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Spiele, die ich vermisse #11: Ace Attorney

Nicht immer müssen Spiele, die man vermisst, aus Retro-Zeiten stammen, wie ich dieses Woche feststellen musste. Rund um die Tokyo Game Show wurde mir aufgrund von Trailern klar, dass ich ein Spiel vermisse, das ich noch keine zehn Jahre kenne, sondern erst 2006 in mein Leben getreten ist. Die Rede ist von der Ace Attorney-Reihe, einer Serie, die hierzulande erst mit der DS-Umsetzung bekannt wurde, in Japan aber schon vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal erschien.

Die Prämisse von Ace Attorney ist rasch erklärt: Ihr schlüpft in die Rolle eines Strafverteidigers – meist Serienprotagonist Phoenix Wright – und müsst dafür sorgen, dass eure Klienten nicht vor Gericht schuldig gesprochen werden. Das dazugehörige Prozesssystem ist dabei nicht an das amerikanische, das man aus diversen Serien oder Filmen kennt, angelehnt, sondern orientiert sich am japanischen Prozedere, auch wenn die Lokalisierung das Spiel nach L.A. verlagert. Soll heißen: Staatsanwälte sind hoch angesehen und leiten die Ermittlungen; ein Angeklagter wird in der Regel auch schuldig gesprochen, da die Ankläger vor allem jene Prozesse vor Gericht bringen, die sie vermutlich auch gewinnen werden. Strafverteidiger hingegen werden geringgeschätzt – sie müssen weniger lernen, verdienen weniger, und manche von ihnen gewinnen niemals auch nur einen einzigen Prozess.

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Mit diesem Hintergrund ist es auch vollkommen klar, warum in den Ace Attorney-Geschichten Phoenix immer wieder von oben herab behandelt wird, warum die Staatsanwälte – und insbesondere Erzrivale Miles Edgeworth – derart glorifiziert werden – und warum es wichtig ist, dass es einen Verteidiger wie Phoenix gibt, der seinen Mandanten glaubt, dass sie unschuldig sind, und alles tut, um einen Schuldspruch zu vermeiden. Denn die Zeit drängt: In der Gerichtsordnung von Ace Attorney sind maximal drei Tage für einen Prozess vorgesehen – gelingt es Phoenix bis dahin nicht, die Unschuld zweifellos zu beweisen, wandert der Angeklagte lebenslang hinter schwedische Gardinen.

Erzählt wird die Geschichte hinter den zahlreichen Fällen (meist gibt es fünf pro Spiel) im Stil eines japanischen Adventures – ein Genre, das bei uns recht rar ist, aber in Japan eines der wichtigsten überhaupt ist. Ein Markenzeichen dieser Art von Spielen ist ein eigentlich recht minimalistisches Spielprinzip, das sich der Geschichte unterordnen muss. Im Fall von Ace Attorney läuft das Spiel in zwei Phasen ab: Zunächst muss Phoenix – oft unterstützt von wechselnden Begleitern – den Fall untersuchen, wofür er zum Tatort reist, nach Beweisen sucht, mit Zeugen spricht, etc. Hat man alles erledigt, was das Spiel für diesen Tag vorgesehen hat – Abweichungen sind nicht vorgesehen, man muss alles tun, was für das jeweilige Kapitel geplant ist – wechselt das Spiel in die zweite Phase und damit in das Gericht. Hier ist es eure Aufgabe, den meist sehr siegessicheren Staatsanwalt im direkten “Duell” in seine Schranken zu weisen und die Lücken in seiner Beweisführung zu finden bzw. die Zeugen im Kreuzverhör unglaubwürdig zu machen. Das wichtigste Mittel hierfür sind eure Beweise, die sich im Aktenkoffer stapeln, und mit denen ihr Widersprüche aufdecken könnt, wenn ihr sie zum richtigen Zeitpunkt (bzw. zur passenden Aussage) präsentiert. Allerdings solltet ihr nicht einfach wahllos mit Beweismitteln um euch werfen, denn macht ihr zu viele Fehler, erklärt der Richter den Prozess für beendet und euer Mandant ist schuldig. Übersteht ihr den Tag, kommt es zu einem Freispruch – oder aber ihr landet wieder in Phase eins, da der Richter weitere Untersuchungen anordnet und somit die Verhandlungen um einen Tag verlängert.

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Ihr merkt vielleicht schon, das „Adventure“ ist bei der Genrebezeichnung „japanisches Adventure“ für unsere westlichen Ohren ein wenig irreführend. Geht es bei uns in einem Adventure vor allem um Puzzles, das geschickte Kombinieren von Items und das Überwinden von Hindernissen, ist es in Ace Attorney ausreichend, alle Gespräche zu führen und alle Items einzusammeln, und dann die richtigen Gegenstände zum richtigen Zeitpunkt zu zücken und herauszufinden, wann ein Zeuge im Widerspruch zum Beweismaterial steht. Oft genug habe ich die Spiele deshalb mit den Rätselkrimis von früher verglichen, bei denen man anhand des Textes herausfinden soll, wer nun der Täter war. Der Vergleich ist gar nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen – eines der wichtigsten Untergenres der japanischen Adventures ist das Visual Novel, die eine Art multimedialen Roman mit wenigen Entscheidungsmöglichkeiten darstellen.

Meine persönliche Geschichte mit Ace Attorney begann mit dem Release der DS-Version (der ersten, die zu uns kam) in Europa. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich Details über den Titel aufgeschnappt habe – da ich zu diesem Zeitpunkt aber zumindest schon als freier Newsschreiber Teil des consol-Teams war, ist es vermutlich irgendwie über meine diversen Kanäle als Newsposter passiert. Bis heute weiß ich nicht genau, was mich an dem Titel interessiert hat. Ich bin kein großer Krimi-Fan, ich schaue mir keine Gerichtssendungen an und wenn möglich halte ich mich von Anime und Manga fern. Also eigentlich keine wirklich guten Voraussetzungen, dass der Titel und ich gut zusammenpassen würden – aber ich entschloss mich, den Sprung zu wagen und mir das Spiel dennoch zu holen. Und das war eine sehr gute Entscheidung.

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Wer meine Blogs regelmäßig liest, weiß vermutlich, dass ich ein großer Fan von Geschichten in Spielen bin. Und genau davon bietet Ace Attorney eine ganze Menge – genauso wie zahlreiche schräge, überzeichnete Charaktere, wie den trotteligen Detective Gumshoe, das naive angehende Medium Maya Fay, das Phoenix die meiste Zeit als Assistentin begleitet, aber auch den etwas ratlosen Richter und natürlich die diversen Staatsanwälte. Diese Figuren – die nur spärlich animiert dargestellt werden – und die groß angelegte Geschichte (die ersten drei Teile sind eindeutig als Trilogie angelegt, bei der Ereignisse aus dem ersten Spiel Auswirkungen bis in den letzten Teil haben) entschädigen für etwas spärliche spielerische Inhalte. Auch der Wiederspielenswert ist nicht so hoch, wie er sein könnte – statische Story und keine Entscheidungsmöglichkeiten führen dazu, dass man das Spiel zwar gerne wieder in die Hand nimmt, aber eher so, wie man einen vertrauten Film wieder in den Blu-ray-Player legt oder ein Buch wieder in die Hand nimmt: Man kennt die Handlung bereits, aber man möchte sie einfach nochmals erleben.

Das führt mich auch schon zu dem Punkt, warum ich die Ace Attorney-Reihe vermisse: Weil ich die Geschichten rund um Phoenix und seine Begleiter mag. Weil ich die schrägen Fälle schätze, die oft auf den ersten Blick undurchschaubar waren und erst nach und nach besser verständlich wurden – und das ohne allzu große Logikbrüche. Weil ich die Gameplaysequenzen – trotz ihrer Einfachheit – zu schätzen gelernt habe. Weil ich die spannenden Duelle im Gerichtssaal vermisse. Und – nicht zuletzt – weil mir erst diese Woche wieder klar geworden ist, dass ich die spannenden Ausflüge in die Welt der Morde und Kriminalfälle vermisse – was wohl daran liegt, dass der letzte Spin-off der Serie, Ace Investigations 2, noch nicht in den Westen gekommen ist und sowohl der nächste Teil der Serie (Ace Attorney 5 – diesmal wieder mit Phoenix als Protagonisten) und das Crossover Professor Layton vs. Ace Attorney noch auf sich warten lassen. Trösten kann ich mich allerdings inzwischen mit den zahlreichen Umsetzungen: Zwar erschienen die ursprüngliche GBA- und die folgende PC-Version nie bei uns, aber dafür könnt ihr zumindest bei den ersten drei Teilen zwischen der DS-, WiiWare- und der iOS-Variante wählen. Nur beim Spin-off und Teil vier müsst ihr zwingend einen DS besitzen.

Zum Abschluss noch ein kurzer Ausflug in andere Medien: Ace Attorney ist in Japan äußerst populär und ist dementsprechend mittlerweile mehr als ein Videospiel. Neben einer Mangaserie gibt es auch zwei Musicals (ein drittes ist in Entwicklung), das von der Takarazuka Revue entwickelt wurde, bei der ausschließlich Frauen spielen (vielleicht kennen einige von euch Videos zu ihren Aufführungen des Musicals „Elisabeth“). Dieses Jahr feierte darüber hinaus auch der Film Premiere, der unter der Regie von Takashi Miike entstand. Eine synchronisierte Fassung soll bei uns Anfang 2013 auf DVD erscheinen. Ich freue mich schon darauf – und zwar nicht nur deshalb, weil es aus Japan schon heißt, es handle sich um eine der besten Videospielverfilmungen aller Zeiten …