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Review: Das Schwarze Auge: Satinavs Ketten

DSA funktioniert auch ohne Würfel ausgezeichnet.

Das Schwarze Auge (kurz: DSA) ist wohl das bekannteste Rollenspielsystem aus deutschen Landen. Kein Wunder, dass wir (trotz dieser eher regionalen Bekanntschaft) schon mehrere Spieleumsetzungen unterschiedlichster Qualität erleben durften. Fast alle dieser Titel haben eines gemeinsam: (Mehr oder weniger) getreu der Vorlage handelt es sich dabei um Rollenspiele. Umso größer war die Überraschung, als sich vor knapp zehn Jahren ausgerechnet Adventure-Spezialist Daedalic ebenfalls die Lizenz sicherte und ankündigte, ein Point & Click-Adventure entwickeln zu wollen. Nun, neun Jahre nach dem PC-Release von Satinavs Ketten, folgt die zweite Überraschung: Nach all der Zeit wird das Spiel (genauso wie sein Sequel Memoria) für Konsolen neu aufgelegt. Kann sich der Titel auch hier beweisen?

Auf nach Andergast

In Satinavs Ketten schlüpft ihr in die Rolle des jungen Geron, seines Zeichens Fallensteller, der von seinen Mitbürgern nach Möglichkeit gemieden wird. Warum eigentlich? Vor zehn Jahren tauchte im notorisch abergläubischen Andergast ein Seher auf, der den Tod des damaligen Königs und andere unheilvolle Dinge vorhersagte und dafür auf dem Scheiterhaufen landete. Dort machte er allerdings noch eine letzte Prophezeiung: Er richtete seine blinden Augen auf den kleinen Geron und verkündete, dass er das Ende bringen würde. Damit noch nicht genug gibt es eine zweite unheimliche Sache an unserem Protagonisten: Regelmäßig gehen Dinge in seiner Nähe zu Bruch, auch wenn er sie gar nicht berührt. Ihr könnt euch wohl jetzt schon vorstellen, dass diese Fähigkeit (Regelkundige werden hier zurecht auf eine magiedilettantische Anwendung des Klickeradomms tippen) im weiteren Verlauf des Abenteuers sehr wichtig wird.

Doch von Anfang an: Als das Spiel beginnt, stehen große Ereignisse in Andergast an. Die junge Königin von Nostria, dem benachbarten Königreich, mit dem unsere Heimat schon seit Ewigkeiten verfeindet ist, trifft demnächst zu Verhandlungen ein, was König Efferdan mit allerhand Veranstaltungen für alle Stände feiert. Und so beteiligt sich auch Geron an der sogenannten Eichblattqueste, bei der eine Audienz beim König winkt. Dank unserer tatkräftigen Mithilfe gewinnt er den Bewerb tatsächlich – doch das Glück erweist sich im Endeffekt eher als Unglück, denn nun setzen sich Ereignisse in Gang, die Gerons Leben für immer verändern werden: Andergast wird von Krähen heimgesucht, die nicht davor zurückschrecken, Menschen zu töten – und seltsamerweise stehen die Opfer im Zusammenhang mit der Jagd nach dem Seher vor zehn Jahren. Gerons Meister Gwinnling ist überzeugt, dass eine Fee die Lösung hinter den Problemen sein könnte, und schickt unseren Helden wider Willen aus, eine solche einzufangen. So begegnen wir schließlich Nuridarinellavanda (kurz: Nuri), die uns mit ihrer naiven Weltfremdheit so manches Mal zur Verzweiflung treiben wird. Und dennoch sind unsere Schicksale ab diesem Punkt verknüpft …

Aventurisches Flair

Schon anhand dieser kurzen Zusammenfassung des ersten Spielabschnitts könnt ihr wohl erahnen, dass Satinavs Ketten in Sachen Atmosphäre sein eigenes Ding macht: Düsterer als Deponia, weniger skurril als die beiden Spiele rund um Edna – und deutlich mehr Adventure als die Säulen der Erde. Am ehesten könnte man die Atmosphäre als einen Mix aus der Ernsthaftigkeit von A New Beginning mit der Fantasy-Atmosphäre von The Whispered World vergleichen – mit einer ganzen Prise Aventurien, wie es Rollenspieler kennen und lieben. Gerade letzteres ist dabei besonders positiv zu erwähnen: Wer Aventurien aus dem Pen & Paper-Original, den Büchern oder auch nur den Spielen kennt, freut sich über zahlreiche Kleinigkeiten, seien es die Schweine in Andergast, die Schwäne vor dem Traviatempel oder auch die anderen kleinen Anspielungen in der Sprache – bis hin zum korrekten Orkisch der Schwarzpelze. Der Levthansfuß daran ist allerdings, dass diese Details jenen, die das Universum nicht kennen, eher spanisch vorkommen werden. Das ist aber kein Beinbruch, denn die Puzzles sind auch dann meist logisch, wenn ihr Thorwal für eine Mischung zwischen Zitteraal und Killerwal haltet. Ja, am besten wird euch Satinavs Ketten gefallen, wenn ihr Adventures mögt, aber auch die Welt des Schwarzen Auges kennt – Genrefans ohne DSA-Erfahrung kommen aber genauso auf ihre Kosten, auch wenn sie vielleicht nicht alle Anspielungen verstehen.

Doch die Frage ist: Gilt das auch umgekehrt? Was ist mit jenen, die Aventurien lieben, vielleicht schon zahlreiche Helden in die Schlacht geschickt haben, aber um Adventures normalerweise einen großen Bogen machen? Nun, hier müssen wir ein paar Einschränkungen anbringen: Wer mit dem klassischen Point’n’Click-Adventuregenre gar nichts anfangen kann, wird auch mit Satinavs Ketten nicht glücklich werden, denn trotz der Rollenspielwurzeln des Settings handelt es sich hier um einen typischen Genrevertreter, bei dem Gegenstände eingesammelt und Rätsel gelöst werden, ohne dazwischen während eines Kampfes ein wenig Abwechslung vom Denken zu bekommen. All jene, die allerdings schon immer mal in das Genre hineinschnuppern wollten, können dies durchaus tun, denn Daedalic hat auch an euch gedacht. Gleich zu Beginn lässt euch das Spiel zwischen einer leichten und schweren Variante wählen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die Frage, wie schwer die Rätsel im Spiel sein sollen, sondern nur, welche Hilfesysteme von Start weg aktiviert sind. Adventureneulinge aktivieren die Hotspotanzeige per Klick mit dem rechten Stick und lassen sich damit interessante Punkte auf dem jeweiligen Screen anzeigen, sehen dank Kombinationsassistenten, ob zwei Items miteinander benutzt werden können oder erkennen, ob schon alle sinnvollen Aktionen mit einem Hotspot oder Gegenstand durchgeführt wurden. Adventurecracks können diese Einstellungen natürlich abschalten bzw. nur dann aktivieren, wenn sie wirklich mal an einem Puzzle länger hängenbleiben sollten.

Knacks und Wachs

Apropos Puzzles: Auch wenn sich in der letzten Zeit das Adventure vom klassischen Point’n’Click-Stil oft eher in Richtung einer interaktiven Erzählung entwickelt hat, liefert Daedalic hier einen zeitgemäßen Vertreter der alten Schule ab. Die Puzzles sind zwar nicht gerade Härtenüsse, aber dennoch nicht mal eben im Vorrübergehen lösbar und durchwegs logisch. Neben den altbekannten, typischen Adventuremechaniken – Items aufnehmen, kombinieren und dazwischen Dialogpuzzles lösen – spielt dabei natürlich Gerons magische Begabung eine besondere Rolle, vor allem, weil auch Nuri zaubern kann und unseren Helden dabei wunderbar ergänzt. Dennoch ist sie eine etwas unstete Begleiterin: Entweder ist sie von den „Wundern“ der Welt derart abgelenkt, dass sie, anstatt uns zu helfen, lieber die Sterne zählt, oder sie hat Angst vor den Schmerzen, die sie vom Zaubern bekommt, und will uns lieber nicht magisch unter die Arme greifen. Dennoch gibt es viele Situationen, die wir ohne Nuri gar nicht meistern könnten, wodurch die Verbindung der beiden Protagonisten sich umso mehr entwickeln kann. Dieser emotionale Teil der Geschichte ist es, die uns beim Test fast noch mehr gefesselt hat als das Mysterium rund um den Seher. Hier zeigt sich, dass es Daedalic gelungen ist, mit Nuri und Geron zwei absolut lebendige Charaktere zu erschaffen, mit denen man mitfiebert und auf den guten Ausgang der Geschichte hofft.

Dunkle Wolken

Halten wir also an diesem Punkt fest: Satinavs Ketten ist ein Spiel, das mit seiner Story durchaus fesseln kann, fordert, ohne unfair zu sein, und kann dadurch als Adventure absolut überzeugen. „Wo sind die Minuspunkte?“, fragt ihr jetzt vielleicht. Gibt es die einfach nicht? Doch, leider – auch wenn man je nach Spielernatur mehr oder weniger darüber hinwegsehen kann, denn unsere Mängelliste bei Satinavs Ketten hat Großteils mit zwei Punkten zu tun: Grafik und Steuerung. Beginnen wir mit ersterem: Zwar sind die Hintergründe wunderschön detailreich, wirken aber durch die handgezeichnete Optik ein wenig angestaubt. Gut, das passt irgendwie zum Setting. Die Animationen sind es hingegen, die teilweise die Atmosphäre behindern: Bisweilen wird zwischen einzelnen Animationsphasen einfach umgeklappt, beim Sprechen fehlt die Lippensynchronität und generell wirkt so manche Bewegung eher hölzern. Natürlich kann man das Ganze auch als künstlerische Entscheidung interpretieren, aber in unserem Test hat es bisweilen die Atmosphäre gerade so mancher dramatischer Szene gestört, wenn die „Darsteller“ derart steif agieren.

Punkt zwei, die Steuerung, ist ein klassisches Problem des Genres auf Konsolen: Dass die Point’n’Click-Adventures schon dem Namen nach vor allem für Maussteuerung designed sind, ist nichts Neues. Klar, es gab im Laufe der Zeit gelungene Experimente mit Touchscreen (im Fall von Satinavs Ketten profitiert die Switch-Version davon) oder Bewegungssteuerung, aber im Endeffekt ist das klassische Adventure nicht optimal für Controller geeignet. Satinavs Ketten versucht, durchaus das Beste daraus zu machen und verzichtet völlig auf einen Cursor: Geron wird direkt gesteuert, Hotspots in seiner Nähe werden automatisch anvisiert und können per Schultertaste umgeklappt werden, die Buttons lösen Aktionen auf der dazugehörigen Aktionsmünze aus. Leider wirkt die Steuerung dann doch etwas zu überladen und nicht immer ganz intuitiv. Man kommt man zwar mit ein wenig Einarbeitung recht komfortabel durch das Spiel, doch das Gefühl „mit der Maus war Satinavs Ketten angenehmer zu spielen“ wird man nicht los. Dass das allerdings nicht so sehr ins Gewicht fällt, ist zwei Faktoren zu verdanken: Erstens der Tatsache, dass die Story im Ganzen überzeugen und auch über so manchen Schwachpunkt hinwegsehen lassen kann; zweitens den Sprechern, allen voran jenen von Geron und Nuri, bei denen man in jenen Momenten, wo das Acting gar zu steif wird, auch einfach die Augen schließen kann. Wie gesagt: Manche werden diese Mankos mehr oder weniger stören. Für uns ist es allerdings ein Beweis für die vielen Dinge, die Satinavs Ketten richtig gemacht hat, dass sie im Endeffekt gar nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Fazit

Wertung - 8

8

gelungenes DSA-Adventure

Ich durfte Satinavs Ketten schon 2012 – damals noch als hauptberuflicher Redakteur – am PC testen und habe das Spiel immer in guter Erinnerung behalten. Auch fast zehn Jahre später kann das Adventure seine Stärken ausspielen: Ja, auch hier können die Pixeldarsteller nicht vergessen lassen, dass sie eben animiert sind, was manchmal der Atmosphäre der düstereren Momente schadet. Aber das Schöne ist, dass das Spiel diese Schwächen rasch vergessen lässt, die Atmosphäre dennoch gnadenlos zupackt und der Titel auch als Adventure überzeugt. Adventurespieler mit Kenntnis über Aventurien dürfen definitiv zuschlagen, ich lege Satinavs Ketten aber auch jenen Genrefans ohne DSA-Kenntnis ans Herz (es geht wirklich vor allem ums Flair, Vorwissen ist nicht unbedingt nötig) und empfehle es sogar eingefleischten Rollenspielern ohne Adventureerfahrung. Die einzige Frage, die man sich wirklich stellen sollte, ist, ob man nicht doch am PC zuschlagen sollte – dank der besseren Steuerung ist die „alte“ Version der Konsolenversion knapp voraus. Wer lieber mit einem Controller zockt, macht hier aber definitiv auch nichts falsch.

Genre: Adventure
Entwickler: Daedalic
System: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X|S, Switch
Erscheint: 27.01.2021
Preis: ca. 20 Euro

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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