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Review: Das Schwarze Auge: Memoria

Mehr Geschichte, mehr Hintergrund, mehr DSA

Mit Satinavs Ketten überraschte Daedalic 2012 mit einem ungewöhnlichen Ausflug in die Welt des Schwarzen Auges: Anstatt das Pen & Paper-Universum wie üblich als Rollenspiel umzusetzen, erlebten wir die Abenteuer des Vogelfängers Geron aus Andergast, der seine Heimat gemeinsam mit der Fee Nuri vor dem Untergang retten musste, in Form eines Point’n’Click-Adventures. Der Mix ging auf und begeisterte Fans sowohl im DSA- als auch im Adventure-Lager. Und da das Spiel ohnehin mit einem kleinen Cliffhanger endete, war klar: Ein Sequel muss her, das jetzt zeitgleich mit dem Vorgänger auf Konsolen veröffentlicht wird (deshalb: Achtung, im folgenden Absatz finden sich leichte Spoiler zur Handlung des Vorgängers!)

Aus dem Meer der Erinnerungen

Memoria setzt wenige Monate nach dem Ende von Satinavs Ketten an: Gerons Ruhm als Retter Andergasts ist mittlerweile ein wenig verblasst, doch seine große Sorge gilt seiner Feenfreundin Nuri. Ein fahrender tulamidischer Händler bietet Hilfe an – aber als Preis muss Geron binnen drei Tagen ein Rätsel lösen. Diese Aufgabe eröffnet den zweiten Erzählstrang, zu dem das Spiel an vorgegebenen Punkten wechselt: 450 Jahre zuvor drang eine tulamidische Prinzessin namens Sadja mit einer Gruppe Abenteurer in die Grabkammer eines Magiermoguls ein, um ein mächtiges Artefakt – seine Maske – zu bergen, das den Streitkräften Rohals im Kampf gegen den Dämonenmeister Borbarad einen Vorteil verschaffen sollte. Doch auch wenn Sadja eigentlich nach ewigem Ruhm strebte, verliert sich ihre Spur im Sand der Wüste Gor – was ist mit ihr geschehen? Auch wenn die Erzählstränge auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, geschehen bald auch schon in Gerons Zeit seltsame Dinge, die unmittelbar mit der mysteriösen Maske zusammenhängen.

Mehr Aventurien!

Bei Satinavs Ketten versuchte man jene, die die Welt des Schwarzen Auges nicht kannten, nicht mit Details und Hintergrundwissen zu erschlagen. Nicht umsonst wählte man das hinterwäldlerische Andergast als Schauplatz und streute nur in moderaten Dosen aventurisches Flair darüber. Memoria geht hier einen anderen Weg: Allein die Idee, Sadjas Geschichte mit der monumentalen historischen Schlacht in der Gor zu verknüpfen, zeigt, dass man sich diesmal zugetraut hat, weiter in die aventurische Geschichte einzutauchen. Dennoch streift man diese Ereignisse nur am Rande, sodass Aventurien-Fans geschichtsträchtiges Flair geboten wird, aber auch jene ohne DSA-Vorbildung halbwegs verstehen, was hier eigentlich vor sich geht. Allerdings spielt die Handlung im Laufe der Zeit mit einigen mythologischen Konzepten, die wohl nur jene völlig durchschauen werden, die die Hintergründe aus dem Regelwerk kennen. „Uneingeweihte“ können sich hier etwas zu leicht in den verschiedenen Namen und Ideen verfangen und den Durchblick verlieren.

Das ist Magie!

Im Vergleich zum Vorgänger hat sich in Sachen Präsentation wenig getan: Die bewährten Sprecher aus Satinavs Ketten werden mit Neuzugängen ergänzt, die über weite Strecken einen soliden Job abliefern, und die Musik passt zur Atmosphäre des Spiels. Grafisch wäre noch ein wenig mehr drin gewesen: Einige Hintergründe sind nicht ganz so detailverliebt, wie man sich das wünschen würde, und wirken eher skizzenhaft; dafür sind die Animationen nun ein wenig weicher als in Satinavs Ketten. Die Controller-Steuerung kann auch hier grundsätzlich überzeugen (einmal mehr wird man das Gefühl allerdings nicht los, dass das Spiel mit einer Maus besser zu steuern war), doch die Möglichkeiten, die sie euch bietet, werden durch neue Zauber um einiges erweitert: Während der Vogelfänger später im Spiel dank eines Artefakts Spuren von Magie sehen kann (zusätzlich zu seinem „Zerbrechen“-Spruch aus dem Vorgänger), lernt Sadja von ihrem Begleiter – einem beseelten Zauberstab, den sie in der Gruft des Moguls aufsammelt – nach und nach drei Zaubersprüche, darunter einen, mit dem sie einer Person Visionen schicken kann. Die Rätsel, die den Einsatz von Magie erfordern, sind oft die kniffligsten, da man hier ein wenig um die Ecke denken und die Möglichkeiten, die sich hier eröffnen, erst begreifen muss. Solltet ihr bei einer Aufgabe hängen bleiben, hilft ein Blick ins Questlog, das nicht nur ein paar Hintergrundinfos ausspuckt, sondern euch auch sagt, was eure nächsten Aufgaben sind und auf Wunsch auch Ansätze für eine Lösung verrät. Apropos Lösungsansatz: Das Spiel vergibt für verschiedene Taten Achievements, von denen allerdings nicht alle in einem Durchlauf erreicht werden können – schließlich ist es für manche erforderlich, Rätsel auf unterschiedliche Arten zu lösen. Einen storytechnischen Unterschied machen diese Entscheidungen allerdings kaum – bis auf die allerletzte, die zumindest eine der beiden Geschichten auf zwei verschiedene Arten zu einem (bislang nicht weiterverfolgten, aber vielleicht eröffnet die Konsolenversion nach all den Jahren die Möglichkeit eines Sequels?) Ende führt.

Fazit

Wertung - 8

8

im besten Sinne für Fans

Satinavs Ketten drehte sich um die abenteuerliche Reise eines ungleichen Paares, das von der Welt „da draußen“ nur wenig Ahnung hatte. Memoria handelt von der Vergangenheit und lebt davon, dass man eine spannende Geschichte mit einem epischen Hintergrund, bekannten Orten und der aventurischen Mystik verwebt. Auch wenn die beiden Spiele zusammenhängen, ist ihr Ansatz – und damit auch ihre Zielgruppe – verschieden. Für mich als DSA-Kenner, der die Hintergründe gut kennt, ist Memoria das interessantere und bessere Spiel. Wem dieses Wissen fehlt, dem entgeht eine ganze Portion Flair, die dem Spiel seine Besonderheit verleiht – die Bodenständigkeit des ersten Teils war für Aventurien-Neulinge deutlich leichter zu durchschauen. Dank einiger knackiger Rätsel und einer spannenden Inszenierung gibt es aber auch für alle Adventure-Freunde ohne tiefere DSA-Connection eine Kaufempfehlung mit nur leichten Einschränkungen.

Genre: Adventure
Entwickler: Daedalic
System: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X|S, Switch
Erscheint: 27.01.2021
Preis: ca. 20 Euro

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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