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Review: Shin Megami Tensei III: Nocturne HD Remaster

Weltuntergang in HD

Die Shin Megami Tensei-Serie hat im Westen einen interessanten Stand: Zwar gilt die Rollenspielreihe schon seit Jahren als echter Geheimtipp für Genrefans, aber so richtig in die öffentliche Wahrnehmung ist sie vor allem dank ihres Spin-Offs Persona gerückt, das die Hauptreihe deutlich überstrahlt. Jetzt bringt Atlus mit Shin Megami Tensei III: Nocturne HD Remaster jenes Spiel zurück, das die Serie damals unter dem Namen Shin Megami Tensei: Lucifer’s Call in den Westen gebracht hat. Doch kann es auch reine Persona-Fans von den Vorzügen der Ausgangsserie überzeugen?

Das Omega ist das Alpha

Shin Megami Tensei III beginnt so, wie ein anderes Rollenspiel vielleicht enden würde, wenn man bei seiner Aufgabe versagt hat: Unser selbst benannter Protagonist will eigentlich nur seine Lehrerin im Krankenhaus besuchen, muss dann aber in dem verlassenen Gebäude miterleben, wie die Welt untergeht und alles außerhalb des Hauses dahingerafft wird. Damit noch nicht genug wird er auch noch in den Demi-Fiend verwandelt – einen Hybriden aus Mensch und Dämon. Und das ist nur der Beginn eines langen Abenteuers, das euch durch die Überreste eines postapokalyptisch veränderten Tokyos führt …

Fremd und vertraut

Falls ihr zu jenen Spielern gehört, die Shin Megami Tensei aus der Richtung von Persona erkunden wollen, solltet ihr euch darauf einstellen, dass euch das Spiel gleichzeitig fremd und vertraut vorkommen wird. Vertraut, weil zum Beispiel die dämonischen Wesenheiten serientypisch und die Zaubersprüche gleich benannt sind. Fremd, weil das Gameplay einen völlig anderen Fokus hat. Ist bei Persona das „Drumherum“, also das Leben als Teenager fast genauso oder vielleicht noch wichtiger als das Erkunden der Dungeons und die Story stark im Fokus, lässt Shin Megami Tensei III die sozialen Aspekte weg und konzentriert sich vor allem auf das Gameplay, das Erkunden der diversen Orte und das Erleben der Atmosphäre. Gerade letzteres macht Shin Megami Tensei III ziemlich einzigartig: Ein Gefühl der Trostlosigkeit, der Verlassenheit durchzieht das Spiel, auch wenn es einen Schimmer von Hoffnung auf eine neue Welt gibt. Das macht das Spiel vielleicht nicht ganz zum optimalen Titel für unsere momentane Zeit, aber es lässt auch die Philosophie hinter der Geschichte deutlich durchscheinen, denn viele NPCs haben eine klare Vorstellung davon, wie diese neue Weltordnung aussehen soll.

Dieser Fokus auf philosophische Fragen, diese zahlreichen interessanten Gedankengänge, die auch auf mehrere Enden der Story hinauslaufen, gehen allerdings auf Kosten der eigentlichen Handlung. Die Geschichte des Demi-Fiends ist etwas schwerfällig und gegenüber dem Gameplay deutlich reduziert. Gerade unser Charakter ist eine kaum definierte Figur, auf die wir unsere eigenen Überlegungen projizieren können, aber auch die Nebencharaktere bleiben blass. Das liegt auch daran, dass wir zwar eine Party haben, diese aber in einer Art düsterem Pokémon-Stil fast nur aus Dämonen besteht, die wir im Laufe der Zeit „einsammeln“. Im Kampf können wir nämlich versuchen, mit unseren Gegnern zu verhandeln und sie mit Bestechung und Gesprächen davon zu überzeugen, sich uns anzuschließen. Danach können wir zwar steuern, weiterentwickeln und sogar in der Cathedral of Darkness zu mächtigeren Monstern fusionieren, aber sie haben keine storyrelevanten Charaktereigenschaften und nehmen auch nicht an Cutscenes teil (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Reise des Demi-Fiends bleibt also recht einsam.

Kämpfe aus einer anderen, klassischen Zeit

Apropos Reise: Euer Weg durch Tokyo führt über eine sehr reduzierte Überlandkarte an zahlreiche Locations, die ihr aus 3rd-Person-Perspektive erkundet. An beiden Arten von Orten kann und wird es regelmäßig zu Zufallskämpfen kommen – eine kleine Anzeige warnt euch davor, wie lange es noch dauern wird. Die Gefechte selbst laufen rundenbasiert ab, wobei das sogenannte Push Turn-System eurer Gruppe eine gewisse Anzahl von Zügen zuweist, bevor die Gegner dran sind. Wie oft ihr tatsächlich Aktionen durchführen könnt, hängt aber von eurer Taktik ab: Wer Schwächen ausnutzt oder kritische Treffer landet, bekommt mehr Züge, die vom Spiel automatisch auf eure Charaktere aufgeteilt werden; allerdings können genauso gut Turns abgezogen werden. Dasselbe gilt natürlich für eure Gegner, weshalb es ratsam ist, euch gut auf die Feinde in eurer Umgebung einzustellen.

Gerade das Kampfsystem hat dem Spiel den Ruf eingebracht, schwierig zu sein. Zurecht: Man benötigt ein wenig Einarbeitungszeit, um die Regeln kennenzulernen und zu seinen Gunsten auszunutzen – und ein Fehler kann gerade bei Boss-Begegnungen rasch tödlich enden. Das Kampfsystem wäre aber auch leichter zu begreifen, wenn das Spiel besser darin wäre, das System zu erklären. Aber hier zeigt Shin Megami Tensei III sein Alter: Würden heute in einem umfangreichen Tutorial alle Details durchgekaut werden, werdet ihr hier einfach hineingeworfen und müsst euch vieles selbst aneignen. Das HD Remaster hätte eine Chance geboten, etwas mehr Einsteigerfreundlichkeit anzubringen; diese wurde aber nicht genutzt.

Dämonen in HD

Generell muss man sagen, dass das Remaster eher auf der Seite jener Neuauflagen steht, die nur sehr behutsam Veränderungen vorgenommen haben. Die Grafik mag nun in HD und im Breitbild sein, aber sie zeigt trotzdem (oder zum Teil gerade deshalb) ihr Alter: Die Dungeons sind eckig, Texturen wiederholen sich; auch die Figurendesigns mögen zwar einen ganz eigenen Stil haben, aber sie zeigen klar, dass sie aus der PS2-Ära stammen. Dasselbe gilt für die Videosequenzen, die offensichtlich nicht neu gerendert oder erstellt wurden, sondern aus den alten Daten per Vignetten-Effekt ins Breitbildformat geholt wurden. Auch dass die Framerate auf allen Systemen auf 30 FPS gelockt ist, wirkt etwas antiquiert, genauso wie die Musik, die stark komprimiert wurde und dadurch an Druck und Effekt verliert – hier wäre definitiv mehr möglich gewesen. Damit nicht genug ist auch die Menüführung und das UI für heutiges Empfinden etwas zu klobig – auch wenn das Spiel dadurch wenigstens definitiv nicht zu jenen Titeln gehört, bei denen man die Schrift nur mit Adleraugen entziffern kann. Dennoch soll es hier nicht nur Kritik geben: Es finden sich durch die Bank auch kleinere Verbesserungen, die zum Teil aber nur auffallen, wenn man das Original kennt, wie kleinere Gameplay-Updates (beim Fusionieren von Dämonen zu neuen, stärkeren Wesen kann man nun aussuchen, welche Skills übernommen werden) und natürlich eine neue Sprachausgabe (englisch oder japanisch), die allerdings keine Vollvertonung darstellt und sich bisweilen etwas seltsam darum herum arbeiten muss, dass wir manche Charaktere frei benennen dürfen.

DLC-Wirrwarr

Natürlich kann man all diese Kritikpunkte relativ sehen – wir haben es mit einem HD Remaster zu tun, nicht mit einem Remake, und es gab schon Neuauflagen mit deutlich weniger Aufwand. Allerdings muss man festhalten, dass Shin Megami Tensei III zwar nicht im Premium-Preissegment spielt, aber auch nicht gerade günstig auf den Markt kommt. Für 50 Euro ist der Kauf definitiv kein Schnäppchen. Dazu kommt eine etwas seltsame, verwirrende DLC-Releasepolitik, die mit Zusatzpaketen um sich wirft. Während es den Gnädig-Schwierigkeitsgrad gratis gibt (dieser ist dann allerdings so einfach, dass das Kampfsystem kaum mehr Spaß macht), kann man sich optional noch alternative Musiktracks aus anderen SMT-Spielen und zwei Extra-Dungeons via dem Mercy & Expectation-Pack kaufen, die vor allem dem XP- und Geld-Sammeln dienen. Bis hierher so einfach und auch wirklich optional.

Komplizierter wird es bei der Maniax-Edition – hier müssen wir kurz ausholen: In Japan erschien das Spiel insgesamt in drei Versionen, von denen man die späteren zwei als Director’s Cut-Versionen mit zusätzlichen Storybeats, Content und einem in die Handlung eingebundenen Charakter sehen kann. Kauft ihr heute den HD Remaster auf den Konsolen, bekommt ihr die dritte Version von 2008, in der Raidou aus der Devil Summoner-Reihe auftritt. Im Westen erschien hingegen 2005 eine Fassung, in der eine serienfremde Figur vorkommt, mit der auch groß geworben wurde: Dante aus Devil May Cry. Wollt ihr ihn statt Raidou im Spiel sehen und auch eventuell in eure Party aufnehmen, müsst ihr die Maniax-Version kaufen, die dem zweiten Release in Japan entspricht. Die Entscheidung dazu müsst ihr gleich bei Spielbeginn treffen – ein Wechsel mittendrin ist nicht möglich. Noch komplizierter haben es PC-Spieler: Diese erwerben eigentlich die Urversion des Spiels, bekommen aber einen Gratis-DLC dazu, der die Raidou-Fassung beinhaltet. Wer keine DLCs nachkaufen will, sondern ein Komplettpaket sucht, kann sich auch die Deluxe-Edition kaufen, die dann allerdings mit 70 Euro zu Buche schlägt.

Fazit

Wertung - 8

8

alte Stärken, wenig Über-arbeitung

Treue Konsumenten dieser Seite kennen vermutlich meine Geschichte mit Shin Megami Tensei bzw. dem Spin-Off Persona – für alle anderen nur in aller Kürze, um ein wenig Kontext für dieses Fazit zu geben: Ich habe 2005 ausgerechnet Shin Megami Tensei: Lucifer’s Call angetestet, bin damit nicht wirklich klar gekommen und habe danach einen großen Bogen um die Serie gemacht; das hat sich erst geändert, als ich in den letzten Monaten in die Persona-Reihe hineingekippt bin. Seit damals freue ich mich darauf, auch der Urserie eine neue Chance zu geben (wer möchte, darf hier ruhig Parallelen zur Dragon Quest-Reihe ziehen, wo es mir ähnlich erging). Dass diese Rückkehr ausgerechnet am Ausgangspunkt meiner Reise mit der Serie beginnt, macht sie für mich zusätzlich spannend. Also: Wie ist es mir ergangen? Mit 20 Jahren Reife hat mich die düstere, trostlose Atmosphäre des Spiels besser eingefangen als zuvor, mit der „Vorbildung“ durch Persona habe ich mich besser durch das Magiesystem gekämpft und das heutzutage sicherlich schon angestaubte Gameplay kann mich definitiv abholen. Dennoch muss man klar festhalten, dass das HD Remaster eben ein Remaster und kein Remake ist – hier wurde ein altes Spiel auf neuen Maschinen lauffähig gemacht und geringfügig verbessert, aber erwartet euch keine radikale Überarbeitung, die Shin Megami Tensei III ins Heute holt, sondern ein Remaster, das zeigt, wie gut (und in manchen Bereichen eben auch schlecht) das Spiel gealtert ist. Wer eine moderne JRPG-Erfahrung erwartet, wird enttäuscht werden. Wegen der geringen Überarbeitungen muss man aber auch die Preispolitik kritisieren, auch wenn sie nicht in die Wertung eingeflossen ist: 50 Euro sind ein stolzer Preis für eine HD-Version eines PS2-Klassikers, der mir subjektiv auch dann zu hoch gewesen wäre, wenn alle DLC-Inhalte dabei gewesen wären. Hier kann es sich durchaus auszahlen, auf eine Preisreduktion zu warten.

Genre: Rollenspiel
Entwickler: Atlus
System: PC, PS4, Switch
Erscheint: 25. Mai 2021
Preis: ca. 50 Euro

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Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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