auf einem begrenzten Spielfeld mit nur zwei Spielern und einem Ball stattfindet – das überforderte selbst die damalige Hardware nicht.

Gut, jetzt aber wirklich die Unterschiede. Auf dem Game Boy gab es Schwierigkeitsgrade, die die NES-Fassung nicht hatte; beide Versionen hatten Multiplayer, aber dieser wurde systembedingt anders präsentiert. Auf dem Handheld musste man zum Linkkabel greifen, sah aber dadurch immerhin das Spielgeschehen immer aus seiner Perspektive, während auf dem NES immer ein Spieler im Bildschirmhintergrund war. Das heißt, wenn man nicht auf den Doppelmodus zurückgriff, der nur auf der Konsole zu finden war. Zwei Spieler gegen zwei CPU-Gegner konnte man nur auf dem Fernseher genießen. Warum? Manche Stimmen sprechen davon, dass man mit der den Entwicklern noch relativ unbekannten Hardware noch nicht wagte, so viele Sprites in der Qualität gleichzeitig darzustellen. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Aber es kann durchaus sein, denn hier setzte man durchaus auf grafisch schön gestaltete, ordentlich große Spielfiguren, was sich vermutlich auch in entsprechender Beanspruchung der Hardware äußerte.

Diese Qualität schlug sich durchaus auch in den Reviews positiv nieder, die Tennis deutlich bessere Wertungen gaben als seinem ebenfalls im Launch-Fenster erschienenen Sport-Konkurrenten Baseball. Interessanterweise findet man über diese positiven Reviews heutzutage kaum mehr etwas im Netz  – sie wurden wohl von den diversen Tests zu Mario Tennis-Teilen (die dann Mario und seine Freunde/Feinde stärker in den Fokus rückten) und zum Rerelease von Tennis auf der 3DS Virtual Console überlagert. Letztere sind bei weitem nicht mehr so positiv und kritisieren eher schwache Replayability und die bisweilen gnadenlose KI. Ganz zu schweigen von der schnell langweiligen Musik.

Das alles störte mich nicht – auch wenn Tennis sicher nicht Liebe auf den ersten Blick war, sondern eher ein Spiel, das ich mir nie gekauft hätte, wäre es nicht Teil eines Bundles gewesen. Um die 1.000 Schilling für einen Game Boy, eine Tasche (mit acht Plätzen für Spiele, weshalb diese „originalen acht“, von denen ich mittlerweile fast alle erwähnt habe, für mich sehr wichtig waren) und zwei Spiele: Tennis und (natürlich) Tetris. Dass Super Mario Land dann auch gleich gekauft wurde, sorgte zwar dafür, dass diese beiden Titel ein wenig warten mussten – aber dann kamen sie doch an die Reihe. Und damit hatte die Stunde von Tennis geschlagen.

Es dauerte nicht lange, bis ich erfolgreich Aufschläge hinbekam, aber deutlich länger, bis ich erfolgreich zurückspielen konnte, selbst auf Level 1. Deshalb wusch der Gegner mit mir regelmäßig den Boden auf. Aber ich gab nicht auf, arbeitete an mir und gewann schließlich zumindest einzelne Sätze (meist meine Aufschlagssätze). Von dort aus an den Punkt zu gelangen, an dem ich auch recht sicher den Computergegner in seinen Sätzen schlagen konnte, dauerte es eine Weile. Damit war zumindest der erste Schwierigkeitsgrad geschlagen … dass die nächsten mich vor deutlich größere Herausforderungen stellen würden, wurde aber rasch klar. Hier zeigt sich aber die Langlebigkeit des Titels – was sicher auch damit zu tun hat, dass ich als Schüler mir nur selten neue Spiele kaufen durfte: Sukzessive schlug ich mich durch die höheren Stufen, bis ich sogar Level 4 schaffte. Nicht mit traumwandlerischer Sicherheit, aber doch.

Eine ganz andere Herausforderung war das Spielen gegen einen menschlichen Gegner. Der Game Boy als Handheld hatte den Vorteil, dass ich ihn tatsächlich in die Schule mitnehmen konnte und da wir dort offenes Lernen praktizierten und ich meist sehr schnell meine Aufgaben für die Woche erledigt hatte, hatte ich genug Zeit, gegen Freunde zu spielen. Zum Glück war Tennis ein recht weitverbreitetes Spiel, denn ohne zwei Module lief hier nichts. Sonst brauchte man nur zwei Game Boys und natürlich das berühmte Linkkabel – von WiFi durften wir damals nur träumen. Zahllose Matches wurden in der Spieleecke gespielt – hier gab es nämlich eigentlich nur Konkurrenz durch Tetris, aber Tennis war dann doch das interessantere Spiel für uns knapp zehnjährige Stöpsel.

All diese Punkte laufen für mich aber an einem Punkt zusammen, den ich schon in der Einleitung erwähnt habe: Tennis war tatsächlich schuld daran, dass ich selbst auf einem Tennisplatz zu finden war. Zwar nur ein halbes Jahr, aber doch nahm ich Tennisstunden auf einem kleinen Platz in Lichtenwörth (übrigens die Heimatgemeinde von Dominic Thiem, weshalb ich mich zumindest der Illusion hingeben darf, dass ich auf demselben Platz wie er Tennis gelernt habe. Nein, unsere Erfolgsbilanz kann man nicht vergleichen). Und hier zeigt sich, dass Videospiele nicht nur zum Sport motivieren, sondern sogar lehrreich sein können: Meine Trainerin erklärte mir regelmäßig die Regeln, was ich (inklusive einiger Sonderfälle) allerdings sofort mit einem „weiß ich schon“ quittieren konnte – immerhin hatte ich die Regeln schon am Game Boy gelernt.

Das sind aber auch die Dinge, die ich an Tennis vermisse. Das Modul mag eher als Unfall bei mir gelandet sein, aber es weckte mein Interesse an diesem Sport und lehrte mich gleichzeitig die Regeln. Das war aber auch deswegen so, weil es realistisch und gleichzeitig leichtgängig genug war – spätere Tennisspiele konnten mich in den wenigsten Fällen halten. Deshalb ist es bis heute – und das sind doch ein paar Jahrzehnte später – mein ultimatives Tennisspiel, das mich in viele Urlaube begleitet hat. Und das hat ihm einen ewigen Platz in meiner Hall of Memories – und jetzt auch in dieser Serie – gesichert. Mehr als das echte Tennis-Spielen übrigens. Nach dem halben Jahr spielte ich lange nicht mehr, und als ich dann Jahre später erneut aufschlagen wollte, war ich eher frustriert. Da bleibe ich doch lieber dem virtuellen Tennis treu.

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Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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Notable Replies

  1. Bonz says:

    Hab das Spiel auch noch zuhause und fand das ziemlich cool damals. Multiplayer hat sich leider nie ergeben.

  2. Jokus says:

    Das glaub ich kaum. Außer, er ist plötzlich für Baustellen in meiner Heimatstadt zuständig ^^

  3. diesen tennis ableger hab ich leider nie gespielt, aber super tennis für den snes war damals der hammer auch im pvp modus immer gegen meinen cousin :smiley::smiley::smiley:
    später hab ich mir dann noch eine tennis version für den gba geholt, pro tennis WTA tour. war teilweise aber auch echt schwer.

  4. Ella says:

    Wer weiß, wer weiß. :smiley:

  5. Gatar says:

    Bin überhaupt kein Tennis Fan und kann mit solchen Spielen eigentlich nichts anfangen aber dieses Tennis Spiel habe ich als Kind geliebt! :heart_eyes:

  6. Auch bei mir: Das Spiel hatte was, dass mich neben Tetris immer und immer wieder begeistern konnte. Und heute natürlich via VC auf meinem 2DS :slight_smile:

  7. Das Spiel habe ich geliebt

    aber noch mehr Spaß hatte ich mit Super Tennis am SNES

  8. Jokus says:

    Nachdem bei mir der SNES eher stiefmütterlich behandelt wurde (bzw. erst echt spät kam und ich mir dann nur eine Handvoll Rosinen rausgepickt habe), hab ich die anderen Tennis-Spiele von Nintendo ausgelassen. Egal ob Mario oder nicht. Aber von der Tennis-Variante am SNES hab ich schon viel Gutes gehört.

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