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Review: Soulstice

Low Budget Bayonetta

Nachdem AA-Entwickler Reply Game Studios zuletzt ihr rundenbasiertes Mobile-Game Joe Dever’s Lone Wolf auf diverse Konsolen portiert hat, macht das italienische Team nun einen überraschend großen Sprung und versuchte sich mit Soulstice an einem Hack’n’Slay ála Devil May Cry. Ob der Versuch gelungen ist oder eher zur Bauchlandung wurde, lest ihr in den folgenden Zeilen.

Devil May Briar

Gleich zu Beginn versucht Soulstice seine geistigen Vorlagen gar nicht erst zu verstecken, sondern lässt den Spieler nach einer kurzen Geschichtsstunde in eine vollkommen ausgelevelte Version von Hauptcharakter Briar schlüpfen und zwischen herabstürzenden Teilen einer zerstörten Kirche Monster vermöbeln. Der Kampf läuft hierbei fast schon von selbst ab, bis dann die Geschichte einen Tag in die Vergangenheit springt, um zu zeigen, wie es zu dieser Situation gekommen ist.

*Record Scratch* *Freeze Frame* You’re probably wondering….

Also, worum geht es eigentlich? Briar ist eine Chimera (hier als Verschmelzung einer lebendigen und einer toten Seele beschrieben), die zusammen mit dem Geist ihrer Schwester Lute von einem Ritter-Orden losgeschickt wird, um Dimensions-Risse zu schließen. Ein besonders großer dieser Risse öffnete sich kürzlich über der mittelalterlichen Stadt Ilden und verwandelte dessen Bewohner nach und nach in Monster. Auch Briar selbst ist stets an der Schwelle von dem Riss korrumpiert zu werden, was ihre ohnehin übermenschliche Stärke zwar sogar noch weiter steigern, aber auch zu Lutes endgültigem Tod und einem vollständigen Kontrollverlust führen würde.

Hey Lute, wo wars du nochmal zum letzten Mal wirklich glücklich?

Die Geschichte hat zwar definitiv ihre Momente, ist allerdings leider ab einem gewissen Punkt mehr als vorhersehbar und wirkt meist unglaublich pathetisch und Expositions-lastig geschrieben. Auch wenn begnadete Sprecher wie Stefanie Joosten (Metal Gear Solid 5) ihr Bestes geben den Charakteren trotzdem Leben zu verleihen. So brabbeln Lute und Briar aber auch faktisch alle anderen Charakter die meiste Zeit willkürlich und ohne Zusammenhang vor sich hin, um ihre Vorgeschichte, Kommentare zum aktuellen Geschehen und den ganzen Aufbau der Welt in die etwa 20 stündige Story hineinzuquetschen. Wem Navis “Hey, Listen!” aus Zelda schon auf die Nerven gegangen ist, der darf sich hier auf Lutes dutzende Male wiederholten Kommentare zu dieser „einst belebten Stadt“ und einem Eichenbaum unter dem sie zum letzten Mal wirklich glücklich war, freuen.

Hey, Block das mal

Geschichte hin oder her, ist Soulstice in erster Linie ein Action-geladenes Hack’n’Slay und Kämpfe gibt es hier definitiv mehr als genügend. Während der Spieler die Kontrolle über Briar übernimmt, agiert Lute größtenteils von selbst und greift Feinde mit magischen Fernkampf-Angriffen an. Lediglich das Blocken von Attacken, welches ebenfalls in Lutes Aufgabenbereich fällt, kann vom Spieler selbst ausgelöst werden.

Blau-Rot Schwäche

Zusätzlich teilen sich die nach und nach immer komplexer werdenden Gegner in drei Kategorien auf. Normale Gegner lassen sich jeweils mit einer der sieben im Spielverlauf freispielbaren Waffen am besten bekämpfen. Um den diversen, geister-artigen Wraiths aber Schaden machen zu können, muss Lute zuerst eine blaue Aura um Briar erzeugen, während besessene Gegner wiederum nur mit einer roten Aura bekämpft werden können.

It’s Rapture-Time!

Das dynamische Wechseln der Waffen und Auren stellt dabei den essentiellsten Teil der Kampf-Puzzles dar. Gelingt es dem Spieler außerdem, lange genug nicht getroffen zu werden, wird zusätzlich die Verbindung zwischen Briar und Lute stärker. Ist diese dann stark genug, können besonders mächtige Synergie-Attacken ausgeführt oder in den sogenannten Rapture-Modus gewechselt werden, in dem die beiden kurzfristig vollends verschmelzen und durch Gegnerhorden, egal welchen Typs, schnetzeln wie durch warme Butter.

Sollte sich die nicht mal verwandeln? Upps vergessen.

Auch hier ist das Erdachte im Grunde mit einer Vielzahl netter Ansätze gespickt, die aber ein wenig in Detail und Umsetzung scheitern. So treten die meisten Gegner auf, noch bevor Briar die dazu passende Waffe als Gegentaktik in die Hand gedrückt bekommt. Die Waffen sind dann erstens leider eher unspektakulär gestaltet und lassen sich zweitens nur umständlich in einem doppelt belegten Steuerkreuz durchwechseln. Warum sich sechs davon eine Schlagtaste teilen müssen und Briars Bastard-Schwert stets den anderen Angriffsknopf belegt, macht in diesem Zusammenhang auch wenig Sinn. Das Konzept, dass sich das Schwert dynamisch in einen Hammer umwandeln kann, war ebenfalls eine nette Idee, die aber für die restlichen Waffen wie Peitsche, Bogen und Tonfa augenscheinlich einfach vergessen wurde.

Ätschi bätsch erwischt mich nicht

Ähnliche Probleme hat das Aura-System. So kann Lute die beiden Auren jeweils nur für kurze Zeit aufrechterhalten, was das ganze System oft leider mehr nervig als abwechslungsreich macht. Zusätzlich haben diese nur eine beschränkte Reichweite, was die Effektivität von Fernkampf-Angriffen deutlich einschränkt und zu diversen holprigen Situationen führt, da die Vielerorts auftretenden Wraiths gerne mal außerhalb von Briars Sprunghöhe fliegen.

Rot macht Tod

Richtig anstrengend wird es aber, wenn so viele Gegner nah beieinander stehen, dass sich nicht mehr verhindern lässt, dass Briars weite Schwünge auf einen Gegner mit der falschen Farbe knallen. Dadurch wird sie nämlich kurz betäubt, was wiederum oft zu einem unnötigen Treffer führt, der dann wiederum Briars und Lutes Verbindung stört. Mit der Zeit lassen sich zwar Wege und Taktiken finden, diese Probleme zu umgehen, deren Ausführung ist aber eher umständlich und hat wenig von den befriedigend fließenden Kämpfen von Dante, Bayonetta oder Ryu Hayabusa gemein. Das Genre-typische Benotungssystem nach jedem Kampf weiß da entsprechend auch nicht mehr so richtig zu motivieren, vor allem weil es nur wenig Interessantes freizuspielen gibt. Alternative Outfits oder Variationen der Waffen fehlen gänzlich.

Hättest dich lieber mit der Seele von Super Mario verschmelzen sollen

Zwischen den Kämpfen gibt es dann noch Rätsel-Einlagen mit diversen Kristall-typen, die jeweils nur mit einer der beiden Auren zerstört werden können. Diese sind prinzipiell nicht sehr kompliziert, werden aber dadurch erschwert, dass Briars-Bewegungen zwar im Kampf ganz gut funktionieren, für Platformer-Einlagen im besten Fall aber gerade so funktionsfähig sind. Das führt dann ganz gerne mal zu frustigen Lauf-Wegen, auch wenn sich hinter misslungenen Sprünge zumindest hin und wieder geheime Kristalle und Kämpfe verbergen.

Show me what you got!

Die dadurch ergatterten Ressourcen dürfen dann jeweils in eigene Fähigkeiten für Lute und Briar separiert gesteckt werden. Während Briar vorwiegend ihre Waffen mit neuen Angriffen ausstattet, erhöhen Lutes  Fertigkeiten-Bäume vorwiegend die Stärke und die Häufigkeit ihrer Blocks, sowie die Effektivität des Rapture-Modus und der Synergie-Attacken. In einigen der insgesamt 25 Story-Kapitel gibt es dann noch einen größeren Bosskampf. Diese lockern zwar das Spielgeschehen mit diversen Bullet-Hell-Einlagen und Verfolgungsjagden ein wenig auf, sind aber stets stark auf ihre Gimmicks fokussiert und stellen sobald sie mal durchschaut wurden, meist kaum mehr eine Herausforderung dar.

Wo war der jetzt nochmal?

Die größte Herausforderung in Soulstice bietet aber dessen Kamerasystem. So wechselt der Titel regelmäßig von einer statischen Kamera zu einer frei drehbaren und leider haben beide ihre Probleme. So fängt die statische Kamera-Perspektive zwar die Ästhetik der oft liebevoll gestalteten Spiel-Szenen sehr schön ein, macht es aber schwer, Entfernungen einzuschätzen, was vor allem bei Jump’n’Run-Sequenzen natürlich kritisch ist. Die frei bewegliche und auf Gegner fokussierbare Kamera hat dieses Problem zwar nicht, bleibt aber gerne mal in Ecken hängen und schafft es in den diversen verwinkelten Gassen und Gängen von Ilden selten wirklich alle Gegner im Blick zu behalten.

Nettes Ilden-Tüpfelchen

Zumindest optisch weiß Soulstice abzuliefern. Ilden präsentiert sich als gigantische Stadt voller mechanischer Gerätschaften und weiß sowohl als pompöse Struktur in der Entfernung als auch in ihren mit diversen Details versehenen Innenräumen zu überzeugen. Die unterschiedlichen Gegner-Typen glänzen jeweils mit kreativen Design-Ideen während Briars-Verwandlungen und Spezialangriffe sowie auch die anderen, teils korrumpierten Chimera, durchaus sehr visuell ansprechend in Szene gesetzt sind.

Fazit:

Wertung: - 7.5

7.5

Bayo-Meh-tta

Reply Game Studios hat mir ihrem ersten Vorstoß in das Hack’n’Slay-Genre prinzipiell einen soliden Titel abgeliefert, der aber leider im Detail einiges an Potential verschenkt. So wäre die Welt und Geschichte rund um Briar und ihre Schwester durchaus interessant, wäre sie nicht wie ein Referat präsentiert. Gameplay-technisch wurden wiederum einige nette Ideen aufgegriffen, dann aber leider oft nicht zur Gänze durchgedacht. Zusätzlich fehlt es einfach an dem Flair und Humor, der Genre-Größen wie Devil May Cry oder Bayonetta vom Rest abhebt. Genre-Fans dürfen dank des zumindest am PC relativ günstigen Einstiegspreis trotzdem einen Blick riskieren. Vor allem wenn sie keine Switch besitzen oder für die Wartezeit bis Bayonetta 3 eine kleine Ablenkung suchen.

Genre: Hack’n’Slay
Entwickler: Reply Game Studios
System: PS5, Xbox Series S/X, PC
Erscheint: 20.09.2022
Preis: ab 40 Euro

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