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Review: Microsoft Flight Simulator

Logbuch des Captains

Seit dem Release des Flight Simulators darf ich meine Runden in den virtuellen Himmeln der Welt ziehen. Hier ist mein Pilotenlogbuch, in dem ich Miss- und Erfolge verzeichnet habe und so nebenbei herausgefunden habe, ob der neue Flight Simulator eine neue Sternstunde am Fliegerhimmel oder eine Bruchlandung ist.

Vor dem Flug …

Bevor wir uns ans Abheben machen, möchte ich allerdings kurz einen Punkt erwähnen, der nicht Teil der Bewertung sein soll, aber vielen Spielern gleich zu Beginn den Spielspaß verhagelte: Der Flight Simulator ist ein großes Spiel, das über 100 GB auf eurer Festplatte (bzw. optimalerweise einer SSD) verbraucht. Dennoch ist der Client, den ihr via Windows Store oder Steam bekommt, relativ klein. Erst nach dem Starten des Flight Simulators beginnt der eigentliche Download, der zum Release über 90 Gigabyte umfasste. Das mag jetzt (abgesehen vom Zeitfaktor) kein großes Problem mehr sein, zum Launch sorgte es allerdings für zahlreiche wütende Meldungen: Die Server hielten dem Ansturm nicht stand, es kam zu Verbindungsabbrüchen, langen Wartezeiten oder nicht zustande kommenden Verbindungen. Dazu kam, dass dabei das Spiel schon lief, was natürlich bezüglich der Rückgabefristen auf Steam problematisch werden hätte können (Valve erklärte allerdings, dass man die Downloadzeit nicht berechnen wolle). Diese Probleme scheinen jetzt weniger geworden zu sein, allerdings muss man sich bei Microsoft wohl trotzdem die Frage gefallen lassen, warum man hier nicht gleich das ganze Spiel auf einmal optimalerweise preloaden konnte, statt alle gleichzeitig auf die Downloadserver loszulassen. Andere Firmen schaffen das doch auch.

Tag 1: Wo ist mein Haus?

Nachdem die Installation endlich abgeschlossen ist, wage ich gleich die erste Runde. Als Veteran der Serie entscheide ich mich (vielleicht etwas zu mutig) für die mittlere Realismus-Stufe – ein bisschen Herausforderung ist gut, aber die volle Härte der echten Flugphysik muss dann doch nicht sein. Statt die Flugschule aufzusuchen, wie ich eigentlich geplant hatte, entscheide ich mich dann zunächst, den stark beworbenen grafischen Realismus des Flight Simulators zu testen und mein Haus zu suchen. Aus Faulheit entscheide ich mich dagegen, schon jetzt Flightstick, Pedale und Throttle aufzubauen, sondern setze auf meinen einfachen Joystick für die erste Runde. Hier gibt es gleich die erste Überraschung: Das Spiel erkennt den Stick zwar problemlos, aber weist keine Flugfunktionen automatisch zu. Deshalb muss ich vor dem ersten Flug erst in die Konfiguration, um ein paar grundlegende Einstellungen vorzunehmen – zumindest die Ruder und der Schubhebel. Den Rest kann ich für meinen ersten Testflug auch per Tastatur steuern. Auswendiglernen der Belegung ist übrigens zunächst auch nicht nötig – die ersten Grundfunktionen wie das Lösen der Bremsen oder wie man die Klappen einfährt, erklärt das Spiel per aufploppendem Hilfetext.

Nächster Schritt: Ein Flugplan. Ich wähle eine kleine Cessna (ein recht einsteigerfreundliches Propellerflugzeug) und einen der beiden Flughafen meiner Heimatstadt aus, stelle aber etwas überrascht, dass der zweite fehlt – hat man nicht etwas vollmundig angekündigt, alles, was eine Piste hat, an Bord zu haben? Na gut, man kann nicht alles haben. Eine kurze Ladezeit später stehe ich auf dem Flughafen, abflugbereit direkt auf der Startpiste (ich hätte aber auch abseits der Piste parken können, wo ich das Startprocedere durchgehen bzw. an einen virtuellen Copiloten delegieren hätte müssen – für die erste Runde definitiv nicht nötig). Kurz genieße ich die tolle Optik, die gegenüber dem Flight Simulator X tatsächlich deutlich gewonnen hat (und dem echten Flughafen recht nahekommt), dann gebe ich Vollgas und hebe ab. Soweit, so einfach – aber dann bekommt der Plan „besuchen wir mein Haus“ doch einen gewissen Rückschlag. Irgendwo zwischen „Balance halten“, „Trimmung einstellen“ und dem Versuch, die Orientierung zu bewahren (und tief genug zu fliegen, um das Haus zu entdecken), endet der Flug recht bald mit einem schwarzen Bildschirm – zu große Belastungen für das Flugzeug, erklärt mir eine etwas emotionslose Meldung. Gut, ich bin wohl ein bisschen aus der Übung gekommen.

Knapp darauf gelingt es mir allerdings, meine Siedlung zu finden. Dass das erstaunlich leicht vonstattengeht, ist (neben der Nähe meines Hauses zum Flughafen) der Anbindung des Flight Simulators an Microsofts Online-Kartenmaterial und der Macht der Cloud zu verdanken. Satellitenbilder und künstliche Intelligenz sorgen für realistische Landschaften und Städte, dazu kommen auch noch auf Wunsch aktuelle Wettereffekte. Dennoch gibt es zwei Einschränkungen: Die KI berechnet im Normalfall aus den Informationen der Satellitenbilder Gebäude, was heißt, dass euer Haus nicht aussehen wird wie das Gebäude eben aussieht, sondern nur auf dessen Grundriss basiert. Ausnahmen gibt es nur für wichtige Objekte, wie gewisse Flughäfen und Sehenswürdigkeiten. Hier gibt es bereits einige Seiten im Internet, die Jagd auf Fehler oder Auslassungen machen – Buckingham Palace als Bürohaus, zum Beispiel. All das erfordert allerdings, dass ihr online seid und benötigt konstanten Datentransfer. Wer offline fliegen möchte, kann das zwar, muss aber Abstriche machen. Ähnliches gilt auch für Besitzer schwächerer Rechner, denn der Flight Simulator kann besonders über Städten auch aktuelle Computer ordentlich auslasten. Dennoch: Auch wenn die Technik nicht perfekt ist (und in manchen Gegenden besser funktioniert als in anderen, Stichwort Satelliten-Abdeckung), sorgt sie für Realismus und ist eine eindrucksvolle technische Leistung: Ich habe – zumindest aus der Luft – meine Siedlung wiedererkannt und nach ein paar Schleifen auch mein Haus entdeckt. Das war auch das Highlight dieses ersten Fluges. Die geplante Landung hingegen endet im Desaster – beziehungsweise irgendwo neben der Landebahn.

Tage 2 bis 4: Training

Gut, Tag 1 hat bewiesen, dass es doch eine gute Idee wäre, die Flugschule zu absolvieren. Das hatte ich allerdings sowieso vor, war das doch eines meiner Lieblingsfeatures des Flight Simulators X – klein anfangen, die Grundlagen von Sicht- und Instrumentalflug lernen, sich von der Propellermaschine zur Verkehrsmaschine hocharbeiten. Diesen Plan habe ich auf dem Flight Simulator X aus diversen Gründen nie umgesetzt, jetzt wollte ich es aber unbedingt nachholen. Leider sollte dieser Plan nicht aufgehen, denn Microsoft hat die Flugschule radikal gekürzt. Der Unterricht umfasst nur ein paar Grundlagen, Starts, Landung und Sichtnavigation, aber das war es auch schon wieder. Und auch die Lektionen sind ein wenig ein Rückschritt: Das Theoriematerial, das man sich vorher durchlesen konnte, wurde entfernt und nicht alle Flugstunden funktionieren einwandfrei, wenn man nicht ganz so fliegt, wie das Programm es erwartet. Es reicht für die Grundlagen, aber wirklich vorbereitet auf die weite Flugwelt da draußen fühle ich mich nach den Lektionen nicht.

Es hilft auch nicht, dass ich nun auf mein HOTAS-System gewechselt bin, das zwar besser eingebunden wird als im Vorgänger, aber ebenfalls von vorne konfiguriert werden muss, bevor ich es verwenden kann. Dass ein dabei gemachter Fehler gleich einen Absturz provoziert (Stichwort: Quer- und Seitenruder verwechselt) unterstreicht meinen ersten Eindruck: Der Flight Simulator ist ein tolles Stück Software, aber in Sachen Einsteigerfreundlichkeit wäre mehr drin gewesen. Ja, es gibt für einige Eingabegeräte vorgefertige Konfigurationen, und spielt man auf „einfach“, wird man viele Probleme nicht haben, sondern kann problemlos die Welt genießen. Doch wer etwas mehr Realismus will oder eben andere Sticks nutzt, muss sich auf ein paar Hürden gefasst machen. Ich zeige mich allerdings lernbereit und fliege noch etliche Runden mit der Cessna, um mich an ihr Handling zu gewöhnen. Langsam zeigen sich dabei auch einzelne Erfolge – sogar Landungen gelingen, allerdings manchmal mit mehr Glück als Verstand. Dabei helfen auch einige Komfortfunktionen, die zum Beispiel die Sicht-Navigation per Wegpunkten erleichtern.

Intermezzo: Airbus-Troubles

Seit Thalions Airbus A320 habe ich ein Faible für große Verkehrsmaschinen. Mich interessiert dabei weniger das manuelle Herumfliegen denn das Navigieren mit Autopilot, die Reise von A nach B über die Luftverkehrswege. Deshalb wollte ich unbedingt zwischendurch auch mal einen der großen Jets ausprobieren und entschied mich aus nostalgischen Gründen gegen Dreamliner & Co. für den A320 NEO. Hier zeigen sich die oben geschilderten Einsteiger-Probleme ziemlich drastisch: Eine Verkehrsmaschine ist kein Fahrrad, das ist klar, aber ohne Erklärung im Cockpit zu sitzen und keine Ahnung zu haben, wie man mit der Kiste umgeht, ist einfach nur überfordernd, vor allem, weil jedes Cockpit anders ist. Tutorial für den Flugzeugtyp? Gibt es einfach nicht. Mein Airbus-Intermezzo blieb also zunächst einmal kurz: Ja ich komme (trotz eines Konfigurationsfehlers, dank dem ich nur mit einem Triebwerk fliege – ich hätte den zweiten Schubregler assignen sollen) in die Luft, scheitere aber dann heillos an der Navigation und daran, Cockpitfunktionen zu wählen und die Kiste gerade halten zu müssen. Auch andere Flugzeuge probierte ich eher nur kurz aus. Rasch ist mir klar, warum ein Pilot für jeden Flugzeugtyp eine Schulung braucht – jedes System ist anders, allein mit dem Lernen der Bordsysteme kann man sicher Stunden verbringen. Das Spiel unterstützt uns hier aber eigentlich gar nicht.

Tag  5 – 7: Mehr Cessna

Deshalb blieb ich noch für eine Weile in der Cessna und erkundete stattdessen die Welt, flog quer durch die Welt von A nach B und wurde besser darin, zu navigieren – oft mit Hilfe des Towers, der mir sagte, wohin ich als nächstes fliegen sollte. Auch hier wurde leider ein wenig am Material gespart – eine Landung in Teneriffa wäre zum Beispiel vermutlich besser ausgegangen, wenn das Spiel Approach Charts bieten würde (oder mir irgendjemand erklärt hätte, wie man nach Instrumentalregeln navigiert), und auch bei der Instrumentennavigation müssen wir uns darauf verlassen, dass das Spiel eine gute Route auswählt, statt Flugkarten zu nutzen. Diese sind nämlich allesamt nicht digital vorhanden, sondern können höchstens als externe Referenz dienen. Das zeigt zwar, dass das Spiel exakt genug ist, um echtes Kartenmaterial zu verwenden – allerdings leider auch, dass man es vielleicht auch integrieren hätte sollen. Eventuell hilft hier eines Tages der Shop, der bislang noch eher leer ist, über den aber digitale Zusatzinhalte gekauft werden können. Erfahrung aus den bisherigen Flight Simulator-Spielen zeigt, dass hier einiges auf uns zukommen könnte, von detaillierteren Flughäfen (die es zum Teil jetzt auch schon in den „höheren“ Editionen gibt) bis hin zu mehr Flugzeugen (auch hier gibt es mehr Auswahl in den teureren Versionen) und praktischen Tools.

Tag 8 – ?: Vertraue der Community

Schlussendlich wollte ich es aber doch wissen, kehrte zum A-320 zurück und vertraute der Community, die Lücke zu füllen, die der Flight Simulator leider gelassen hat. Mithilfe einer Videoreihe, in der ein ausgebildeter A320-Pilot die Maschine im Flight Simulator vorstellt und demonstriert, wie man den Flugcomputer und den Autopiloten bedient und Landungen hinbekommt, tastete ich mich langsam heran, das Flugzeug besser zu verstehen und auch längere Flüge im Instrumentalflug hinzubekommen. Landungen hingegen … naja, einigen wir uns auf knapp unter 50%. Hier fehlt mir eindeutig noch Übung. Manche werden diesen Modus, in dem der Autopilot eigentlich das Kommando hat, wohl langweilig finden, ich finde ihn aber spannender, als mit der Cessna herumzufliegen, weil es mir Zeit gibt, mich mit den vielen Funktionen des Cockpits auseinander zu setzen und das Fliegen zu genießen. Allerdings bleibt so auch mehr Zeit, die Schönheitsfehler zu bemerken, die das Spiel immer noch hat: Die via Azure synthetisierte Sprachausgabe mischt Deutsch mit englischer Aussprache, der Tower gibt manchmal etwas widersprüchliche Angaben, ich bin schon einmal viel zu lange in einer Warteschleife festgesteckt, und manche Achievements  unlocken unter etwas widersinnigen Bedingungen. So habe ich das Achievement für eine weite Reise per Autopilot bekommen, als ich mich nach dem Start direkt per „Reisefunktion“ zum Beginn des Landeanflugs gewarpt habe. Aber ich habe auch viel Schönes gesehen. Große Städte, die meinen Rechner etwas einbrechen ließen, ebenso wie weite Landschaften, Wind (der mindestens einen Absturz verursacht hat), Regen und Tag und Nacht. Und so wird der Abschluss dieses Textes nur eine Zwischenlandung sein – immerhin habe ich noch zu wenig Zeit mit Challenges verbracht. Oder damit, mir noch ein weiteres Flugzeug genauer anzusehen. Über den Wolken ist eben nicht nur die Freiheit grenzenlos, sondern auch die Lust auf die nächste Flugmeile …

Versionsunterschied

Der Microsoft Flight Simulator kommt in drei Editionen, die nach und nach mehr Bonusinhalte bieten. Die Standard-Edition (60 Euro oder via Game Pass) enthält 20 Flugzeuge und 30 per Hand ausgestaltete Flughafen. Die Deluxe-Version (ca. 90 Euro) fügt fünf weitere Flugzeuge und Flughäfen hinzu, auf die die Premium Deluxe Edition (ca. 120 Euro) noch jeweils fünf weitere (darunter auch die 787-10 Dreamliner und die Flughäfen Heathrow und Dubai) hinzufügen. Bei den Flughäfen ist der Unterschied allerdings vor allem kosmetisch – auch in der Standardedition können diese angeflogen werden. Außerdem können Upgrades auf höhere Editionen auch im Online-Store des Spiels gekauft werden.

Fazit

Wertung - 9

9

Eine klare Referenz

Der Flight Simulator ist ein deutlicher Schritt nach vorne für die vielleicht berühmteste Simulationsreihe der Videospielgeschichte. Auffällig ist natürlich als erstes der starke grafische Sprung, der aber auch am deutlichsten zu erwarten war, wenn man überlegt, wie lange der FSX seinen Dienst verrichten musste. Auch wenn es noch Fehler gibt und gerade Großstädte hardwarehungrig sein können (niedrigere Settings helfen hier aber), ist aber nicht nur die verwendete Technik beeindruckend. Die ganze Welt bereisen, das aktuelle Wetter im Spiel vorfinden; realistische Verhältnisse treffen auf zahlreiche Flugzeuge und Großteils (wenn nicht immer 100%ig vollständig) nachgebildete Cockpits. Ja, es gibt viele Diskussionen, dass nicht jeder Schalter belegt wurde und nicht alles haarklein dem Original entspricht, aber wenn ich mir ansehe, wie Profis sich nahezu blind in den virtuellen Cockpits zurecht finden und sich eher über Kleinigkeiten wie falsche Beschriftungen oder mangelndes Feedback beim Trimmen beklagen, glaube ich, dass es dem eigentlichen Fliegen recht nahe kommt. Für ein perfektes Spielerlebnis würde ich vor allem eines bekritteln: die hohe Einstiegshürde, wenn man mehr als nur ein wenig herumfliegen will. Wenn man als Neuling erstmal seinen Joystick konfigurieren muss, wenn die Flugschule elementare Dinge nicht erklärt, und man auf die Community zurückgreifen muss, um die Flugzeugtypen steuern zu können, ist das ein kleines Armutszeugnis – vor allem, wenn es im Vorgänger teilweise schon besser gelöst worden war. Hier sollte Microsoft noch nachbessern und die Flugschule erweitern und zumindest Einführungen für die wichtigsten Flugzeugtypen sowie eine Default-Konfiguration für Joysticks nachrüsten. Aber ansonsten gilt für alle Flug-Fans, von gemütlichen Herumfliegern bis zu Realismus-Junkies: Bei dieser NextGen-Flugerfahrung seid ihr richtig!

Genre: Simulation
Entwickler: Asobo Studio
System: PC
Erscheint: erhältlich
Preis: ab 60 Euro oder gratis im Game Pass

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Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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