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Review: Humankind

... aber ich bin nicht Civilization

Wenn wir ein Spiel mit der Beschreibung „In diesem Titel spielt ihr ein Volk von den Anfängen der Kultur bis hin in die Moderne, gründet Städte, erforscht neue Technologien, kämpft mit anderen Nationen und versucht, am Ende ganz oben in der Wertung zu stehen“ suchen würden, würden wohl fast alle Befragten mit „Civilization!“ antworten. Natürlich ist Sid Meiers Weltstrategiereihe nicht der einzige, aber sicherlich der bekannteste und prominenteste Vertreter dieser Art von Spielen, an dem sich schon so mancher Konkurrent die Zähne ausgebissen hat. Nun gibt es einen neuen Herausforderer: Sega und die Amplitude Studios versuchen mit Humankind, die Geschichte der Menschheit besser in ein Spiel zu verpacken als die alt-ehrwürdige Firaxis-Reihe. Die Aufmerksamkeit der Spielerschaft haben sie sicher – doch reicht das auch, um den Sieg davon zu tragen und den Test der Zeit zu bestehen?

Wie anders darf’s sein?

Trotz aller Distanz: Vor allem auf den ersten Blick sieht Humankind aus wie Civilization, quakt wie Civilization, fühlt sich an wie Civilization – nur um dann auf doch im Detail eine Wende hinzulegen, bei der Civ-Veteranen eine spielerische Vollbremsung hinlegen und ihre Herangehensweise ernsthaft überdenken müssen. Weniger blumig gesagt: Auch wenn euch viele Konzepte und Ideen des Herausforderers bekannt vorkommen werden, sind Details und Umsetzung anders genug, dass ihr euch in Humankind einarbeiten und spielerische Gewohnheiten über den Haufen werfen müsst. Und das heißt: Ja, auch wenn es ziemlich viel Text und Erklärung auf einmal sein kann, zahlt es sich durchaus aus, die Tutorialtexte zu aktivieren – zumindest für eine erste Runde –, um die Konzepte des Spiels wirklich kennenzulernen. Nein, das Hilfesystem ist nicht perfekt, weil ihr manchmal zu viel und manchmal zu wenig erklärt bekommt und gerade zu Beginn werdet ihr euch manchmal fühlen, als ob ihr blind durch das Spiel tappt . Aber damit, dass die erste Partie als Lehrgeld draufgeht, müsst ihr sowieso rechnen. Zumindest wenn ihr auf den niedrigen Schwierigkeitsgraden spielt, kann sich trotzdem noch ein Erfolgserlebnis ausgehen.

Tagebuch eines Höhlenmenschen

Tatsächlich beginnen die Unterschiede nämlich schon ganz am Anfang: Wählt ihr in Civilization euer Volk aus und strebt kaum auf der Map angekommen die Gründung eurer Hauptstadt an, setzt Humankind etwas früher in der Menschheitsgeschichte an: Ihr wählt euren Avatar und ein Logo für eure Reich, verbringt dann aber die ersten Runden noch als namenloser Stamm von Jägern und Sammlern; ihr erbeutet Beeren, jagt Wildtiere, findet Kuriositäten und erkundet so nebenbei mit eurem (hoffentlich) anwachsenden Stamm die Karte. Das mag gemächlich und in der ersten Partie vielleicht sogar ein wenig sinnlos wirken; ist es aber nicht, wie spätestens höhere Schwierigkeitsgrade beweisen, wo bereits hier ein Wettrennen um die beste „Startposition“ ausbricht. Denn schon in dieser Phase zeigt sich: Ist Civilization vor allem ein Marathon, ist Humankind ein Marathon-Staffellauf – und wer bei den Zwischenzielen nicht darauf achtet, vorne dran zu sein, kann ordentlich ins Hintertreffen geraten.

Das hat unmittelbar mit einem der wichtigsten Features von Humankind zu tun: Anstatt einfach am Anfang eine Zivilisation mit ihren eigenen Boni, Einheiten und Gebäuden zu wählen und darauf bis zum Ende festgenagelt zu sein, erlaubt euch das Spiel einen „Mix&Match“-Ansatz. Erreicht euer Volk ein neues Zeitalter (was insgesamt sechs Mal vorkommt), wählt ihr eine euch gerade ins Spielkonzept passende Nation mit ihren dazugehörigen Boni. Das erlaubt sowohl eine eventuell notwendige Anpassung an die aktuelle Situation, aber auch eine Kombination von Nationenboni (da diese von den vorherigen Runden erhalten bleiben), die euren schon vorhandenen Stärken einen unglaublichen Boost geben können und zum Beispiel selbst schwierigste Erfindungen in kürzester Zeit erlauben. Zwei Punkte wollen wir hier noch ansprechen: Erstens: Ja, es gibt Powerkombinationen, die zum Teil etwas zu übermächtig sind, aber auch ihre Schattenseiten in anderen Bereichen haben, sodass das Balancing nicht völlig kippt. Zweitens (und da sind wir beim Marathon-Staffellauf-Vergleich): Jede Nation kann nur von einem Volk gewählt werden. Wer sich also zu viel Zeit lässt, das nächste Zeitalter zu erreichen (dazu gleich mehr), muss nehmen, was übrigbleibt und vielleicht nicht optimal in euer Konzept passt.

Die Zukunft steht in den Sternen

Doch wie erreicht ihr das nächste Zeitalter? Indem ihr Zwischenziele erfüllt. Pro Epoche gibt es 21 Sterne aus sieben verschiedenen Kategorien zu verdienen, indem ihr zugegebenermaßen etwas generische Bedingungen wie „erforscht x Technologien“ oder „besiegt y Militäreinheiten“ erfüllt. Keine Angst – es gibt hier genügend Auswahl, sodass ihr trotzdem euren Vorlieben folgen und beispielsweise auf militärische Konfrontationen verzichten könnt. Habt ihr ausreichend Erfolge eingeheimst, könnt ihr (müsst aber nicht) ins nächste Zeitalter wechseln. Warum ihr warten solltet? Weil diese Erfolge neben den Sternen auch wichtigen Ruhm bringen, und solltet ihr knapp vor dem Erreichen einzelner Ziele stehen, kann es sich auszahlen, einige wenige Runden zu warten, bevor euch diese entgehen. Denn in Humankind gewinnt nicht zwangsläufig jener, der eine Bedingung für das Ende des Spiels erreicht (unter anderem durch den Sieg über die anderen Nationen, eine Expedition zum Mars oder auch die vollständige Erforschung des Tech-Trees), sondern es siegt immer der, der am meisten Ruhm eingeheimst hat. Auch das passt aber zum modularen Konzept von Humankind: Wenn ihr wollt, müsst ihr nicht stur auf ein Ziel hinarbeiten, auf das ihr euch schon zu Beginn des Spiels festgelegt habt, sondern könnt und müsst sogar balancierter an eine Runde herangehen. Ob euch das mehr liegt als bei der Konkurrenz in einem Punkt zu brillieren, ist Geschmackssache.

(K)ein K(r)ampf

Auch beim Kampfsystem will sich Humankind von Civilization unterscheiden, indem man den Gefechten ein wenig mehr Taktik verleiht – und das bei Firaxis längst abgeschaffte Stacking erlaubt. Treffen eure Truppen aufeinander, treten sie in einem kleinen Bereich der Karte gegeneinander an, wobei eure Armeen in ihre einzelnen Einheiten aufgeteilt werden und ihr sie in diesem abgegrenzten Bereich befehligt. Dann heißt es: „Möge der bessere in diesem Mini-Strategiespiel gewinnen“. Da es hier nicht nur auf reine Zahlen ankommt, sondern auch auf die bessere Taktik und den passenden Einheitenmix, kann es mit geschicktem Ausnutzen von Terrain-Boni, Verteidigungsanlagen und Verstärkung sogar gelingen, eine Übermacht zu besiegen. Allerdings ist das Spiel nicht immer gut darin zu kommunizieren, wo es welche Boni gibt oder welche Fähigkeiten eingesetzt werden können – Probleme, die auch in anderen Bereichen des Spiels zu finden sind. Das macht die Gefechte bisweilen frustrierender als sie sein müssten. Wer sich darauf nicht einlassen möchte, kann aber auch das Spiel den Ausgang des Gefechts berechnen lassen. Dann solltet ihr aber nicht damit rechnen, dass ihr auch gegen eine Übermacht bestehen könnt – gerade in einer solchen Situation bleibt die manuelle Steuerung die bessere Option. Andererseits kann es auch vorkommen, dass die RNG-Götter sich selbst bei einer eigenen Übermacht gegen euch verschwören und ihr trotzdem eine Niederlage einfahrt …

Spielt ihr auf niedrigen Schwierigkeitsgraden, werden die Kämpfe allerdings ohnehin wohl weniger ein Problem, als man vielleicht denkt. Hier ist es noch sehr leicht, den Konkurrenten in allen Belangen davon zu laufen. Spätere Schwierigkeitsgrade ziehen dagegen rasch in Sachen Herausforderung an und lassen sogar die erste Phase schon zum Wettrennen werden. Hier den persönlichen Sweet Spot des richtigen Schwierigkeitsgrades zu finden, der gleichzeitig fordert, aber nicht frustriert, kann ein wenig Experimentieren erfordern. Das verstärkt aber auch generell das Gefühl, dass Humankind noch ein wenig mehr Liebe, Polishing und Balancing vertragen hätte. Neben einigen Bugs wirken auch manche der zahlreichen Gameplay-Konzepte nicht zu Ende gedacht – zum Beispiel Handel, Religionen oder Diplomatie, die natürlich nicht fehlen dürfen, aber sich nicht ganz so relevant anfühlen, wie sie es vielleicht sein sollten. Dazu kommt, dass sie uns nicht immer das Feedback geben, das wir gerne hätten. Was nutzt es uns, wenn wir die Fehltritte der anderen Nationen ihnen gegenüber ankreiden und Reparationen fordern dürfen (oder ihnen diese natürlich auch verzeihen können), wenn man das Gefühl bekommt, dass die anderen Anführer dies völlig ignorieren? Mehr Feedback gibt es wenigstens bei den diversen Entscheidungen, vor die euch Humankind stellt. Wie geht ihr mit Flüchtlingen um? Wohin mit dem Atommüll? All das bringt nicht nur verschiedene Effekte mit sich (zum Teil auch erst in der Zukunft), sondern ändert auch unsere Ideologie ein wenig. Und eines sei noch gesagt: Wer völlig auf den Umweltschutz verzichtet, macht eventuell die Erde unbewohnbar. Auch das beendet übrigens eine Partie Humankind – zurecht, würden wir sagen.

Fazit

Wertung - 8

8

interessant, aber noch nicht perfekt

Humankind ist ein ambitioniertes Projekt und bringt jede Menge frische Ideen, die es von der Konkurrenz und vor allem dem großen Vorbild Civilization abgrenzen sollen. Ganz will die Rechnung allerdings nicht aufgehen: Innovationen fühlen sich halbgar an und wichtige Informationen werden nicht ausreichend kommuniziert, manche Konzepte wirken, als wären sie im Spiel, um sagen zu können, dass man diese ebenfalls bietet. Dadurch dauert es länger als es sollte, bis das Gameplay von Humankind wirklich zündet. Dann kann es allerdings bei aller Kritik mit seinen Stärken glänzen: Der Nationenbaukasten erlaubt viele verschiedene Kombinationen, von denen manche sicherlich zu stark geraten sind, andere aber erlauben, eure Taktik mitten in der Partie umzustellen und auch den Reiz einer neuen Partie erhöhen. Ja, natürlich könnte man hier vorwerfen, dass dadurch auch die Identität eurer Gegner verloren geht, wenn sich eure Konkurrenten aus der Antike plötzlich im nächsten Zeitalter anders nennen, aber das ist nur ein kleiner Kritikpunkt – ebenso wie die etwas zu generischen Epochen-Sterne, die sich aber genau dadurch oft im Vorbeigehen abholen lassen. Gesamt ist Humankind eine interessante Alternative zu Civilization mit ein paar Schönheitsfehlern, die dafür sorgen, dass der Genrethron bei der Sid Meier-Reihe bleiben wird. Zumindest vorläufig ...

Genre: Strategie
Entwickler: Ampltiude Studios
System: PC
Erscheint: erhältlich
Preis: ca. 60 Euro oder gratis im Gamepass

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Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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