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Review: Chrono Cross – Radical Dreamers Edition

Wann ist ein Sequel kein Sequel?

Es ist keine leichte Aufgabe, die Nachfolge einer Legende anzutreten: Nur wenige Jahre, nachdem ein All-Star-Team von Rollenspielexperten von Squaresoft (vor allem Veteranen der Final Fantasy-Reihe) und Enix (vor allem aus dem Team hinter Dragon Quest) mit Chrono Trigger einen zeitlosen Klassiker abgeliefert hatten, versuchte Squaresoft (ohne Enix) gleich zweimal, ein passendes Sequel zu erschaffen. Das erste davon, Radical Dreamers, war ein kleines Projekt, erschien nur in Japan und war kein großer Erfolg; aber zumindest das zweite, Chrono Cross, war abgedreht, legendär – und bislang nicht ohne weiteres in Europa verfügbar. Das hat sich jetzt geändert: Beide Spiele kommen mit Chrono Cross: The Radical Dreamers Edition nicht nur auf moderne Konsolen, sondern sind hierzulande überhaupt das erste Mal erhältlich. Hat sich das Warten gelohnt?

Fortsetzung (fast) ohne Voranspruch

Beginnen wir mit dem zweiten Spiel, das (als das deutlich größere und bekanntere Spiel) auch den Hauptfokus des Remasters darstellt. Ihr spielt Serge, der in einem kleinen Küstendorf aufwächst und ein normales Leben führt – bis er in einer alternativen Realität landet, in der er vor Jahren verstorben ist (was zu etlichen Veränderungen in der Geschichte dieser Realität führt), und in einem Abenteuer landet, das ihn mit vielen Gefährten (und zwar gleich so vielen, dass man gar nicht alle in einem Durchlauf einsammeln kann) zusammenbringen wird. Falls Veteranen von Chrono Trigger das alles so gar nicht bekannt vorkommt: kein Wunder. Mit neuen Charakteren, einem anderen Gameplaysystem, einer Story, die zunächst Querverbindungen spart, und sogar einer anderen die Geschichte antreibenden Mechanik (Paralleldimensionen statt Zeitreisen) sind Kenntnisse des Vorgängers zwar von Vorteil (es gibt dann doch einige Anknüpfungspunkte und gewisse Storybeats machen einerseits mehr Sinn und berühren andererseits emotional mehr, wenn man Chrono Trigger erlebt hat), aber insgesamt nicht unbedingt nötig, um Spaß mit Chrono Cross zu haben. Wir wollen die Geschichte aber keineswegs spoilern. Halten wir einfach fest: Die Story ist gut, erreicht aber nicht die Qualität von Chrono Trigger und hat an einigen Stellen ein paar Pacing-Probleme; auch die Charaktere sind – mit einigen Ausnahmen – schon aufgrund ihrer Vielzahl, aber auch aufgrund ihrer beschränkten Relevanz für die Geschichte, in der ihr oft verschiedene Möglichkeiten habt, eine Situation zu lösen, nicht so einprägsam wie die aus dem Vorgänger.

Eine Zeitreise ohne Zeitreise

Chrono Cross erschien 1999 und damit mitten in eine Hochblüte der PS1-JRPGs hinein. Es wird also kaum überraschen, dass der Titel in vielerlei Hinsicht wie andere Genrekollegen dieser Zeit wirkt. Das beginnt schon beim rundenbasierten Kampfsystem, das einige interessante eigene Ansätze verfolgt und ein wenig Zeit zum Einarbeiten erfordert, ist aber vor allem bei der Präsentation zu merken: Vorgerenderte Hintergründe mit Polygonfiguren zum Erkunden, 3D-Kampfarenen für die Rundengefechte und Render-Zwischensequenzen lassen heute Nostalgie aufkommen, wirken aber nicht nur altbacken, sondern auch die einzelnen Elemente passen heute nicht mehr so gut zusammen wie anno dazumal. Die hochgerechneten Hintergründe sind teilweise zu verwaschen, die verbesserten Figuren dagegen scharf.  Und auch bei den Cutscenes zeigt sich, dass das Hochziehen auf HD nur beschränkt möglich ist (von der Tatsache, dass das Bildmaterial nur in 4:3 vorliegt, ganz abgesehen – das Remaster bietet verschiedene Methoden, dies zu korrigieren, aber keine davon ist optimal). Das kennen wir natürlich alles schon von anderen Remastern und ist auch dem Ausgangsmaterial geschuldet; trotzdem wird rasch klar, dass die Entwickler bei diesem Projekt eher geringen Aufwand betrieben haben. Ein paar Grafikoptionen, einige Komfortfunktionen (wie das Beschleunigen und Verlangsamen des Spiels oder Auto-Kämpfe) sind nette Boni, aber gleichzeitig bleiben andere Bereiche des Spiels sperrig oder zumindest nicht optimal erklärt wie damals.

Nostalgiker und Fans des PS1-Stils mag das eher weniger stören, wäre da nicht ein echter Pferdefuß: die Performance. Wenn ein Spiel der PS1-Ära mit minimalen Verbesserungen auf aktuellen Systemen immer wieder deutlich mit der Framerate kämpft und schlechter läuft als am Originalsystem, ist das eigentlich nur schwer zu verstehen. Und es ist schade, denn Chrono Cross macht an sich – aus Sicht der PS1-Ära – vieles richtig. Nein, es ist nicht das beste JRPG der Ära, es kommt auch nicht an Chrono Trigger heran, aber es hat eine spannende Story, einiges an Replayability, ein interessantes, wenn auch ein wenig überladenes Magie- und Kampfsystem und die Musik ist zurecht ein häufiger Gast bei Spielmusik-Konzerten. Aber an der Performance des Remasters muss dringend noch gedreht werden – hoffen wir auf Patches, denn hier muss einfach noch mehr möglich sein.

Mehr als ein Bonus

Abgesehen von Chrono Cross wartet aber noch ein anderer Leckerbissen im Remaster: Das schon erwähnte Radical Dreamers, also der erste Versuch eines Sequels zu Chrono Trigger. Dieses erschien ursprünglich für das Satellaview (ein Satelliten-Modul für das Super Famicom) und war eine Visual Novel, also ein Spiel im „Choose Your Own Adventure“-Stil, bei dem es viel zu lesen gab und ihr an den passenden Punkten Entscheidungen treffen musstet, wie die Geschichte weitergeht. Bislang erschien dieses Spiel ausschließlich in Japan, mit dem Remaster gibt es erstmals eine Möglichkeit, es im Westen zu erleben. Das ist vor allem deshalb interessant, weil diese Geschichte quasi den Ausgangspunkt für die Entwicklung von Chrono Cross legte. Nein, es handelt sich dabei nicht um ein kanonisches Prequel und es gibt durchaus Widersprüche zum späteren Spiel, aber man erkennt durchaus, wie Geschichte und Charaktere von Radical Dreamers von den Entwicklern später zu Chrono Cross „weitergedacht“ wurde. Als Visual Novel ist der Titel zwar eher ein Bonus mit Nischen-Appeal, aber für Fans der Cross-Reihe auf jeden Fall einen Blick wert.

Fazit

Wertung - 7.5

7.5

tolles Original, technisch schwaches Remaster

Remaster sind oft eine knifflige Sache für einen Tester. Auf der einen Seite die berechtigte Nostalgie: Hier werden meist Spiele neu aufgelegt, die über lange Jahre einen großen Fankreis aufgebaut haben und vom damaligen Standpunkt gute Wertungen verdient haben. Auf der anderen Seite steht das Alter der Titel – nicht nur an der Präsentation, sondern auch am Gameplay nagt der Zahn der Zeit. Und das kann – und damit sind wir beim aktuellen Spiel – zu einem Dilemma führen, wie man diese beiden Standpunkte vereint. Chrono Cross ist ein gutes, wenn auch nicht alles überragendes Spiel; auf der anderen Seite ist es (wie viele PS1-Spiele) weder technisch noch spielerisch optimal gealtert – und die technische Umsetzung des Remasters sorgt für ihre ganz eigenen Probleme. Bonuspunkte gibt es allerdings dafür, dass Fans endlich offiziell Radical Dreamers spielen können. Für eine Wertung muss man sich auf einen Spagat einlassen, der der Problemstellung nicht ganz gerecht werden kann. Deshalb verlasst euch weniger auf die nebenstehende Zahl, sondern eher auf dieses Fazit in Textform: „Chrono Cross: Radical Dreamers Edition ist ein Spiel für Fans der PS1-JRPGs und für jene, die immer wissen wollten, wie es mit der Welt von Chrono Trigger nach dem ersten Teil weitergeht – sofern sie mit einem technisch eher schwachen Remaster leben können“.

Genre: Rollenspiel
Entwickler: Square Enix
System: Switch, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series, PC
Erscheint: erhältlich
Preis: ca. 20 Euro

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Bestseller Nr. 2
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  • "CHRONO CROSS: THE RADICAL DREAMERS EDITION" ist ein Remaster von "CHRONO CROSS".
  • Alle 3D-Modelle wurden in HD aufpoliert, neue Grafiken wurden hinzugefügt, und nun sind auch allerlei neue Funktionen mit dabei.
  • Zusätzlich ist "RADICAL DREAMERS - Der verbotene Schatz -", das Spiel, das den Grundstein dieser Geschichte legt, mit in dieser Edition enthalten!

 

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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