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Review: Fantasy Life

Im klassischen JRPG ist die Ausgangslage meist klar: Wir starten an einem Punkt im Leben unseres Helden, entwickeln uns rasch aus dem gewöhnlichen Alltag unseres Alter Egos weg und werden zum großen Helden, der die Welt rettet. Mittlerweile ist das allerdings nicht mehr der einzige Weg, wie wir Abenteuer erleben können. Blicken wir eher Richtung MMO-Genre, dann geht es vielmehr darum, sich seinen Platz in der Welt zu erkämpfen und dennoch große Heldentaten zu erledigen; dies allerdings selten als Einzelkämpfer sondern vielmehr als Rädchen, das im großen Gefüge der Welt an den richtigen Platz gewandert ist. Level-5, die mit Spielen wie Dark Cloud, Dragon Quest VIII und IX oder Ni no Kuni jede Menge JRPG-Erfahrung sammeln konnten, mischen mit Fantasy Life beide Ansätze zu einem JRPG der etwas anderen Art zusammen.

„Welches Leben möchtest du führen?“, ist eine der ersten Fragen, die das Spiel uns stellt, und bietet uns dafür zwölf Auswahlmöglichkeiten. Ein kurzer Blick auf diese macht rasch klar: „Leben“ bedeutet in diesem Fall in etwa „Beruf“ und entscheidet über die Klasse eurer Hauptfigur. Die zwölf Leben verteilen sich dabei auf verschiedene typische (Paladin, Jäger, Söldner und Magier) und eher untypische Berufe, wie die Sammlerklassen Schürfer, Holzfäller und Angler bzw. die Verarbeitungsklassen Koch, Schmied, Schreiner, Schneider und Alchemist. Die Qual der Wahl ist also groß, aber bevor ihr vorschnell die Sammler oder Verarbeiter verwerft, weil ihr euch in die Gefechte stürzen wollt, bedenkt zwei Dinge: Erstens ist es durchaus möglich, das Spiel auch mit einer untypischen Klasse zu beenden; zweitens ist die Wahl (auch wenn das zu Beginn nicht ganz offensichtlich ist) nicht permanent.

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Das Abenteuer eurer selbst erschaffenen Spielfigur beginnt eines Morgens in Kastell, einer der Städte der Welt von Fantasy Life. Und es ist ein wichtiger Morgen, denn an diesem Tag werdet ihr zur Lebensgilde gehen und euch für ein Leben entscheiden. Diese Leben sind nämlich das Ordnungssystem, in dem diese Welt tickt – jeder, der etwas aus sich machen will (Taugenichtse also mal außen vor) wählt ein Leben, das er in Zukunft führen will. Das klingt, wie schon im Absatz zuvor erwähnt, zwar recht final, ist es aber nicht: Habt ihr genug von eurem momentanen Leben, könnt ihr einfach in die Gilde zurückgehen (per Karte gibt es eine Schnellreise dorthin) und euch für ein anderes Leben entscheiden. Das heißt allerdings nicht, dass ihr vergesst, was ihr bis hierhin gelernt habt: Euer Rang, eure Punkte sowie alle Skills, die ihr in eurer Klasse erworben haben, bleiben erhalten – habt ihr euch also zum Holzfäller ausbilden lassen und wechselt danach zum Söldner, könnt ihr noch immer mit der Axt umgehen und Bäume fällen, um Rohstoffe zu sammeln, die ihr danach mit euren Verarbeitungskenntnissen (so ihr einen passenden Beruf erlernt habt) verarbeiten könnt. Es rentiert sich also durchaus, zumindest die Einführungsquests aller Sammel- und Verarbeitungsklassen zu absolvieren, um die nötigen Skills freizuschalten – und sei es nur, um im Vorbeigehen Rohstoffe zu sammeln und zu verkaufen.

Wer mehr Zeit in die diversen Klassen investiert, profitiert natürlich auch mehr davon – schließlich könnt ihr die meisten Rohstoffe für die diversen Rezepte selbst sammeln und die an der Werkbank geschaffenen Produkte danach teuer verkaufen oder selbst verwenden, um euch für die Gefechte auszustatten. Schließlich geht es in Fantasy Life nicht nur darum, euren Platz in der Welt zu finden (auch, wenn es manchmal so aussehen mag), sondern auch darum, Quests zu erfüllen und so nebenbei eine Geschichte rund um die Bedrohung der Welt zu erleben. „Nebenbei“ ist dabei allerdings ein gutes Wort, denn man kann sich so sehr in Kleinigkeiten verlieren, dass das eigentliche Storytelling ins Stocken gerät. Warum auch die Welt retten, wenn die Bürger uns bitten, Wölfe zu jagen, Amulette zu basteln oder vier Pinienscheite abzuliefern und man auch so viel Spaß haben kann?

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Damit sind wir schon bei den Quests angelangt, die es in Fantasy Life in gleich drei Kategorien gibt: Herausforderungen sind Aufgaben, die zu den verschiedenen Klassen gehören und deren Erfüllung Sterne einbringen, mit denen ihr in euren Leben im Rang aufsteigt; Flatterlingsaufträge gehören zu eurem Begleiter, einem sprechenden Schmetterling, und bringen euch „Wonne“, eine Währung, die verschiedene Boni (z.B. Haustiere oder den Zugriff auf größere Taschen) freischalten kann; und in der Kategorie „sonstige Aufträge“ finden sich jene Quests, die euch die Bewohner stellen und meist in Geld und Naturalien abgegolten werden.

Gemeinsam haben all diese Aufgaben, dass sie von euch meist erfordern, euch in die Wildnis hinaus zu begeben, wo ihr in Echtzeitkämpfen direkt auf der Karte gegen allerhand Monstergetier kämpfen müsst, das sich euch in den Weg stellt. Hier kommt auch der Tag/Nachtzyklus von Fantasy Life ins Spiel, denn während es untertags noch verhältnismäßig friedlich zugeht, kommen in der Nacht stärkere Monster ins Spiel (während sich andere aufs Ohr hauen). Gerade in kniffligeren Gebieten (die allerdings erst durch Fortschritt in der Story freigeschaltet werden) solltet ihr deshalb einen genauen Blick auf die Tagesleiste halten und vor Einbruch der Dunkelheit nachhause reisen.

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Eine gute Alternative wäre es allerdings auch, nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen Abenteuer zu erleben. Die Story schaltet euch nach und nach mögliche Begleiter frei, die sich gar nicht mal so dumm anstellen (allerdings zum Problem werden könnten, wenn ihr die Klassenquests rund um „erledige X Monster mit Spezialschlag Y“ absolvieren wollt). Wer lieber keiner künstlichen Intelligenz vertraut, kann auch echte Mitspieler in seine Welt einladen, was durchaus Spaß macht, aber keine Bedingung ist, um Fantasy Life so richtig zu genießen – immerhin kann es durchaus lästig sein, wenn der Mitspieler gerade mit dem Erz liebäugelt, während man selbst eigentlich nur Monster kloppen will. Deshalb hat sich Fantasy Life für mich auch eher als Singleplayer-Titel herauskristalisiert, bei dem ich mein Haus einrichte (auch, wenn es eigentlich kaum etwas bringt), in die Welt hinausziehe und der Musik von Nobuo Uematsu lausche, die zwar nicht an seine Final Fantasy-Kompositionen heranreicht, aber doch Ohrwürmer abliefern kann.

Review Overview

Wertung - 8

8

Lebens-Simulation trifft Rollenspiel

Fantasy Life ist niedlich, verspielt – und ein echtes Stundengrab. Oft genug ist es mir während des Tests passiert, dass ich „nur noch diese eine Aufgabe“ erledigen wollte und dann doch mehrere Stunden hängen geblieben bin – ohne die Handlung voranzutreiben, wohlgemerkt, weil die mich natürlich in eine andere Richtung geschickt hat, als die Quests, die ich noch zu erledigen hatte. Dass das dem Spiel gelungen ist, ist für mich, der eigentlich Story-Spiele den klassischen Open-World-Titeln vorzieht, beeindruckend. Das heißt allerdings nicht, dass es keine Kritik an Fantasy Life gibt: Hin- und wieder würde es der Motivation gut tun, wenn der rote Faden stärker wäre; dass man zur Erfüllung der Lebensquests öfter in dieselben Gebiete reisen muss, weil es ausdrücklich heißt, man muss dieses oder jenes mit genau jener Klasse erledigen, hemmt den Spielfluss, weil die Laufwege ganz schön lang werden können; und die Steuerung ist nicht immer optimal, da man mit demselben Button die Waffe zieht (bzw. verwendet) und Dinge einsammelt – wobei letzteres allerdings nur geht, wenn man keine Waffe gezogen hat. Das kann manchmal doch ordentlich ärgern. Dennoch ist Fantasy Life ein Spiel für all jene, die einmal ein JRPG der anderen Sorte erleben wollen – hier werden Lebenssimulationen im Animal Crossing-Stil mit klassischen JRPG-Elementen und ein paar Ideen, die man eher in MMOs erwarten würde, gemischt. Mir hat es Spaß gemacht, auch wenn die Mischung sicher nicht jedem schmecken wird.

Genre: Rollenspiel1148850
Entwickler: Level-5
Erscheint: 26. September 2014
Preis: ca. 40 Euro
System: 3DS

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Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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