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Spiele, die ich vermisse #120: The Movies

Scheinbar sind rund 60 Folgen dieses Blogs der Richtwert, den ich an einem Arbeitsplatz verbringen darf, bevor der Pleitegeier gnadenlos zuschlägt. 64 Ausgaben gab es bis zum Ende von consol.MEDIA, von da bis Ausgabe 119 ging es, bis ich meinen Schreibtisch bei Cliffhanger Productions räumen musste. Nein, das ist nicht der Aufhänger dieses Blogs, sondern nur eine Art Prämisse – anstatt nämlich wie beim Ende des Verlags dem Ende eines Traumjobs nachzutrauern, ließ ich diesmal Trübsal gar nicht zu, sondern packte unmittelbar nach der Rückgabe der Schlüssel meine Frau und drei Freunde (darunter auch meinen ehemaligen Chefredakteur Thomas „Onkel Tom“, wodurch dieses Ereignis fast schon eine Wiedervereinigung der Gamers-Stammcrew war) in ein Auto und ließ die Seele in Italien in Urlaubsstimmung baumeln. Dabei ging es primär in die diversen Parks rund um den Gardasee, was mich in Sachen Spiele natürlich in die Gefilde von Rollercoaster Tycoon und Theme Park bringen würde – doch tatsächlich ging ich auch diesmal einen Schritt weiter in meinen Gedanken. Am letzten Tag ging es nämlich in den Movie-Park, wo alle Attraktionen irgendwie mit Filmen zu tun haben. Und das erinnert mich an den letzten Titel von Peter Molyneux, der mich so richtig fesseln konnte: The Movies.

Wir schreiben die Geburtsstunde des Kinos und des Studiosystems. Als die Bilder gerade laufen lernten und die Musik noch von echten Musikern im Kino kam, da es den Tonfilm noch nicht gab, eröffnet ein neues Filmstudio – eures. Damit kann die Jagd nach Profit und natürlich auch tollen Kritiken losgehen. Gerade zu Beginn sind eure Möglichkeiten zwar naturgemäß stark eingeschränkt, andererseits erlaubt euch das, euch langsam an eure neue Aufgabe heranzutasten. Mit ein paar wenigen Gebäuden, die eure fleißigen Handwerker errichten, könnt ihr euch an eure Meisterwerke machen. Zunächst einmal braucht es natürlich Mitarbeiter – jeder Film benötigt einen Regisseur, einen Darsteller (spätere Filme brauchen dann natürlich mehr) sowie eventuell Statisten, die ihr allesamt in der Schauspielschule anheuern könnt. Dazu kommt eine Filmcrew, die sich um die Technik kümmert – auch dafür gibt es ein eigenes Gebäude. Danach geht es ins Produktionsbüro, wo das Drehbuch (erste Exemplare bekommt ihr gratis, später benötigt ihr natürlich ein eigenes Haus, wo ihr eure Autoren arbeiten lassen könnt), die Darsteller, Regisseur, Statisten und die Crew zum fertigen Team zusammengestellt werden. Im Anschluss wird probiert, bevor ihr den Startschuss geben könnt und die erste Klappe fallen kann.

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Doch Moment! Zum Proben mag das Produktionsbüro ausreichen, gedreht wird aber natürlich in Sets, die bald auch den Großteil eures Backlots ausfüllen werden. Zu Beginn gibt es gerade mal eine magere Bühne, auf der die Hintergründe ausgetauscht werden, später gibt es dann allerdings Sets vom Western-Saloon über die Raumschiff-Brücke bis zum großen Kriegsgebiet, die euren Filmen mehr Farbe (auch wenn wir zu Beginn natürlich Schwarz-Weiß drehen), Möglichkeiten und natürlich Abwechslung geben. Eure Autoren berücksichtigen beim Schreiben des Drehbuchs automatisch, welche Sets ihr bereits gebaut habt – dennoch solltet ihr ein Auge darauf haben, dass sie nicht ständig dasselbe Bühnenbild verwenden, sonst wird dem Publikum rasch langweilig. Hier hilft dann oft nur, ein bereits langweiliges Set abzureißen und Platz für Neues zu schaffen (was sowieso aufgrund der beengten Verhältnisse im Laufe der Zeit nötig wird).

Sobald die nötigen Sets gebaut, die Proben abgeschlossen sind und ihr den Startschuss gegeben habt, machen sich die Beteiligten an die Arbeit, um den Film Szene für Szene abzudrehen (und dazwischen natürlich immer kleine Pausen zu machen). Diese sind durchaus wichtig, denn auch wenn wir bislang vor allem vom Aufbau unseres Studios und diversen Wirtschaftsthemen gesprochen haben, gibt es einen Teil von The Movies, der ein wenig an Die Sims erinnert. Stars (und damit sind in The Movies Schauspieler und Regisseure gemeint, alle anderen Mitarbeiter sind hier deutlich genügsamer) sind Persönlichkeiten mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Nur wenn diese befriedigt sind, werden sie auch zufrieden sein und damit ihre beste Leistung abliefern. Zu Beginn sind die Stars noch recht genügsam und wollen vor allem gut bezahlt sein und zwischen den Drehs Zeit haben, Stress abzubauen. Später wollen sie aber auch möglichst spektakuläre Trailer (inklusive jeder Menge Goodies im Umfeld, die ihn noch attraktiver machen) und Assistenten. Ganz zu schweigen davon, dass sie modisch gekleidet sein wollen, Beziehungen zu ihren Kollegen wünschen und beginnen, unter ihrem Alter und ihrer Statur zu leiden – glücklich der Filmproduzent, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Schönheitsklinik besitzt. Oh, und habe ich schon erwähnt, dass sie natürlich auch Erfolge mit ihren Filmen haben und regelmäßig positiv in den Klatschspalten erwähnt werden wollen? Ja, Künstleregos sind nicht gerade leicht zu befriedigen und Saufen bis zum Exzess oder Fettsucht manchmal nur einen Fehltritt weit entfernt.

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Frühe Filme bestehen oft aus drei oder vier Szenen, was im Normalfall bedeutet, dass der Film knapp sechs bis acht Monate nach Drehstart abgedreht ist – wenn die Darsteller nicht aufgrund von Stress völlig durchdrehen und zwischendurch Saufgelage einlegen. Spätere Filme dauern deutlich länger und steigern dieses Risiko umso mehr. Doch irgendwann ist es geschafft (und sei es nur, weil ihre eure Darsteller mit eurem gottgleichen Mauscursor aufhebt und zwangsweise aufs Set verfrachtet), der Film ist abgedreht und ihr könnt ihn veröffentlichen. Auch dafür gibt es ein spezielles Gebäude, in dem ihr den Film einfach auf die passende Schaltfläche zieht. Ob der Film auch ein Erfolg wird und seine Kosten wieder einspielt, liegt auch am Urteil der Kritiker. Diese beurteilen dabei nicht nur die Leistung eurer Schauspieler (die sich natürlich im Laufe der Zeit auch an die Arbeit mit Kameras gewöhnen und auf Genres spezialisieren), sondern auch die Abwechslung (dasselbe Set wird irgendwann genauso langweilig, wie immer dieselben Schauspieler zu sehen), die Qualität des Drehbuchs, die Leistung des Regisseurs, ja, sogar der Zustand der Sets (die irgendwann baufällig werden, wenn sie nicht repariert werden) gehen in die Bewertung ein.

Diese Sternewertung bringt euch auch einen Platz in den Filmcharts, die nicht nur mit dem zu verdienenden Geld, sondern auch mit den regelmäßig stattfindenden Filmpreisen zu tun haben. Hier gibt es nämlich Preise (die verschiedenste Boni bringen) für die besten Stars, die besten Filme und noch vieles mehr, wofür das aktuelle Ranking herangezogen wird. Außerdem müsst ihr verschiedene Bedingungen erfüllen, um diverse Updates von der Filmakademie freizuschalten – darunter bessere Drehbuchbüros, die unbedingt nötig sind, um mit der Konkurrenz auf Dauer mithalten zu können.

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Das waren jetzt allesamt nur die Grundlagen – im Laufe der Zeit eröffnen sich viele Möglichkeiten, die euch mehr Freiheiten einräumen, wie ihr eure Partie spielen wollt – vom Schreiben der eigenen Drehbücher, Eingriffen in die Szenen beim Dreh, einer eigenen Forschungsabteilung, die euch diverse „Pakete“ (also z.B. Sets oder technische Updates) früher zur Verfügung stellen, über eine PR-Abteilung bis hin zur Post-Production, wo ihr einen Film selbst schneiden und vertonen könnt. Und dabei habe ich noch gar nicht die Stunt-Leute erwähnt, die mit dem Add-on verfügbar wurden. Ist es ein Wunder, dass der Titel rasch zu einem Favorite für Machinimas wurde? Wohl nicht.

Entwickelt wurde The Movies von den Lionhead Studios (damals noch nicht ein Teil von Microsoft) unter der Leitung von Peter Molyneux. Die größte Inspiration soll dabei Hollywood Mogul gewesen sein, dennoch bin ich nach wie vor der Meinung, dass man sich hier auch deutlich von der Theme-Reihe inspirieren ließ und diese weiterentwickelte. Das Resultat war, dass man zwar die Grundidee von Hollywood Mogul übernahm (nämlich das Schreiben von Drehbüchern und das Drehen von Filmen), aber das Spiel mit Lebenssimulations-Zügen anreicherte und das Studiogelände von oben zeigte, wo man Gebäude errichten konnte, seinen Mitarbeitern beim Herumlaufen zusehen konnte oder auch direkt beim Drehen sehen konnte, was passiert (zum Vergleich: Hollywood Mogul hat hier eher den Look einer „Tabellenkalkulations“-Wirtschaftssimulation).

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Das Interface kommt mit nur wenigen fixen Elementen aus – wichtig sind hier das verschachtelte Baumenü, aber auch das Aufrufen von Statistiken und die Fenster, die Mitarbeiter repräsentieren –, stattdessen lassen sich viele Funktionen über Räume in den Häusern steuern (man nimmt einfach ein Objekt, wie ein Drehbuch, einen fertigen Film, einen Mitarbeiter oder was auch immer man verwenden möchte, auf und setzt es auf das Haus beziehungsweise in den entsprechenden Raum, der die gewünschte Funktion ausübt). Leitstrahlen, die sichtbar werden, wenn man ein Objekt aufhebt, führen euch dabei an gerade passende Orte, was die Übersicht maßgeblich erhöht. Für Figuren erscheinen aber auch passende Buttons in der Nähe passender Objekte, mit denen ihr beispielsweise euren Stars Assistenten zuteilt, sie in ein Gespräch verwickelt oder sie flugs ans Set befördern könnt. All das funktioniert recht intuitiv und wird auch mittels Tutorials einfach erklärt. Wie dieses System allerdings auf Konsolen (und damit ohne Maus) funktioniert hätte, frage ich mich bis heute – ursprünglich hätte die PC-Version, die 2005 erschien, nämlich nur eine von vielen sein sollen, doch die Varianten für PS2, Xbox und Gamecube, die später folgen sollten, wurden knapp vor dem Kauf von Lionhead durch Microsoft eingestampft. Einzig eine Mac-Fassung erschien mit ein wenig Verspätung dann doch noch.

Ich habe mir The Movies übrigens gleich zum Release geholt. Peter Molyneux war für mich nie die Legende (aber auch damals noch nicht ganz der Dampfplauderer), als die er bei etlichen Leuten galt, aber als Fan der Theme-Reihe und Populous hatte ich ihn auch auf dem Radar, nachdem er Bullfrog verlassen hatte. Und nachdem die Theme-Serie zu diesem Zeitpunkt schon beendet war, Filme und das Schauspielertum für mich natürlich auch eine große Faszination bedeuteten und The Movies irgendwie in genau diese Schubladen passte, hatte ich den Titel deutlich mehr auf dem Radar als das deutlich mehr Buzz erzeugende Black & White.

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Tatsächlich fand ich bei The Movies auch viel, das mir Spaß machte, wie das Managen eines Studios, das Aufbauen neuer Gebäude, das Drehen von Filmen sowie das Forschen nach Neuerungen. Was mir weniger Spaß machte, war hingegen der Sims-Aspekt des Spiels. Keine Filme drehen zu können, weil der Star mal wieder Stress hat, das Dekorieren des Studios, generell das Zufriedenstellen der Mitarbeiter – das ist nicht meine starke Seite, wenn wir hier nicht vom Upgraden der Trailer und Gehaltserhöhungen sprechen. Zum Teil ist das gar nicht so schlimm, aber einzelne Unlocks lassen sich nicht ohne einen Star mit entsprechender Sternewertung erreichen. Aber gut, das ist nur ein kleiner Wermutstropfen, denn dafür macht es einfach Spaß zu viel Spaß, Drehbücher zu entwerfen (oder selbst zu schreiben) und die Streifen zu drehen und zu vermarkten. Ein wenig schade ist nur, dass das Spiel den „Schönheitsfehler“ hat, dass man nur eine gewisse Anzahl an Leuten einstellen kann (bzw. neue Mitarbeiter erst auftauchen, wenn die Studiowertung steigt). Damit kann es zu einem ordentlichen Engpass kommen, wenn man sich entscheiden muss, genügend Besetzung und Regisseure zu haben, die Stars glücklich zu machen (mittels Assistenten) und dennoch noch genügend Belegschaft zu haben, dass nicht alles auseinanderfällt oder verdreckt. Hier hätte man ein wenig mehr Leute zur Verfügung stellen können.

Ein persönliches Highlight für mich sind dafür die diversen Radiosprecher. Je nach Zeitalter, in dem wir uns bewegen, gibt es einen Radiosprecher, der vor allem Belanglosigkeiten von sich gibt, aber damit an das Flair der Zeit erinnert. Zuerst ein Gentleman-Radiosprecher, der über den Film wettert (der nicht ans Theater heranreicht), später dann ein Kriegs-Radiosprecher, der Pazifismus als das größte aller Übel anprangert – und so weiter. Es gibt aber auch Ereignisse mit Belang, die auf der Zeitleiste ablesbar sind und den Publikumsgeschmack beeinflussen. Wer sich im Krieg befindet, will ja zum Beispiel keine Action-Filme sehen, während das Space-Race das Interesse an Science Fiction erhöht. Diese Nachrichten werden alle mit einem gewissen Humor verfremdet, sodass historische Ereignisse erkennbar sind, aber dennoch nicht bierernst vorgetragen werden.

The Movies - Relationships - (falling in love)

All das führt natürlich schon zur Frage, warum ich The Movies vermisse. Da fällt mir gleich zu Beginn ein: Weil ich große Projekte, die ein wenig wie die „Theme“-Reihe funktionieren, heute kaum mehr zu Gesicht bekomme. Scheinbar sind diese Titel aus der Mode gekommen, denn abgesehen von ein paar Indie-Titeln fällt mir kaum ein Spiel ein, das diese Art von Wirtschaftssimulation mit einer bunten Welt und jede Menge Wuselfaktor bietet. Dazu kommt das Setting – die Welt der Filme bietet sich einfach an, Kreativität mit Wirtschaft zu verbinden und ist auch gar nicht so oft in einem Spiel zu sehen gewesen. Diese Mischung aus Filme drehen, Managen und die Stars zufriedenstellen ist bei The Movies zumindest für mich einfach aufgegangen und macht diesen Titel bis heute zu meinem Lionhead-Lieblingsspiel – sorry, Fable-Fans.

3 comments

  1. Danke für den neuen Blogeintrag von dir!
    Ich wünsche dir alles Gute, hatte gehofft das Shadowrun Online ein großer Erfolg wird 🙁
    Das du dennoch auch dieser Artikel-Serie treu bleibst finde ich einen tollen Zug hoffe du bist auch wieder einmal im SHOCK2 Podcast zu Gast, denke nicht nur ich schätzen deine sehr kompetenten und sympathischen Beiträge!

    • Danke – ich glaube, auf Erfolg hofft jeder, und das Aus mag nach viel harter Arbeit hart sein – aber so ist es nunmal, gerade als Indie – Fehler in einem Projekt können dich viel zu rasch den Kopf (oder die Firma) kosten.
      @Reihe: Ich würde sagen, es ist eher so, dass es mich der Reihe wieder näher bringt, einfach, weil die Zeit dafür wieder da ist … wobei, mal sehen. Ich will jetzt keine wöchentlichen Updates versprechen und das dann nicht halten können ^^.
      @Podcast: Mal sehen 😉

  2. Alexander Strellen

    Der Blog zeigt mir mal wieder wie viele Ansätze es noch für weitere gute Spiele geben kann. Das Setting mit einem Filmstudio ist so schön unverbraucht das es nach einer Neuauflage für die neue Hardwaregeneration schreit. Das hat sich damals schon von dem ganzen Einheitsbrei abgehoben und erst mit lesen der Überschrift von diesem Blog ist mir das Spiel wieder in Erinnerung gekommen.