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Review: Crysis Remastered

Vom Weinen bis zur Krise

Heutzutage oft vergessen, war tatsächlich das erste mit CryTeks damals hoch gelobter CryEngine produzierte Spiel nicht etwa Crysis sondern Ubisofts erstes Far Cry. Der französische Publisher trat seinerzeit an das junge Gebrüder-Gespann hinter dem deutschen Entwickler-Team heran und bat sie mit ihrer damals noch vorwiegend für Tech-Demos verwendeten Engine ein Spiel zu machen, das den Grundstein eines von Ubisofts heute größten Franchises legen sollte. Während Far Cry 2 dann aber bereits mit Ubisofts hauseigener Dunia Engine entwickelt wurde, hatte CryTek ausreichend Fuß gefasst um ihr eigenes Franchise aus dem Boden zu stampfen und 2007 mit Crysis Videospiel-Geschichte zu schreiben.

So sah Crysis ohne Remaster aus

Aller Anfang ist atemberaubend

Während das Gameplay klare parallelen zu CryTek Erstlingswerk aufzeigte, war Crysis vor allem dafür da, die Muskeln der CryEngine in jeder erdenklichen Art spielen zu lassen…und die Welt hielt den Atem an. Gestochen scharfe Texture, eine revolutionäre Physik-Engine, bewegliche Flora und Fauna und beeindruckende Licht- und Rauch-Effekte kombinierten sich zu einer nahezu fotorealistischen Optik die in den höchsten Einstellungen geradezu wie ein Spiel aus der Zukunft wirkte… wenn man es denn zum Laufen bekam.

Seinerzeit ein glaubwürdiger Scherz: Nicht einmal die NASA kann Crysis auf maximaler Einstellung laufen lassen

Da kriegt jeder PC die Krise

Tatsächlich weiß dieses 13 Jahre alte Spiel selbst vollkommen un-gemoddet heute noch zu begeistern. Wird zum Beispiel eine Palme von einer Kugel geteilt, bricht sie an exakt dieser Stelle in zwei Teile von denen der eine in einer glaubwürdigen Flugbahn zu Boden segelt während sich sämtliche Palmblätter langsam über den Boden spreizen. Selbst moderne Zerstörungsorgien wie Just Cause oder Battlefield können da im besten Fall gerade so mithalten. Ähnliches gilt jedoch auch für die Hardware-Anforderung und wer Crysis heutzutage in maximalen Settings und vielleicht mit dem ein oder andere kleinen Tweak spielen will, kann auch moderne Geräte noch in die Knie zwingen, woher auch das bekannte “Can it run Crysis”-Meme (zu dt. Kann man darauf Crysis spielen) stammt.

Die neue Krise

Genau hier liegt aber das Problem von Crysis Remastered, denn wenn dies schon die 13 Jahre alte Vorlage ist, wie atemberaubend muss dann ein Titel sein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat ein derartigen Zenit der Videospiel-Geschichte rein optisch aufzuarbeiten. Leider versagt Crysis Remastered hierbei aber auf ganzer Linie.

Hi, I’am Crysis, welcome to my Island #instafame #totallyme

Aus irgendeinem Grund wurde bei dem Titel nämlich so unglaublich viel ver-schlimmbessert, dass es schwer ist den Überblick zu behalten. Werden so beispielsweise besagte Palmen umgeschossen, verhalten sie sich nicht nur deutlich hackiger als im Original, ihr Blätter stehen danach auch teilweise in den Boden oder verhalten sich einfach vollkommen un-nachvollziehbar. Wird wiederum ein Zaun abgeschossen, zerbricht dieser gleich im Ganzen anstatt einzelne Bretter zu verlieren wie im Original. Zusätzlich sind stellenweise Boden- und Stein-Texturen weniger plastisch und schwammiger als im Original, während die meisten Farben wiederum größtenteils einfach wie per Instagram-Filter übersättigt wirken und dadurch nichts mehr von dem ursprünglichen Fotorealismus überbleibt.

Wir müssen das Meer glätten!

Um mehr Spiegelungen zu ermöglichen wurde das Meer geglättet und dafür mit mehreren kleinen Wellen versehen. Eine Änderung die leider vollkommen unpassend in dem Szenario einer tropischen Insel wirkt. Bei einem Blick Unterwasser wird das Licht dann vollkommen wirr gebrochen, was wohl auf den angeblichen dynamischen Wechsel zwischen dem versprochenen Raytracing und den deutlich un-realistischeren Screen Space Reflections (oder SSR) zurückzuführen ist.

Tropische Insel oder Spiegelkabinett?

Während Raytracing nämlich wirklich jedem Lichtstrahl folgt, können Screen Space Reflections nur das reflektieren was ohnehin im Bild ist. Laut Entwickler sollte Crysis Remastered zur Performance-Optimierung immer dann zu Raytracing zurückgreifen, wenn die Screen Space Reflections nicht ohnehin dasselbe Bild wiedergeben. Aktiv gesehen sind selbst in den höchsten “Can it run Crysis”-Grafiksettings die meisten größeren Spiegelungen vor allem bei Gewässern deutlich keinem Raytracing unterzogen und sehen daher verwaschen und veraltet aus.

Jetzt NEU! Mit noch weniger Inhalt!

Aber auch beim Gameplay an sich wurden gefühlt bei jedem Teilbereich die falschen Entscheidungen getroffen. So lassen sich beispielweise Granaten nicht mehr per Tastendruck werfen, sondern müssen eigens in die Hand genommen werden. Weiter darf nicht mehr zwischen dem Blick links oder rechts über die Waffe gewechselt werden was bei First Person Shootern mit Stealth-Elementen eig. ein muss ist. Zusätzlich wurde die 10. Mission des Titels, in der sich der Spieler eigentlich mit einem Kampf-Harrier eine beeindruckende Luftschlacht mit einigen Aliens liefern durfte, einfach gestrichen. Eine Möglichkeit manuell zu speichern gibt es außerdem auch nicht mehr.

Gegen Wände starren ist koreanische Tradition du Banause!

All dies sorgt dafür, dass mehr Zeit bleibt auf die Dinge zu achten, in denen sich das durchaus betagte Alter von Crysis dann doch bemerkbar macht. Bekannterweise darf als Super-Soldat in einem Nano-Suit gegen charakterlose Nord-Koreaner und später spektakuläre Außerirdische auf einer tropischen Insel gekämpft werden. Die kreativen Möglichkeiten, die dank der Fähigkeiten des Anzugs und einer guten Auswahl an Vehikeln und Waffen geboten werden, lassen dann durchaus auch heute noch Spaß aufkommen. Zumindest solange bis einem dann auffällt, dass die 13 Jahre alte KI der Soldaten einfach unbeeinflusst übernommen wurde. Diese starren daher gerne minutenlang gegen Wände, bleiben in Ecken hängen, ignorieren es wenn rund um sie ihre Kumpanen fallen wie die Fliegen und machen dabei auch noch dumme Gesichter.

Jetzt NEU! Mit noch weniger Special-Effects!

Die wenigen Cut-Scenes des Titels wurden ebenfalls überarbeitet und bieten jetzt abwechselnd schlecht beleuchtete Räume bei denen die kaum überarbeiteten Gesichter der Charaktere (fast zum Glück) nicht mehr anständig erkennbar sind und ursprünglich mitreißende Szenen die, aus unerfindlichen Gründen, massiv in ihrer Bombastik beschnitten wurden. Bis auf das Scharfschützen-Gewehr, dass nun tatsächlich einen ordentlichen Grad and Wumms hinzugewonnen hat, wirken sämtliche Sound-Effekte auch irgendwie blechern und weniger befriedigend, während die ganz ohne Selbstironie in militärischer Härte wiedergegebenen One-Liner der meisten Charaktere leider auch nicht gut gealtert sind.

2. Meinung (Michael)

Während Ben für das Review die PC Version getestet hat, habe ich mir zusätzlich auch noch die Version für die Xbox One angesehen. Auf der Konsole läuft auch die Xbox 360 Version und auf genau dieser Version baut ja die Remastered Version auf. Im direkten Konsolen Vergleich schneidet das Spiel so auch deutlich besser ab auch wenn es auch hier nicht, das erhoffte Highlight wurde. So fehlte auf der Konsole schon immer die aufwendige 10. Mission des Titels. Konsolenspieler Crysis bereits auf der Xbox 360 oder PS3 gespielt hat, bekommt ein gutes Upgrade das deutlich stärker ausfällt als beim PC Vergleich. Wer noch nie Crysis durchspielen konnte, hat nun einen guten Grund, den Shooter Klassiker nach zu holen.

Fazit:

Wertung: - 5.5

5.5

Crysis Bullshit-Edition

Für PC-Spieler gibt es faktisch keinen Grund für dieses Trauerspiel eines Remasters Geld auszugeben. Sollte ein entsprechender Drang vorhanden sein, würde ich jedem empfehlen lieber das alte Crysis mit vielleicht dem ein oder anderen Grafik-Mod oder Tweak erneut anzufeuern. Dieses bietet nämliche eine rundum bessere Erfahrung. Was hier nämlich stattdessen geboten wird wirkt wie ein Crysis einer Parallel-Dimension, das (augenscheinlich ebenfalls schlecht) für Konsolen optimiert und anschließend dann für den PC portiert wurde. 80% der Änderungen machen gefühlt keinen Sinn und rauben dem Titel seiner realistischen Optik und sinnvoller Quality of Life-Optionen wie die nicht mehr per Tastendruck werfbaren Granaten und die fehlenden manuellen Speicherständen. So ist es zwar lustig, das Crysis Remastered auch für die Nintendo Switch erscheint, für alle anderen ist es aber einer der schlechtesten Remaster die ich je zu meinem Leidwesen testen durfte.

Genre: First Person Shooter
Entwickler: CryTek
System: PC, Xbox One, PS4, Nintendo Switch
Erscheint: Erschienen
Preis: ca.  30 Euro

 

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