Review: Otherskin
Das 3D Action Adventure der Monster Boy-Macher
Als der französische Indie-Entwickler Game Atelier 2015 überraschend bekannt gab, dass Monster Boy-Mitschöpfer Ryuichi Nishizawa zukünftig mit ihnen Zusammenarbeiten und ihr erfolgreich ge-kickstartetes Sequel Flying Hamster II nun stattdessen Monster Boy and the Cursed Kingdom werden würde war die Verwirrung erst groß. Doch als sich der Titel dann als stilsichere Metroidvania-Perle entpuppte, war die Freude umso größer. Anstatt nun aber den charmanten Cartoon-Stil oder auch nur das Genre weiterzuführen, machen die Entwickler einen komplett Sprung und bringen mit Otherskin ein 3D-Third Person Action-Adventure. Warum bei diesem der Metroidvania-Tag auf Steam fast unpassend gesetzt ist und ob ihr trotzdem einen Blick riskieren solltet lest ihr in den folgenden Zeilen.

Nicht der Symbiont den du suchst
Wer sich die Prämisse oder erste Gameplay-Videos von Otherskin ansieht, wird im ersten Moment eine relativ klare Vorstellung von dem dahinter stehenden Titel haben, könnte dabei aber auf dem Holzweg sein. So dreht sich die Geschichte um Astronautin Alex, die mit ihrem KI-gesteuerten Raumanzug auf einem fremden Alienplaneten notlandet, der von einer ominösen Lebensform korrumpiert wird.

Teenage Mutant Ninja Alex
Soweit, so Metroid, hören die Ähnlichkeiten dabei noch nicht auf und so hält Alex Raumanzug ihr nicht nur besagte Korruption vom Leib, sondern erlaubt ihr, sich mit besiegten Lebensformen zusammen zu morphen, um deren Fähigkeiten zu erlangen. So können z.B. Flügel, Schleim-Säcke oder Sporenwerfer genutzt werden, um zuvor unerreichbaren Arealen zu eröffnen, Rätsel zu lösen oder spezielle Gegner zu besiegen.

Other M ich meine Other Skin
Zusätzlich dazu können im Spielverlauf diverse neue Sci-Fi-Waffen gefunden und mit gesammelten Ressourcen aufgebessert werden. Besagte Waffen haben auch alle einen Auflade-Schuss und Alex Abenteuer führt sie von einem abgedrehten Alien-Biom zum nächsten, wo die bekannten Fähigkeiten teils in neuem Kontext verwendet werden müssen.

Back to the Roots
Soweit könnte diese gesamte Beschreibung wohl 1:1 auf einen neues Metroid passen, doch hier endet es abrupt mit den Ähnlichkeiten. So dreht sich in Otherskin alles um ein zentrales Hub-Areal, indem ein leuchtender Baum zum Wachsen gebracht werden will und jedesmal, wenn Alex sich von einem Level hierhin zurück teleportiert, verliert sie sämtlichen soweit angeeigneten Fähigkeiten.

Irgendwie kommt mir das bekannt vor
Somit wollen ein gutes Dutzend an einzeln abgesteckten Arealen von der Korruption befreit werden, aber in jedem einzelnen davon beginnt Alex ohne die zuvor angeeigneten Morph-Fähigkeiten wieder von vorne. Das Ganze geht aber sogar noch weiter und selbst wenn Alex ein Areal bereits abgeschlossen hat und wieder zurück geht, startet sie ganz von vorne und zwar buchstäblich, als ob sie zum ersten Mal besagtes Level betritt.

Amnesie-Simulator 3000
Alex redet im Verlauf ihres Abenteuers nämlich mit der KI ihres Anzugs über das Geschehen, was sich meist in einem ganz kurzweiligen, wenn nicht allzu tief gehenden Hin- und Her äußert. Kommt Alex nun aber in ein Areal zurück, in dem sie schon einmal war, weil man zum Beispiel noch etwas einsammeln möchte, das man zuvor verpasst hat, werden sogar die exakt selben Konversationen wieder von vorne abgespielt.

Other Split
Was einem entsprechend komisch vorkommt, ist einer der deutlichen Indikatoren dafür, was für eine Art von Spiel Otherskin eigentlich sein will. So ist das Spiel nicht nur visuell, sondern in seiner Gesamtheit eigentlich viel mehr mit Split Fiction als mit einem Metroidvania vergleichbar.

Nicht nur die gleiche Engine
Die beiden Spiele haben also nicht nur optisch markante Ähnlichkeiten, auch vom Gameplay her will Otherskin euch zu keinem Zeitpunkt motivieren, wieder zu abgeschlossenen Arealen zurückzugehen, sondern treibt einen stetig weiter. Ähnlich wie auch in Split Fiction müssen zwar stellenweise rund um zentrale Schlüsselpunkte eine gewisse Anzahl an Rätsel gelöst und Kämpfe bestritten werden, aber im Grunde gibt es nur eine Richtung: vorwärts.

Ok die darfst du behalten
Ein bisschen übrig gebliebenen Metroidvania-Charakter hat das ganze allerdings schon und so bleiben zumindest Alex vier freispielbare Waffen und sämtliche dafür erworbene Updates auch nach dem zurückkehren erhalten. Wer jetzt allerdings denkt, er könnte damit vielleicht in alte Areale zurückkehren, um dort neue Wege zu öffnen, wird aber leider trotzdem enttäuscht werden, denn soetwas ist hier nicht vorgesehen.

Zumindest ballerts!
Die Waffen selbst haben dafür ordentlich Wumms und präsentieren sich mit teils kreativen und spaßigen Feuer-Modi, was die Kämpfe im allgemeinen zu den unterhaltsameren Teilen von Otherskin macht. Vor allem weil auch die Morph-Fähigkeiten selbst mit kreativen Ansätzen wie Gravitations-Umkehren, Schildwände beschwören oder eine Art virtuellen Boden erschaffen, über den Alex durch die Luft läuft, durchaus für Abwechslung sorgen.

Wo ist der Climax?
Besonderes Highlight sind dann noch die Boss-Kämpfe, von denen es zwar leider nur eine Handvoll gibt, die sich aber, als durchaus spektakulär und spaßig präsentieren und oft mit eigenen kleinen Rätseln verbunden sind. Leider kommen diese allerdings nicht sehr oft vor und die meisten Areale enden ohne großes Finale, mit ein paar Gegner-Wellen oder einfach ganze ohne Endkampf.

Visuell nichts zu meckern
Die Areale selbst sind dafür durchaus abwechslungsreich und ansprechend und so springt man von Mini-Planet zu Mini-Planet wie in Super Mario Galaxy, klettert über und durch eine gigantische Krabbe oder dreht die Schwerkraft in einem riesigen Raumschiff um. Auch visuell ist dabei alles schön und stimmungsvoll in Szene gesetzt und weiß mit charmanten Details zu begeistern.

Neue Berufs-Erfahrung: QA-Tester
Leider wirkt der Titel aber in vielen Bereichen trotzdem sehr unausgereift. So hatte ich neben diversen Abstürzen und stellenweise harschen Rucklern beim Durchspielen sogar Momente, in denen notwendige Sequenzen einfach nicht ausgelöst wurden, weswegen ich ganze Areale neu laden und wegen des Amnesie-Faktors entsprechend völlig von vorne spielen musste. Auch wirken einige Fähigkeiten und Angriffe sowohl von Alex als auch ihrer Gegnern nicht ganz fein geschliffen und das dazu passende UI stellenweise wie ein Platzhalter, der es irgendwie in das finale Spiel geschafft hat. Eine stimmige Gesamterfahrung wie bei Monster Boy darf man sich hier entsprechend leider nicht erwarten.
Fazit:
Wertung: - 7
7
Split Fiction ohne Split
Es lässt sich durchaus Spaß mit Otherskin haben und für den überschaubaren Preis bekommt man knappe 6 Stunden an kurzweiligen Rätseln und Kämpfen mit einigen kreativen Ideen und netten visuellen Highlights. Trotzdem wird das Gefühl hängen, dass hier viel Potential daran verloren gegangen ist, einen Split Fiction-Klon (ohne Koop) aus einem potenziell fantastischen Metroidvania zu machen. Als Third-Person Scifi-Metroidvania hätte der Titel mit seinen visuell ansprechenden Arealen, befriedigendem Trefferfeedback und kurzweiligen Kämpfen sowie witzigen Rätseln und der interessanten Atmosphäre eine Nische fast für sich gehabt. Als Split Fiction-Klon fehlt es Otherskin aber an Identität, vor allem weil es in keinem der Punkte wirklich mit seinem Vorbild aufschließen kann. Aufgrund der zusätzlich eher halbgaren technischen Implementierung ist Otherskin entsprechend leider in seinem aktuellen Zustand schwer zu empfehlen.
Entwickler: Game Atelier
Erscheint: 2. Sep. 2025
System: PC
Preis: ca. 30€




