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Asterix Review Special (28): Asterix im Morgenland

Aim singin in se rejnnn, dschast singin in se rejnnn …“

Kaum ein Satz aus einem anderen Asterix-Album fängt so schön die Stimmung und den Humor des jeweiligen Bandes ein, wie dieses, zugegebenermaßen ein wenig missglückte Zitat des musikalischen Klassikers aus dem verfilmten Musical „Singin’ in the rain (Du sollst mein Glücksstern sein)“ aus dem Jahr 1952, hervorragend dargeboten vom meisterhaften Gene Kelly. Denn im Juni 1987 beendete Albert Uderzo die Arbeit am 28. Asterix-Abenteuer, welches auch gleichzeitig sein viertes im Alleingang darstellt. Bereist am 21. Oktober gelangte „Astérix chez Rahàzade“, wie der Band im Original heißt europaweit in den Handel und stellt alle bis dahin aufgestellten Rekorde in den Schatten. 1991 zeigte man dies in einer Pressemitteilung und einer übersichtlichen Grafik. Mit fast 2,8 Millionen Ausgaben in der Startauflage rangiert die deutsche Fassung sogar noch vor der französischen Ausgabe mit 2 Millionen Exemplaren. Wesentlich geringer fallen die Versionen für Benelux (550.000 Exemplare), Skandinavien (435.000 Exemplare), Großbritannien (130.000 Exemplare), Spanien (100.000 Exemplare), Italien (90.000 Exemplare) und Portugal (50.000 Exemplare) aus.

Gallische Erfolgsstatistiken

Nur in der Gesamtrechnung aller bis dato erschienenen Abenteuer kann sich Frankreich den ersten Platz sichern. Mit 80 Millionen verkauften Alben seit dem Start 1961 rangiert die französische Ausgabe dennoch nur knapp vor Deutschland mit 70 Millionen Alben, die aber auch erst seit 1968 verlegt wurden. Die restlichen Versionen verteilen sich danach wie folgt. Mit jeweils 17 Millionen Alben seit 1986 (Skandinavien und Großbritannien), 8 Millionen seit 1965 (Spanien), je 6 Millionen seit 1962 (Benelux) und seit 1968 (Italien) und 4 Millionen seit 1966 in Portugal zeigen sich die absatzstärksten Märkte für den kleinen Gallier und seinen großen Freund. Zusammen waren das bis dato 208 Millionen verkaufte Exemplare.

Promokarte von Ehapa. Links die Vorderseite, rechts die aufgeklappte Karte.

Bereits im August schürte die Presseabteilung des Ehapa Verlages die Erwartungen an den neusten Asterix-Band, indem sie Karten verschickten, die eine kurze Sequenz aus dem Album in verschiedenen Entstehungsstufen darstellte. Darauf hieß es unter anderem: „Vier Jahre lang hatten wir nichts zu lachen …“ und man rühmte sich mit dem Erfolg von 2,7 Millionen verkauften Exemplaren des Vorgängerbandes „Der Sohn des Asterix“. Aber man wollte auch nicht Zuviel verraten und gab lediglich die Aussage, dass es sich bei den Bildern um Zeichnungen aus den ersten 30 Seiten des neuen Bandes handelt und dem Hinweis „Der Rest folgt in Kürze. „ASTERIX im Morgenland“ ist ab dem 21. Oktober 1987 überall im Handel erhältlich.“
Bereits im Jahr 1988 erschien das erste Abenteuer „Asterix der Gallier“ ein einer Neuauflage als Jubiläumsausgabe zum 20-jährigen Erscheinen in Deutschland. Auf acht Zusatzseiten gab es Informationen zu Asterix vom „Wie das so anfing mit Asterix …“ bis zum „… und wie weit er es bis heute gebracht hat!“ Immerhin hatte Ehapa bis hierher bereits 62 Millionen Ausgaben mit dem gallischen Helden in Deutschland abgesetzt, was wiederum einen Gesamtumsatz von 350 Millionen Mark bedeutete.

Die Original Filmplakate (Deutsche Version) der beiden Erfolgsfilme.

Noch vor dem Erscheinen dieses 28. Abenteuers hatte Asterix allerdings zwei weitere Abenteuer zu bestreiten. 1985 (in Deutschland 1986) mussten sich die gallischen Freunde im Kino nach dreijähriger Arbeit des Pariser Studios Gaumont gegen Cäsar behaupten in „Asterix: Sieg über Cäsar“ (OT: „Astérix et la surprise de César“), dem vierten Asterix-Film nach „Asterix der Gallier“ (OT: „Astérix le gaulois“, 1967), „Asterix und Kleopatra“ (OT: „Astérix et Cléopâtre, 1968) und „Asterix erobert Rom“ (OT: „Les douze travaux d’Astérix, 1975). Der oft in Asterix als Gaststar aufgetretene Pierre Tchernia verarbeitete hierfür Teile aus „Asterix als Gladiator“ („Astérix gladiateur“) und „Asterix als Legionär“ („Astérix légionnaire“) zu einem gelungenen Drehbuch.
Bereits ein Jahr später (1986 in Frankreich und 1987 in Deutschland) erlebten die Gallier ein weiteres Abenteuer, welches auf dem gleichnamigen Album „Asterix bei den Briten“ (OT: „Astérix chez les Bretons“) und von Gaumont mit einem Budget von 12 Millionen Mark umgesetzt wurde und den fünften Film darstellt.

Asterix im Morgenland
(Egmont, Oktober 1987)

Eines schönen Tages, das Dorf wurde dank Cäsars Hilfe, und seiner Legionen, wieder aufgebaut und die Gallier halten wie immer ein ausgelassenes Bankett ab, als plötzlich ein Inder von seinem fliegenden Teppich herab, genau in das gallische Dorf fällt. Erindjah, der Fakir, ist auf der Suche nach dem Mann der Regen machen kann, und meint damit Troubadix, der mit seinem Gesang den Himmel zum weinen bringt. Er soll mit in seine Heimat kommen, um dort die große Dürre zu beenden und seinem Herrscher dem Radscha Nihamavasah zu helfen, damit dieser seine schöne Tochter Orandschade nicht an den bösen Guru Daisayah und dessen Schergen Schandadh verliert. Der hatte gedroht Orandschade den Göttern zu opfern, wenn es nicht innerhalb der nächsten 1001 Stunden regnen würde. Also machen sich Erindjah und Troubadix, in Begleitung von Asterix, Obelix und Idefix auf den Weg, um es im fernen Orient, am Ganges endlich wieder regnen zu lassen und die hübsche Orandschade zu retten …

Wenn der Elefant krank ist, wird der Rüssel durchgeblasen. Vielleicht klappt das ja auch bei Troubadix.

Mit diesem exotischen und bezaubernden Abenteuer rechnet Albert Uderzo auch ein wenig mit den Geschichten aus Tausendundeinernacht ab. Dies wird nicht nur durch die 1001 Stunden-Frist, sowie des Titels Chez Rahàzade welches im französischen zu Scheherazade wird, womit die Märchenerzählerin aus den Geschichten von Tausendundeinernacht gemeint ist und die vielen kleinen anderen Anspielungen deutlich, sondern bereits auf der ersten Seite des Abenteuers. Denn dort vermerkt Uderzo ganz frech unter dem Titel des Albums im Zusatz: „Le compte des mille et une heures“. Was man leicht als „Erzählungen aus Tausend und einer Stunde“ übersetzen könnte, bekommt durch den Einsatz des Wortes „compte“ eine neue Bedeutung. Denn während „conte“ tatsächlich Erzählung bedeutet steht das hier eigentlich verwendete „compte“ für Abrechnung. Leider gehen viele dieser Anspielungen in der deutschen Fassung verloren.
Dafür hat die deutsche Version auch ein paar nette Gags zu bieten, welche so nicht im Original zu finden sind. Als Erstes wäre da der Fakir Erindjah, dessen name eine Anspielung auf die Fluggesellschaft Air India darstellt. Im Original heißt er etwas weniger kreativ Kiçàh (französisch für qui ça? – „wer?“). Ähnlich verhält es sich mit dem Radscha Nihamavasah (Nie haben wir Wasser) der im Französischen ebenfalls weniger spektakulär ausfällt. Hier heißt er schlicht Cékouhaçà (C’est quoi, ça? – „Was ist das?“). Bei der schönen Tochter Orandschade (im Original Raházade) geht leider der eigentliche Gag am Namen im deutschen eher verloren, da ihr Name lediglich eine Anspielung auf das beliebte Mixgetränk Orangeade ist. Auch die Bösen wurden mit witzigen Namen bedacht. Der Guru Daisayah (Da ist er ja) darf sich freuen, denn im französischen Original heißt er ganz einfach nur Kiwoàlàh (qui voilà? – „wer ist da?“) und auch sein Helfer Schandadh (der seinen Namen durch seine Schandtaten erhält) hört im Original nur auf den Namen Mercikhi (merci qui? – „Dank wem?“). Es gibt aber noch weitere Figuren und Helfer, die ich wenigstens kurz erwähnen möchte. Orandschade hat eine Bedienstete, welche immer brav nach Erindjah ausschau hält und auf den Namen Vluglodsah (Fluglotse) hört und im Original den Namen Seurhàne trägt. Ihr Originalname ist eine Anspielung auf die junge Schwester Anne (Sœur Anne) von Blaubarts junger Frau (aus dem gleichnamigen Märchen von Perrault). Zu guter Letzt wäre da noch der Elefantenbändiger Washupda (Was hupt da?, in Anspielung auf seine Elefanten) und im Original Pourkoipàh (pourquois pas – „warum nicht?“) heißt.

Die vielen Gesichter des Guru Daisayah.

Auch optisch hat Uderzo viele Anspielungen aus Tausendundeinernacht versteckt. Fliegende Teppiche und Fakire haben daran allerdings nur den geringsten Anteil. Am atemberaubendsten sind wie immer die Landschaften, die Uderzo erneut wundervoll in Szene gesetzt hat. Den für mich wohl bleibendsten Eindruck hat aber der Guru Daisayah hinterlassen, mit seinem riesengroßen Smiley auf dem gewandt, der auch gerne mal das Gesicht passend zu den Geschehnissen verzieht. Abgesehen davon ist er eine sehr deutliche Anspielung auf den von René Goscinny und Jean Tabary erfundenen Großwesir Isnogud (Bald mit neuen Abenteuern bei Dani Books), der in seinen Bemühungen Kalif, anstelle des Kalifen zu werden immer wieder scheitert. So hat es Uderzo ein weiteres Mal geschafft, seinem verstorbenen Freund Goscinny zu huldigen. Selbst bei Goethes „Erlkönig“ bedient man sich, wenn auch in abgewandelter Form. So sagt Orandschades Dienerin Vluglodsah auf die Frage ob sie denn schon was sieht: „Prinzess, Prinzess, ich seh es genau. Die Sonne ist rot und der Himmel blau“, wobei die hier angesprochenen Farben in Indien als magische Farben gelten und auch in der Darstellung des indischen Landes und der Gebäude und Trachten, immer wieder Verwendung finden. Gastauftritte gibt es diesmal kaum. Lediglich Mary Shelleys Frankenstein hat sich unter die Piratencrew gemischt.

Gelassene Fakire und Perverse Perser.

Für mich ist dieses Abenteuer wohl eines der Besten aus Uderzos Solozeit. Vielleicht bin ich aber auch ein wenig voreingenommen. Immerhin ist „Asterix im Morgenland“ der erste Band gewesen, der mir nach der Wende in die Hände gefallen war und somit, abgesehen von den Filmen, mein erster Berührungspunkt mit dem kleinen gallischen Helden war. Und auch wenn ich inzwischen alle Alben kenne, hat dieser Band immer einen ganz besonderen Platz in meiner persönlichen Rangliste. Aber auch sonst bietet der Band etwas Besonderes. Es war der Erste, für den es zusätzlich eine Ausgabe mit Skizzen in einer Auflage von damals nur 2.500 Stück und zum Preis von 49,50 DM veröffentlicht wurde.

Obelix ist vom indischen Dschungel ganz schön genervt.

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