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Review: Android Netrunner

1996, drei Jahre nach Magic: The Gathering, veröffentlichte Richard Garfield ein Sammelkartenspiel (CCG) namens Netrunner. Im Gegensatz zum Megaerfolg Magic verschwand Netrunner aber schnell in der Obskurität. 16 Jahre später brachte Fantasy Flight Games das Spiel mit einigen Neuerungen unter dem Titel Android: Netrunner und als Living Card Game (LCG) wieder auf den Markt. Im Gegensatz zu CCGs gibt es bei LCGs keine Packungen mit zufälligen Karten.

Netrunner unterscheidet sich stark von Magic und den meisten anderen CCGs, was von Garfield auch so beabsichtigt war. Das wichtigste Alleinstellungmerkmal ist das asymmetrische Gameplay. In Netrunner tritt ein Spieler als Hacker mit einem Runner-Deck gegen einen anderen Spieler als Megakonzern mit einem Konzern-Deck an. Runner und Konzern haben dabei vollkommen unterschiedliche Karten mit unterschiedlichen Mechaniken.

Das Ziel ist es, als erster Spieler sieben Agendapunkte zu erreichen. Der Konzern erzielt diese durch Agendakarten – der Runner hat keine solcher Karten in seinem Deck, sein Ziel ist es, sie dem Konzern durch Hacks (sogenannte Runs) zu stehlen. Als Ressource dienen in Netrunner-Credits. Der Runner hat in seinem Zug vier Aktionen (Klicks) zur Verfügung, der Konzern nur drei, dafür muss er jede Runde eine Karte ziehen. Klicks werden zum Ausspielen von Karten, für Fähigkeiten der Karten, für einen Credit oder für das Ziehen von Karten verwendet.

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Der Konzern spielt seine Karten immer verdeckt aus und deckt sie erst zu einem späteren Zeitpunkt auf, erst dann muss er ihre Kosten bezahlen. Karten wie Agenden und Upgrades kommen neben das Deck als neue Systeme. Diese Systeme können, ebenso wie das Deck (F&E), die Handkarten (HQ) sowie der Ablagestapel (Archiv) des Konzernspielers, mit Abwehrkarten, sogenanntem Ice, geschützt werden. Ice wird horizontal und verdeckt vor das jeweilige System gelegt. Agenden können entwickelt werden. Liegen genug Entwicklungsmarker auf einer Agenda, so erzielt der Konzern die jeweiligen Punkte.

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So werden die Karten von Runner und Konzern im Laufe des Spiels ausgepielt

Der Runner spielt Karten aus, um seine Ausrüstung zu verbessern. Programme, Hardware und Ressourcen geben ihm entscheidende Vorteile im Kampf gegen den Konzern. Jederzeit in seinem Zug kann der Runner für einen Klick einen Run auf ein System des Gegners ausführen. Dieser kann dann eventuell installiertes Ice laden (aufdecken). Ice hat Subroutinen, welche dem Runner schaden oder den Run beenden. Um weiterzukommen, muss der Runner diese Subroutinen mithilfe von bestimmten Programmen, sogenannten Ice-Brechern, ausschalten.

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So läuft ein Run ab

Schafft es der Runner durch alle installierten Ice-Karten, darf er auf das jeweilige System zugreifen (z.B. die oberste Karte des Decks, eine zufällige Handkarte oder eine installierte Karte). Erwischt er eine Agenda, muss er diese stehlen und erzielt so viele Punkte. Manche anderen Karten des Konzerns können außerdem für eine Anzahl Credits auf den Ablagestapel geworfen werden. Statt zuzugreifen kann er den Run auch vorher beenden (sich ausstöpseln), da der Konzern über gefährliche Fallen verfügt.

Außerdem hat jeder Spieler eine Identitätskarte, die einer von sieben Fraktionen angehört und eine Spezialfähigkeit bietet. Diese Fraktionen gab es im Originalspiel nicht und machen den Deckbau weitaus interessanter. Auf der Runnerseite gibt es die Gestalter, die Kriminellen und die Anarchos, die gegen die Megakonzerne Jinteki, Haas-Bioroid, NBN und Weyland antreten. Alle Fraktionen bieten eine eigene Spielweise, es können aber auch einzelne Karten aus anderen Fraktionen im Deck verwendet werden.

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Eindeutig die süßeste Identitätskarte im Spiel: Wunderkind Chaos Theory mit ihrem Dinosaurier

Eine weitere Neuerung von Fantasy Flight Games stellt das Setting dar. Hier wurde das bestehende, sehr interessante Universum des Brettspiels Android herangezogen. Zusammen mit den tollen Bildern auf den Karten kommt so die richtige Atmosphäre beim Spielen auf.

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Als Einstieg in Netrunner benötigt man auf jeden Fall das Grundset, das für viele unterhaltsame Partien ausreicht. Wer tiefer in das Spiel eintauchen oder an Turnieren teilnehmen will, kann sich die vier Deluxe-Boxen, die jeweils zwei Fraktionen unterstützen, kaufen. Außerdem gibt es die monatlich erscheinenden Datenpacks, die weitere Karten enthalten. Will man alle Karten, muss doch einiges ausgeben, das ist aber nur notwendig, wenn man wirklich Spitzendecks für Turniere will. Und selbst dann liegt der Preis für sämtliche Karten noch unter dem von einzelnen Magic-Decks. Außerdem gibt es noch inoffiziell die Möglichkeit, Netrunner bei OCTGN oder Jinteki (unsere Empfehlung) online zu spielen.

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Die Übersetzung ist – wie so oft bei deutschen Übersetzungen – inkonsistent. Worte wie Fracter oder Killer werden englisch belassen, während aus dem coolen Fantasiewort „rez“ „laden“ und aus „Server“ unverständlicherweise „System“ wird.

Wer will, kann sich die Grundregeln auch auf Englisch in diesem gut gemachten Video erklären lassen:

Review Overview

Wertung - 9

9

Taktischer Cyberpunkspaß

Android Netrunner ist nicht zu Unrecht Fantasy Flights erfolgreichstes LCG und neben den Dauerbrennern Magic, Yu-Gi-Oh und Pokémon auch eines der wichtigsten Turnierkartenspiele. Das asymmetrische Gameplay, das Bluffen, kleine aber wichtige Mechaniken wie das erzwungene Kartenziehen des Konzerns, das Setting – all das macht Android Netrunner zu einem genialen Kartenspiel, das für unzählige Stunden fesseln kann, sofern man bereit ist, sich die anfangs etwas überfordernden Regeln anzueignen.

Genre: Kartenspiel/Living Card Game
Verlag: Fantasy Flight Games/Heidelberger Spieleverlag
Spieler: 2
Erscheint: Erhältlich
Preis: ca. 30 Euro

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