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Review: Lacuna

Ein Sci-Fi-Noir-Adventure

Ein Mordfall, ein in Selbstgespräche vertiefter Ermittler mit persönlichen Problemen, ein dazu passender Soundtrack: Keine Frage, wir sind im Film Noir-Genre gelandet. Schon längst ist diese markante Film-Gattung auch in anderen Medien zu finden – auch in Videospielen mimten wir schon des Öfteren einen Protagonisten, dem das Leben übel mitgespielt hat und der trotzdem versucht, in einer Welt in der alles grau und nichts einfach schwarz/weiß ist, das richtige zu tun. In dieser Hinsicht ist Lacuna, ein Pixel-Optik-Adventure aus deutschen Landen, also keineswegs eine Innovation. Doch kann es dennoch überraschen und überzeugen? Wir haben uns in die Sci-Fi-Noir-Welt von Lacuna begeben und in einem überraschend komplexen Mordfall ermittelt.

Überraschendes Tutorial

Bevor wir uns allerdings mit der tatsächlichen Geschichte beschäftigen dürfen, starten wir in ein kleines Tutorial, das uns nicht nur die Steuerung nahebringt (dazu später mehr), sondern auch ein wenig Worldbuilding betreibt und uns mehr über die Spielwelt erzählt. Denn Lacuna spielt nicht etwa auf der Erde, sondern – ganz SciFi – in einem fernen Sonnensystem, dessen Konzept wir zuerst kennenlernen müssen. Leider ist dieses Tutorial aber auch so gestaltet, dass man sich ein wenig fragt, ob man im falschen Spiel gelandet ist. Statt Film Noir haben wir es mit der Geschichte einer jungen Kolonialistin zu tun, die gerade erst in ihrem neuen Zuhause angekommen ist und dort zum Unterricht muss. Dennoch lernen wir hier die Core-Konzepte des künftigen Gameplays kennen, vom Sammeln von Infos, die wir danach per Lückentext zu einem großen Ganzen zusammensetzen müssen, bis hin zur Tatsache, dass unsere Entscheidungen und zum Teil unter Zeitdruck gesetzten Taten Konsequenzen haben.

Conrad. Neil Conrad.

Dennoch ist es gut, dass diese Sequenz nicht allzu lange dauert, denn erst nach dem Tutorial beginnt die eigentliche Handlung und das Spiel darf seinen Charme ausspielen. Ab diesem Punkt schlüpfen wir in die Rolle von Neil Conrad, der für das CDI arbeitet – eine Art SciFi-Version des FBI. Neil schlägt sich nicht nur mit seiner Exfrau und einer von ihm enttäuschten Teenager-Tochter herum, sondern auch seine Arbeit fordert ihn gewaltig: Gerade steht hochrangiger, brisanter Besuch von einer anderen Welt an, und das CDI hat für seine Sicherheit zu garantieren. Ihr könnt euch wohl denken, wie das ausgeht: Der VIP wird ermordet, politische Konsequenzen drohen und der Täter muss so schnell wie möglich gefunden werden.

Mehr wollen wir über die Handlung nicht verraten, ist sie doch erstens der zentrale Dreh- und Angelpunkt und könnt ihr sie zweitens zumindest in einigen Punkten deutlich abändern. Euren Weg durch die Handlung bahnt ihr einerseits durch eure Entscheidungen in Gesprächen (die nicht wiederholbar sind und euch abverlangen, eure Antworten unter Zeitdruck zu wählen), andererseits aber auch durch eure Ermittlungserfolge: In lokal abgeschlossenen Abschnitten müsst ihr Gegenstände untersuchen, Gespräche führen, Hinweise verknüpfen und auch einfach euren Menschenverstand einschalten, um die Akte (die schon aus dem Tutorial bekannten Lückentexte) zu vervollständigen. Gut, dass unsere Gespräche aufgezeichnet und nützliche Zusatztexte in unserem Cell abgelegt werden – es empfiehlt sich, diese Daten gründlich zu studieren, um nicht nur Hinweise für die Lösung der unmittelbaren Aufgabe zu finden, sondern auch in einem eventuellen Gespräch schnell alle Fakten parat zu haben. Denn mag es zu Beginn noch so scheinen, als würde das Spiel unsere Fehler einfach unter den Teppich kehren, wird es spätestens gegen Ende klar, dass Lacuna ein langes Gedächtnis hat und manche Entscheidungen uns wenige Stunden später (ein Durchlauf durch das Spiel dauert etwa vier bis fünf Stunden) in den Allerwertesten beißen. Solltet ihr euch anders entscheiden wollen, müsst ihr allerdings von vorne anfangen: Das Spiel speichert nach jeder Sequenz automatisch und es gibt nur einen Spielstand für euren Durchlauf. Das heißt auch, dass ihr innerhalb einer Sequenz nicht mit dem Spielen aufhören solltet, wenn ihr euren Fortschritt nicht verlieren wollt (außer natürlich, ihr seid mit einer Entscheidung so unglücklich, dass ihr noch schnell die Reißleine ziehen wollt) – das Spiel speichert erst, wenn die Story weitergeht.

Adventure?

Lacuna wird als Adventure beworben – doch Vorsicht, wenn ihr euch hier ein klassisches Point’n’Click-Abenteuer erwartet. Zwar würde die (wirklich gelungene und detailverliebte, aber nicht immer hundertprozentig übersichtliche) Retro-Pixel-Optik fast an alte LucasArts- oder Sierra-Klassiker erinnern, doch mit den Puzzle-lastigen Spielen von damals hat Lacuna nur peripher zu tun. Das liegt vor allem daran, dass die Entwickler auf klassische Puzzles und ein Inventar verzichtet haben. Auch auf eine klassische Maussteuerung müsst ihr Großteils verzichten, Conrads Erlebnisse werden mit der Tastatur gesteuert. Das mag ungewohnt sein, allerdings ist die direkte Steuerung seiner Bewegungen vor allem dann, wenn er einen seiner Noir-typischen Monologe hält (übrigens die einzigen Texte des Spiels, die vertont wurden) und durch die Stadt trottet, passender als eine genretypische, indirekte Kommandoeingabe. Und auch wenn das Tastaturkonzept zu Beginn ungewohnt ist und manche Elemente sich etwas umständlich anfühlen (z.B. der Ermittlungsmodus, in den ihr separat schalten müsst, um nach Hinweisen zu suchen), geht die Steuerung bald in Fleisch und Blut über und passt einfach zu dem Spiel, in dem Zeit ab und an doch ein wichtiger Faktor ist.

Zu guter Letzt wollen wir noch eines hervorheben: Die Geschichte selbst. Der Krimi ist spannend geschrieben, hat so manche Wendung parat und gibt vor allem Conrad, aber auch den Nebenfiguren Persönlichkeit. Das – gemeinsam mit einigen moralisch schwierigen Entscheidungen, in denen es gar nicht so einfach ist, das Für und Wider abzuwiegen – sorgt dafür, dass Lacuna ein Spiel ist, das man mehr als einmal durchspielen kann. Vielleicht nicht gleich mehrfach hintereinander, vielleicht nur mit dem nötigen Abstand. Aber irgendwie möchte man dann doch wissen, wie das Spiel ausgegangen wäre, wenn wir uns schlauer verhalten oder andere Entscheidungen getroffen hätten …

Fazit

Wertung - 8

8

ein spannender Fall

Das Adventure-Genre ist schon seit Jahren im Umbruch. Versuchen einige Hersteller, die Tugenden der alten Klassiker zu bewahren, versuchen andere, das Gameplay mit neuen Ansätzen einem modernen Publikum schmackhaft zu machen. Auch wenn mich Lacuna mit seiner klassischen Pixeloptik angelockt hat, gehört das Noir-Game definitiv in die zweite Kategorie. Hier geht es um das Erleben der Story, eure Entscheidungen, scharfes Kombinieren und ja, manchmal auch Zeitdruck. Dadurch darf man sich einerseits tatsächlich wie ein Ermittler fühlen, der aus dem Wirrwarr der Aussagen und Akten jenes herausfiltern darf, das den Fall weiterbringt, andererseits werden wohl jene enttäuscht sein, die klassische Item-Jagd und Inventar-Puzzles erwartet haben – diese gibt es einfach nicht. Das macht aber nichts, den Lacuna beweist, wie man mit einer spannend erzählten Geschichte ein echtes interaktives Drama heraufbeschwören und Personen mit einer weit über die Pixel hinausgehenden Persönlichkeit ausstatten kann. Wer kein Problem mit Detektiv-Arbeit und einer Menge Text hat, darf hier definitiv – auch dank des günstigen Preises – zuschlagen.

Genre: Adventure
Entwickler: DigiTales Interactive
System: PC
Erscheint: erhältlich
Preis: ca. 16 Euro

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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