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Kolumne: Pokémon GO – Wenn der Erfolg die Entwickler überholt

Das hat sich Niantic sicherlich etwas anders vorgestellt.

Pokémon GO ist nun seit einem Monat erhältlich. Klingt nicht nach viel, in der Welt der Smartphone-Spiele entspricht das eher einem ganzen Jahr. Viel hat sich getan. Über Nacht eroberten die kleinen Monster die App Stores. Typisch für Phänomene dieser Größe entwickelte sich schnell eine Katastrophen-Narrative, auf deren Zug die Medien erwartungsgemäß allzu gerne aufsprangen. Während diese jedoch so langsam ihr Interesse an Pokémon GO verlieren und sich wieder wichtigeren Themen widmen, werden andere Stimmen lauter. Unerwartet laut und forsch brüllt die Kritik mancher Spieler den Entwicklern Niantic entgegen, die nicht so richtig damit umzugehen wissen.

Was Pokémon GO ist: Ein netter Zeitvertreib während des Spaziergangs.

Was Pokémon GO nicht ist: Eine vollkommen funktionale App, ein ausbalanciertes Spiel, ein Ableger der Hauptserie mit all den Facetten und demselben Gameplay, ein schon seit mehreren Jahren existierendes und voll gepatchtes Spiel, ein weltweit verfügbares Spiel, “nur ein Ingress-Klon”.

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Zwei Mentalitäten stoßen aneinander. Die Entwickler möchten das Spiel in erster Linie in möglichst vielen Ländern veröffentlichen, in welcher Form auch immer. Die Spieler wollen das Spiel aus dem Trailer haben. Und sie wollen es jetzt. Die “Tracker-Kontroverse” verdeutlicht den Beziehungsstreit. Beim ersten Erscheinen bot die App einen eigenen Tracker, mit dem sich mit etwas Aufwand die Positionen der Pokémon relativ genau bestimmen lassen konnten. So war die gezielte Jagd auf die Monster möglich.

Die Betonung liegt auf “war”, denn das Feature gab schnell den Geist auf und funktioniert immer noch nicht. So blieb den Spielern also nichts anderes übrig, als ziellos durch die Gegend zu gehen und darauf zu hoffen, auf Pokémon zu stolpern. Manche spielten unbehelligt weiter, andere setzten sich hingegen an den Rechner und manipulierten den Code des Spiels, um eigene und noch bessere Tracker zu entwickeln. Pokévision und andere Programme konnten die genauen Positionen aller Monster auf Tastendruck anzeigen und brachen dabei natürlich sämtliche Richtlinien der Entwickler. Den Nutzern dieser Tracker war das freilich egal, für sie entfaltete sich erst jetzt das volle Potenzial des Spiels. Warum sich mit 12 Taubsis und vielleicht einem neuen Pokémon zufriedengeben, wenn man stattdessen auch einfach sofort und ohne unnötiges Umherirren Pikachu haben kann? Warum sich mit einer seichten Nebenaktivität während des Spazierganges zufriedengeben, wenn man doch stattdessen ein viel besseres Spiel haben könnte? Und überhaupt, Tracking war ja ursprünglich in der App und im Trailer.

Dass Trailer natürlich nicht immer das Endprodukt zeigen, wird hier gerne mal vergessen. Die Pokedexe füllten sich schneller als erwartet, die Levels stiegen schneller als erwartet und die Serverlast erreichte ihre Kapazität schneller als erwartet. Die Folge: Abstürze, Hänger, Frust. Und das auch bei den Spielern, die von den Trackern nichts wussten.

Niantic reagierte. Fremde Tracker werden nicht mehr geduldet und konsequent bekämpft. Zwar gibt es sie teilweise immer noch, ihre ursprüngliche Bequemlichkeit haben sie aber verloren. Die Reaktionen folgten sofort. Wütend sind die Nutzer, drohen mit dem Löschen der App und kritisieren die Entwickler als inkompetent. Der Vorwurf ist natürlich haltlos. Nur weil die Entwickler nicht jeden Wunsch einer Spielergruppe erfüllen, andere Prioritäten setzen und das Brechen ihrer Richtlinien nicht dulden, sind sie nicht gleich inkompetent. Inkompetenz zeigte Niantic jedoch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Viel zu spät äußerten sich die Entwickler und erklärten ihr Vorgehen. Die Kommunikation wirkt unbeholfen, amateurhaft und teilweise fragwürdig.

Es ist offensichtlich, dass vor dem Erscheinen die Öffentlichkeitsarbeit nicht an erster Stelle für Niantic stand, was auf der einen Seite durchaus einleuchtet. Niemand hätte sich sicher sein können, dass Pokémon GO z.B. die größte App aller Zeiten der US-Geschichte wird und etliche Rekorde bricht. Sich auf den Launch einer App vorzubereiten, ist immer eine Art Ratespiel. Wie viele Downloads werde ich in den ersten 24 Stunden, in den ersten drei Tagen, in der ersten Woche erzielen? Wie viele Nutzer werden die App in der ersten Woche wieder löschen? Wie oft und für wie lange werden Nutzer meine App am Tag verwenden? Wie viele von diesen Nutzern brauchen Support und wie viel Geld werden sie durch In-App-Purchases ausgeben? Auf dem überfüllten Markt überleben viele Apps die erste Woche nicht und erst recht nicht den ersten Monat. Da müssten Tweets und Facebook-Nachrichten fürs Erste wohl eher zweitrangig sein.

Andererseits, es ist Pokémon. Nach dem Boom aus den 90ern und bis dato 279 Mio. verkauften Spielen weltweit, hätte man das Interesse an Kommunikation auch vorhersehen können. Ein Community-Manager muss allerspätestens jetzt dringend her, um einen konstanten Kontakt zur Spielerschaft aufzubauen. Aber Niantics Prioritäten liegen aktuell nun mal woanders.
Die Kommunikation und die App werden stetig besser. Bugs werden behoben, Blog-Artikel verfasst und auch ein neuer Tracker zeigt erste Lebenszeichen.

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Man muss sich aber nichts vormachen; die lauten Kritiker werden vielleicht weniger, an ihrer Lautstärke dürfte sich trotzdem nichts ändern. Die Intentionen der Entwickler und die Wünsche mancher Spieler liegen einfach zu weit auseinander. Manche wollen mehr als eine seichte Nebenaktivität zum Spaziergang. Sie wollen im ersten richtigen Augmented Reality-Spiel untereinander Pokémon tauschen, sich in rundenbasierten Kämpfen duellieren, an Events teilnehmen und schnell ihren Pokédex füllen. Und selbst wenn das alles kommen sollte, wird auch das nicht genug sein. Denn Pokémon ist halt einfach Pokémon. Wenn die ganze Welt plötzlich in Nostalgie/Sammelwahn verfällt und selbst Facebook für Pikachu vernachlässigt, kann einfach nicht jeder zufriedengestellt werden.

Darf Niantic also überhaupt kritisiert werden? Natürlich. Ein Bug führte zum Verlust von vielen Pokébällen, für die man natürlich auch reales Geld ausgeben kann. Das muss kritisiert werden. Natürlich kann man jetzt auch die App löschen und vielleicht in ein paar Monaten erneut installieren, wenn alle Features drin sind, wenn sich über 700 Pokémon fangen lassen und die ländlicheren Regionen endlich mehr Unterstützung von Niantic erhalten.

Doch sollte man sich bezüglich des Umfangs des Spiels und der Features in Erinnerung rufen, dass die App gerade mal einen Monat alt ist. Auch wenn es sich eher wie ein ganzes Jahr anfühlt. (kf)

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