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Brettspiel-Review: Dune: Imperium

Kampf um Arrakis

Nachdem es lange Jahre recht ruhig um die bekannte SciFi-Reihe Dune war, ist Frank Herberts Meisterwerk nun in aller Munde. „Schuld“ daran hat natürlich vor allem der aktuelle Kinofilm von Denis Villeneuve, aber auf der davon losgetretenen Dune-Welle erscheinen auch Comics und Brettspiele. Heute wollen wir uns mit letzterem beschäftigen: Kann uns Dune: Imperium ähnlich begeistern wie der Film?

Ein guter Mix macht’s aus

In Dune: Imperium spielt ihr einen Vertreter eines großen Hauses und versucht, durch geschicktes Taktieren in diversen Bereichen am Ende den Sieg über die anderen davonzutragen (sprich: die meisten Siegpunkte zu haben). Der Weg dahin kann über verschiedene Pfade gelingen, wer sich aber auf nur eine Möglichkeit konzentriert, wird vermutlich gnadenlos untergehen. Der richtige Mix macht es aus. Dieses Prinzip setzt sich im ganzen Spiel fort, denn Dune: Imperium setzt auf multiple Spielmechaniken, die alle ineinandergreifen; nichts davon ist völlig neu, aber im Zusammenspiel ergeben sich spannende Kombinationen, die jede Partie anders machen. Trotzdem spielt sich eine Runde flott (die angegebenen 60 bis 120 Minuten sind je nach Spieleranzahl und Entschlussfreudigkeit der Mitspieler durchaus realistisch) – wenn man die erste Hürde überwunden hat: Wir haben zwar schon dickere Anleitungen gesehen, aber dennoch könnten Anfänger im ersten Moment an der Seitenzahl des Handbuchs und der Menge der darin vorgestellten Mechaniken verzweifeln, die vielleicht etwas schlanker und griffiger formuliert werden hätten können. Das ist allerdings eher eine Einstiegshürde: Hat man das Handbuch gelesen, den Mitspielern die Regeln erklärt und vielleicht auch noch die erste Partie gespielt, geht das Gameplay rasch in Fleisch und Blut über und spielt sich – trotz der Komplexität – erfreulich flott. Trotz allem sollte man hier vielleicht schon festhalten: Dune: Imperium ist kein Titel für Anfänger, sondern für erfahrenere Spieler, die sich gerne an Kennerspielen versuchen wollen.

Die inneren Werte

Ein paar Worte noch zur Spielmaterial: In der Schachtel warten zahlreiche Karten, Marker und Spielsteine und natürlich der Spielplan, die (bis auf die Spielsteine) an das Design des neuen Villeneuve-Films angelehnt sind und sich auch wertig anfühlen. Schade sind aber zwei Dinge: Erstens, dass man bei der Fülle an Kleinteilen nicht auch gleich an ein passendes Sortiersystem gedacht hat. Zwar finden sich einige Plastiksäckchen in der Schachtel, aber im Endeffekt liegen Karten und sonstige Kleinteile recht lose in der Box. Das haben wir schon besser gelöst gesehen – sogar bei Spielen im niedrigeren Preissegment. Zweitens haben die Marker nur bedingt bis gar keinen Dune-Bezug – noch mehr gilt das für die Einheiten (einfache Holzwürfel). Zwar gab es (zumindest im englischsprachigen Raum) ein eigenes Deluxe-Upgrade-Pack, bei dem ihr deutlich detailliertere und thematisch passendere Marker und Figuren geliefert bekommt, allerdings darf man sich wohl zurecht die Frage stellen, warum man allein dafür nochmal den Preis des Spiels drauflegen soll – und warum nicht zumindest einzelne Marker gleich in dieser Form mitgeliefert wurden. Das schmälert den positiven Eindruck ein wenig, ist aber auch kein Deal-Breaker.

Wer die schöneren Figuren will, muss sich ein eigenes Zusatzpaket kaufen

Deckbuilding und Worker Placement

Die zwei zentralen Gameplay-Prinzipien in Dune: Imperium sind Deckbuilding und Worker Placement. Beides kennen wir natürlich aus diversen anderen Spielen, spannend ist aber, wie gekonnt diese beiden Spielideen ineinandergreifen: Aus einem (für alle Spieler gleichen) Startdeck aus zehn Karten kann im Laufe der Zeit durch Einkäufe aus einer Auslage und dem Entsorgen von Handkarten ein eigenes Deck erstellt werden, das hoffentlich zu eurem Spielstil und eurer Taktik passt. Mit den jeweils fünf Handkarten, die ihr jede Runde neu zieht, müsst ihr nämlich gleich mehrere Aktionen durchführen. Zunächst wird reihum eine Karte gespielt, um einen Agentenzug zu machen – womit wir beim Worker Placement wären. Die Symbole auf der Karte bestimmen, auf welche Felder ihr einen Agenten schicken könnt, sofern ihr die eventuell dafür nötigen Ressourcenkosten (Spice, Wasser, Solari) bezahlen könnt. Danach könnt ihr die zum Feld gehörende Aktion durchführen und bekommt zusätzlich noch eventuelle Boni, die auf der Karte vermerkt sind. Allerdings kann in einer Runde jedes Feld nur einmal gewählt werden, wodurch es rasch zu einem Wettrennen kommt, wenn zu viele Spieler ähnliche Ressourcen benötigen oder ähnliche Taktiken verfolgen; andererseits kann es durchaus passieren, dass ihr gewisse Felder gerade unbedingt spielen müsstet, aber das eure Karten nicht erlauben. Wer nicht gut aufpasst, wie das Deck zusammengesetzt ist, kann böse Überraschungen erleben und muss miterleben, wie die Konkurrenz davonzieht.

Viele Schlachtfelder auf einmal …

Zu Beginn habt ihr nur zwei Agenten, könnt also auch nur zwei solcher Züge machen (später könnt ihr euch noch einen dritten freischalten). Doch was ist mit den übrigen Karten? Seid ihr an der Reihe, könnt oder wollt aber keinen Agentenzug mehr machen, müsst ihr die übrigen Karten offen ablegen. Das nennt sich Aufdeckzug und bedeutet, dass ihr euren Zug beendet, aber auch die auf den Karten angegebenen Aufdeck-Effekte eintreten – auch hier muss man sich also überlegen, ob man eine Karte lieber für einen Agentenzug nutzt oder sie sich fürs Aufdecken aufhebt. Hier bekommt ihr zum Beispiel zusätzliche Ressourcen für die nächste Runde, Kampfstärke (dazu gleich mehr) oder Einfluss, mit dem ihr neue Karten kaufen könnt. Haben alle Spieler ihre Karten aufgedeckt, wird abgerechnet – und gekämpft: Am Ende jeder Runde gibt es nämlich ein Gefecht, bei dem die militärische Stärke der Fraktionen verglichen wird und bei dem auf den Sieger (aber auch den Zweit- und je nach Anzahl der Spieler auch Drittplatzierten) Boni warten. Hier entscheiden eure Mannstärke im Feld genauso wie die Schwertsymbole, die ihr beim Aufdecken bekommen habt, ob ihr den Sieg davontragen könnt. Die Konflikte dienen auch dazu, die Spielzeit zu begrenzen, denn kann keine Konfliktkarte nachgezogen werden, endet das Spiel, auch wenn die Siegpunktgrenze noch nicht erreicht ist.

… und noch ein paar Nebenschauplätze

Klingt schon kompliziert? Auch wenn es noch ein paar weitere Gameplay-Mechanismen gibt, wollen wir diese hier nur noch streifen: So bringen euch Aktionen für diverse Fraktionen wie die Bene Gesserit, den Imperator, die Fremen oder die Raumgilde Ruhm bei diesen mächtigen Gruppierungen ein, was euch wiederum Siegpunkte und sonstige Boni bringen kann; auch haben eure Anführer spezielle Fähigkeiten, Intrigenkarten können mit Einmaleffekten einen Konflikt, euren Zug oder gar das Finale gründlich durcheinanderwirbeln und ihr könnt Einfluss in gewissen Gegenden erlangen. All das kann euch dem Ziel, als erster zehn Siegpunkte zu erringen, schnell näherbringen – oder je nach Spielverlauf auch dafür sorgen, dass ihr recht lange am unteren Ende der Skala hängen bleibt. Nur, wer all diese Teile des Spiels richtig zusammenführt und optimiert, hat eine Chance auf den Sieg. Das macht die diversen Partien abwechslungsreich, denn die richtige Taktik für ein Duell der großen Häuser kann beim nächsten Mal aus diversen Gründen scheitern.

Die Companion-App hilft euch optional beim Spielen mit Automata-Gegnern.

Einzelkämpfer oder großer Krieg?

Eine Partie Dune Imperium kann mit bis zu vier Spielern am Tisch gespielt werden. Am meisten Spaß macht eine Runde allerdings am oberen Ende dieser Skala – mit drei oder vier Teilnehmern werden genügend Karten gekauft, dass die Auslage oft genug wechselt (es gibt nämlich keine Möglichkeit, die Auslage abzuwerfen), und die diversen Taktiken eurer Konkurrenten werden regelmäßig dazu führen, dass ihr eure Pläne umstellen müsst, weil „eure“ Felder schon besetzt sind. Etwas weniger Spaß macht die Partie zu zweit. Hier bekommt ihr einen Automata-Konkurrenten hinzugefügt, der sowohl Truppen aufmarschieren lässt als auch zufällig Felder besetzt, was ausreicht, um eure Spielzüge durcheinander zu wirbeln, aber aufgrund der Zufälligkeit der automatisierten Züge sich nicht ganz so befriedigend anfühlt. Im Solo-Gameplay tretet ihr sogar gegen zwei solcher Gegner an, was sich zu einer ganz interessanten Herausforderung entwickeln kann, uns aber weniger auf Dauer motiviert hat. Übrigens: Die Automata-Gegner können sowohl per App als auch per Karten ins Spiel eingebaut werden.

 

Fazit

Wertung

gelungener Gameplay-Mix mit Dune-Anstrich

Dune: Imperium verbindet gekonnt zahlreiche Spielideen, die wir aus anderen Spielen kennen, zu einem frischen Mix, bei dem nicht nur die richtige Taktik, sondern auch das nötige Spielglück den Ausschlag zwischen Sieg und Niederlage geben kann. Was nutzt die beste Taktik, wenn das Deck die nötigen Züge nicht erlaubt? Was nutzen mir die richtigen Karten, wenn die Konkurrenten die nötigen Spielfelder wegschnappen? Wie soll ich mich auf das Sammeln von Spice, Wasser und Solari konzentrieren, wenn meine Aufmerksamkeit auf das Schlachtfeld gerichtet sein sollte? Und wer konnte schon damit rechnen, dass eine Intrigenkarte den ganzen Zug plötzlich völlig umdreht? Es sind diese Situation, die eine Partie Dune: Imperium immer wieder spannend machen – vor allem im Spiel zu dritt oder zu viert. Der Zwei-Spieler-Modus ist zwar eine nette Zugabe, aber der „Zusatzgegner“ bleibt einfach zu unkalkulierbar, um genau soviel Spaß zu machen wie menschliche Gegenspieler. Gesamt ist Dune: Imperium aber ein interessantes Spiel mit dem gewissen Wüstenplanet-Flair - der Titel fängt gekonnt die vielen verschiedenen Fraktionen und Aufgabenfelder ein, die man auf dem Weg nach oben beachten muss, auch wenn man festhalten muss, dass das Gameplay vermutlich genauso gut mit einem anderen Anstrich funktionieren würde. Das Spiel punktet mit vielen Möglichkeiten, dauert trotzdem nicht zu lange und ist – auch wenn die Einstiegshürde für Casual-Spielrunden dank dickem Handbuch und einigen Fragezeichen, die erst eine erste Spielrunde klären konnte, etwas zu hoch ist – schnell zu begreifen. Mit dem Meistern sieht es dann allerdings wieder anders aus …

Genre: Deckbuilding/Worker Placement
Verlag: Asmodee
Spieleranzahl: 1-4
Alter: ab 10 Jahren
Spieldauer: 60-120 Minuten
Preis: ca 50 Euro

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Dune: Imperium

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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