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Review: Xenoblade Chronicles: Definitive Edition

Als vor ungefähr zehn Jahren Xenoblade Chronicles für die Wii erschien, war es in zumindest zweierlei Hinsicht ein Spiel, das die Erwartungshaltung der Spieler brach. Fans der bisherigen Xeno-Spiele unter der Leitung von Tetsuya Takahashi hatten aufgrund des Titels ein Spiel im Stil von Xenogears und Xenosaga erwartet und Wii-Kritiker und -Fans aufgrund der Plattform ein Spiel mit Bewegungssteuerung. Aber was sie bekamen, war etwas ganz anderes: Xenoblade Chronicles verschob die Gewichtung der Xeno-Metaserie weg vom starken Story-Fokus hin zu einer Erkundung der offenen Spielwelt, setzte dabei aber auf eine klassische Steuerung (nicht umsonst lag der Collector‘s Edition ein roter Classic-Controller bei). Der Erfolg sollte den Entwicklern recht geben: Xenoblade Chronicles wurde ein Hit und sollte die auch heute noch erfolgreiche Xenoblade-Subreihe begründen. Grund genug, den ersten Teil nun auf sein drittes System (nach der Wii-Urversion und Xenoblade Chronicles 3D für den New 3DS) zu bringen. Doch hat die neue Version den klangvollen Titel Definitive Edition verdient?

Kampf der Titanen

Zu Anbeginn der Welt kämpften zwei Titanen in den Fluten des Weltmeeres miteinander: Mechonis und Bionis führten ein scheinbar ewiges Gefecht. Doch hauchten die beiden schwer verwundeten Kontrahenten ihr Leben aus und erstarrten. Das sorgte für zwei Dinge: Erstens entstanden auf den toten Körpern malerische Landschaften und nach und nach auch Leben. Doch zweitens wurde der ewige Konflikt nun auf die Bewohner übertragen: Auf dem Bionis lebten allerhand organische Lebewesen, darunter auch die menschlichen Homs, auf dem Mechonis hingegen die Maschinenwesen; beide Fraktionen bekämpfen sich bis heute erbittert. Die größte Hoffnung der Menschen gegen die scheinbar übermächtigen Bewohner Mechonis liegen auf der legendären Klinge Monado, die geheimnisvolle Mächte besitzt, aber auch nur von wenigen Auserwählten geführt werden kann. Zu Beginn des Spiels ist der aktuelle Träger des Schwerts Dunban, der mit seinen Gefährten eine Invasion der Maschinen abwehren muss. Diese kurze Sektion ist aber nur das erste Tutorial, bevor wir nach einem kurzen Zeitsprung unseren eigentlichen Protagonisten kennenlernen: Shulk erforscht in Kolonie 9 eigentlich nur die Kräfte des Monado; doch nach einer Tragödie stellt er sich nicht nur als würdiger Träger der Klinge heraus, sondern begibt sich auch auf ein Abenteuer, um den ewigen Konflikt endgültig zu beenden.

Schöne weite Welt

An dieser Stelle wollen wir auf die Story aber auch gar nicht weiter eingehen – halten wir einfach fest, dass das nur der Anfang einer Geschichte ist, die Genre-typisch noch einige Wendungen und Entwicklungen beinhaltet, aber eben nicht den alleinigen Fokus des Spiels darstellt. Stattdessen muss man zwei Bereiche hervorstreichen, die ebenfalls im Rampenlicht stehen: Die Welt und das Kampfsystem. Beginnen wir mit ersterem: Die Designer haben eine wunderbar abwechslungsreiche, aber durchaus weitläufige Welt erschaffen, die eben nicht wie in manchen Genrevertretern nur ein Schlauch von Storypunkt zu Storypunkt ist, sondern auch einiges für eifrige Erkunder bietet. Wer nicht einfach dem Pfad folgt, sondern auch mal in die andere Richtung blickt, findet Punkte für harmoniefördernde Gespräche mit eurer langsam anwachsenden Party (auch wenn diese oft genug erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt genutzt werden können, weil ihr entweder noch nicht das passende Partymitglied dabei habt oder der Harmoniewert noch nicht passt), eine Menge Items,  eine zum Teil mehr als nur tödliche Fauna und Flora (einige Gegner sind bewusst zu stark für eure Party, wenn ihr die Gegenden zum ersten Mal bereist. Das gilt sogar für die Anfangsgebiete!) und natürlich auch einfach eine tolle Aussicht. Gerade letzteres zeigt, wie viel Wasser seit dem ursprünglichen Release den Fluss heruntergeflossen ist: Litt Xenoblade Chronicles auf der Wii noch unter den schwachen Hardware der Konsole, die im Gegensatz zur Konkurrenz kein HD beherrschte, ist die Landschaft nun deutlich schöner anzusehen. Klar, auch hier könnte man natürlich argumentieren, dass man aus einer anderen Plattform als der Switch noch mehr herausholen könnte und manche Abschnitte zeigen auch, dass die Vorlage ein Wii-Spiel war, aber dennoch hat die Welt von Xenoblade Chronicles noch nie so gut ausgesehen. Ähnliches kann man auch über die Charaktere sagen: Waren sie im Original hardwarebedingt wenig ansehnlich, sind sie nun deutlich detaillierter, was auch hilft, die Emotionen der Story besser rüberzubringen. Beim Überarbeiten wurde ihr Stil allerdings deutlich stilisierter beziehungsweise Anime-ähnlicher, was bei einigen Fans schon vorab für Kritik gesorgt hat. Uns konnte das neue Charakterdesign aber durchaus überzeugen.

Warum sind wir unterwegs?

Doch kommen wir nochmals relativ offenen Welt zurück (relativ deshalb, weil sie in Zonen unterteilt ist, die erst nach und nach eröffnet werden): Natürlich sind die einzelnen Abschnitte, die ihr bereist, nicht nur aus reinem Selbstzweck so groß. Um euch genug zu tun zu geben, haben die Entwickler neben der Hauptstory zahlreiche Nebenaufgaben ins Spiel eingebaut, die allerdings leider fast immer „Standardkost“ darstellen. Mal muss man eine gewisse Anzahl von Monstern töten, mal gewisse Items einsammeln oder von Gegnern erjagen. Dafür, dass das alles trotzdem kurzweilig bleibt, sorgen einige aus dem Original bekannte Gameplaymechanismen, die in der Definitive Edition um einige nützliche Ideen erweitert wurden: So könnt ihr nicht nur eine Nebenaufgabe (oder auch das nächste Ziel der Story) tracken, wodurch eine nützliche Anzeige auf der Karte den genauen Weg zum Ziel weist, so sich dieser im selben Gebiet befindet, sondern bekommt auch eventuelle Zielobjekte aus anderen Quests, die sich in der Nähe befinden, angezeigt – so lassen sich mehrere Aufgaben auf einmal erfüllen, während ihr die Welt erkundet. Für längere Reisen gibt es praktische Warppunkte – innerhalb des Gebiets erfolgt die Schnellreise sogar ohne Ladezeit. Dank der Schnellreise könnt ihr auch das für die Missionen teilweise notwendige Backtracking schnell abhandeln. Vorteilhaft ist auch, dass ihr Questitems schon sammeln könnt, bevor ihr die Aufgabe überhaupt angenommen habt – so kann es durchaus vorkommen, dass ihr gleich eine Erfolgsmeldung abliefern könnt, kaum dass ihr die Hilfe versprochen habt.

Nebenmissionen-Overload

Trotz dieser Mechanismen und der Verbesserungen müssen wir allerdings ein paar Kritikpunkte an den Nebenmissionen anbringen: Zwar ist das Wechseln der getrackten Nebenmission dank Shortcut recht flott (auch wenn es sicher noch schnellere Möglichkeiten gegeben hätte), doch um auf der Karte nachzusehen, wo man genau hin muss, muss man dann doch zu oft via Menü in die Gebietsübersicht, da man die normale Umgebungskarte, die man einfach durch Druck auf den linken Stick aufruft, nicht scrollen kann. Dazu kommt, dass man in der Gebietsübersicht nicht angezeigt bekommt, wo sich das Ziel in einem Gebiet befindet, in dem man sich gerade nicht befindet. Dann muss man „auf gut Glück“ in die Zone reisen, das Ziel lokalisieren und dann meist noch eine zweite Schnellreise machen, um den richtigen Ort zu erreichen. Dazu kommt, dass manche Ziele nur zu gewissen Uhrzeiten oder beim richtigen Wetter vorhanden sind. Ersteres kann man einfach lösen, da man die Uhrzeit komfortabel ändern kann, zweiteres erfordert ein wenig Warten auf die richtigen Bedingungen. Apropos Uhrzeiten: Auch für die Questgeber gilt, dass man sie nicht rund um die Uhr antrifft. Das sorgt für das Gefühl einer lebendigeren Welt, aber bedeutet auch, dass man in einer Siedlung mehrfach die Tageszeit wechseln sollte, um wirklich alle Quests einzusammeln, wenn man keine übersehen möchte. Das hätte man vielleicht etwas eleganter lösen können.

Zu guter Letzt sollte man vermutlich noch ansprechen, dass das Spiel einen mit Nebenquests fast erschlägt. An manchen Orten wird man mit einer solchen Menge an Nebenaufgaben ausgestattet, dass das Questlog fast überquillt. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits sorgt es dafür, dass ihr mit Xenoblade Chronicles viel Zeit verbringen könnt und dass ihr immer gut gelevelt und ausgestattet im Abenteuer vorankommt. Andererseits bringt es natürlich die Story bei jedem Questhub deutlich ins Stocken, sofern man sich statt um die Handlung um die Nebenaufgabe kümmern will. Wie sehr einen das stört, liegt wohl am persönlichen Spielgeschmack. Eigentlich ist es (wie fast alle hier aufgezählten Punkte) Jammen auf höchstem Niveau, aber wer in einen typischen JRPG-Story-Flow kommen möchte, wird die schiere Anzahl der Nebenquests verfluchen. Vielleicht ist es aber auch nur eines der (eigentlich gar nicht so zahlreichen) Anzeichen, wie viele Jahre das Spiel eigentlich auf dem Buckel hat, denn mittlerweile würde man die Nebenaufgaben vielleicht anders lösen. Zum Glück verzichtet das Spiel weitgehend darauf, dass wir die Quests auch wieder abgeben müssen – bei den meisten Aufgaben bekommen wir die Belohnungen einfach überreicht, wenn wir die Bedingungen erfüllt haben.

Wenn sie uns nicht vorbeilassen wollen …

Der zweite wichtige Fokus von Xenoblade Chronicles sind die Kämpfe. Der Titel ging hier für die bisher rundenbasierte Xeno-Metareihe neue Wege, die sich allerdings mittlerweile innerhalb der Xenoblade Chronicles-Unterreihe durchaus etabliert haben. Gewisse Grundpfeiler des Kampfgameplays werden deshalb Serienkenner kaum überraschen: Gekämpft wird in Echtzeit, ihr steuert euren ausgewählten Charakter, der auch automatisch angreift, während eure Kampfgefährten von der KI gesteuert werden; dazu gibt es allerhand Skills, die ihr mittels einer konfigurierbaren Leiste auswählen könnt. Schon die Auswahl der Skills zu einem späteren Punkt kann  bestimmen, wie ihr an die Kämpfe herangeht: Neben Standard-Fähigkeiten, wie Heilsprüchen oder besonderen Angriffen, gibt es auch jene Skills, die mit eurer Position zum Gegner zu tun haben und aus der richtigen Richtung ihre Effekte auslösen oder einfach deutlich stärker sind. Das Spiel greift euch hier (und auch bei der Kombination von Skills) dankenswerterweise unter die Arme und zeigt euch an, dass es gerade eine gute Idee wäre, einen bestimmten Skill zu verwenden.

Gedeckelt wird der Einsatz eurer Fähigkeiten nicht von einer Ressource wie MP, sondern durch Cooldowns, ähnlich wie in einem MMO. Dennoch gibt es noch einige andere Ressourcen, die ihr managen müsst: Einerseits gibt es eine Teamleiste, die ihr unter anderem für das Wiederbeleben eurer Partymitglieder oder auch für mächtige Kettenangriffe nutzen könnt, und andererseits einen eigenen Cooldown für eure Monado-Skills, die die speziellen Fähigkeiten der Waffe aktivieren. Zunächst spielen letztere vor allem im Kampf gegen die Mechonis eine große Rolle, später folgen allerdings Fähigkeiten, die auch in ganz anderen Kampfsituationen nützlich sind – zum Beispiel, indem ihr Fähigkeiten eurer Gegner blockt oder euch gegen Spezialangriffe wappnet. Gerade letzteres greift noch in eine letzte Mechanik des Spiels ein, die wir erwähnen wollen: Shulk kann in gewissen Situationen vorhersehen, dass Gegner bestimmte Angriffe einsetzen werden. Er hat dann die Möglichkeit, innerhalb eines Countdowns diesen Angriff abzuwehren. All das mag auf den ersten Blick eher überwältigend klingen, aber das Spiel nimmt sich Zeit, diese Mechaniken langsam genug einzuführen. Hier hilft aber auch die höhere Auflösung und das überarbeitete UI der Switch-Version, denn die Wii-Version ließ uns bisweilen die Übersicht vermissen. Dennoch gibt es einige Schwierigkeitsspitzen innerhalb der Story und Missionen, denen das Spiel allerdings fast im Vorbeigehen die Zähne zieht. So wird bei oftmaligem Scheitern an einem Gegner relativ rasch der gemütliche Modus angeboten, bei dem der Schwierigkeitsgrad drastisch sinkt (man kann diesen allerdings auch aus den Spieloptionen selbst aktivieren und auch wieder abschalten), und sollte man zu lange in einem Gefecht „hängen bleiben“, bekommt ihr Boni angeboten, um den Kampf zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Wer diese Optionen nicht nutzen will, ist aber natürlich nicht dazu verpflichtet.

Ein Abschluss

Solltet ihr an diesem Punkt noch überlegen, ob ihr euch das Spiel noch einmal zulegt, weil ihr es schon auf Wii oder 3DS gespielt habt, möchten wir noch auf ein letztes Feature der Definitiven Edition hinweisen: Ein neuer Epilog, genannt „verbundene Zukunft“, der nach dem Ende des Hauptspiels spielt. Wir wollen die Handlung hier keineswegs spoilern, aber erwähnen, dass dieser auch für Veteranen durchaus interessant ist; praktischerweise müsst ihr dafür nicht nochmal das Hauptspiel beenden– der Epilog kann separat aus dem Hauptmenü angesprungen werden (was wir Neueinsteigern nicht empfehlen wollen – hier wird natürlich fleißig gespoilert!). Geboten werden noch einmal über zehn Stunden Spielzeit, dazu kommen auch einige geänderte Gameplaymechaniken. Nein, vielleicht ist dieser Epilog allein kein Grund, sich Xenoblade Chronicles erneut zum Vollpreis zu kaufen. Wer allerdings noch schwankt, ob er aufgrund der Verbesserungen zuschlagen soll, kann sich von diesem interessanten Puzzlesteinchen der Story aber vielleicht dennoch überzeugen lassen.

Fazit

Wertung - 9

9

Definitiv die definitive Fassung

Xenoblade Chronicles ist bei mir Liebe auf den dritten Blick. Dass ich bislang zu denen gehörte, die die Lobeshymnen um die Reihe zwar objektiv verstehen, aber andererseits subjektiv ein Problem damit haben, dass man die Wurzeln der Xeno-Spiele so radikal verlassen hat, sollte jedem bekannt sein, der mich zu dem Thema in bisherigen Artikeln oder der Spiele, die ich vermisse-Reihe gelesen oder im Podcast gehört hat. Und jetzt kommt das „Aber“: Der Definitiven Edition ist gelungen, was dem Spiel in den vorherigen Releases nicht gelungen ist – es hat mich gefesselt. Endlich hat die Story für mich funktioniert, auch wenn ich noch immer es ein wenig schade finde, dass die Sidequests so zahlreich kommen, dass sie das Pacing der eigentlich interessanten Story bisweilen total ausbremsen. Dafür punkten etliche Verbesserungen im Detail, die – wenn auch nicht perfekt – das Gameplay besser zugänglich machen. Insbesondere das verbesserte Tracking auf der Karte, wie man zum nächsten Zielpunkt gerät, hat es mir angetan und beschleunigt sowohl Haupt- als auch Nebenhandlungen. Nein, Xenoblade Chronicles ist noch immer nicht mein Lieblingsspiel der Xeno-Meta-Reihe, denn dafür ist sein Fokus im Vergleich zu meinen Vorlieben einfach noch immer nicht perfekt gewählt. Aber sein eigener Stil, die Faszination der Story und seine Offenheit konnten bei mir dieses Mal einfach deutlich mehr punkten und zeigen, warum dieses Spiel zu den besten Titeln des Genres gehörte und in der Definitiven Edition noch einmal deutlich nachgelegt hat. Holt es euch!

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Genre: Rollenspiel
Entwickler: Monolith Soft
System: Switch
Erscheint: 29. Mai 2020
Preis: ca.  60 Euro

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Tags

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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