Review: Aliens vs. Avengers – Der Finale Kampf
Wenn der perfekte Organismus das Marvel-Universum auffrisst
Seit Disney sich 20th Century Fox und damit auch die Rechte an Alien und Predator einverleibt hat, lag ein Crossover mit dem Marvel-Universum in der Luft. Nach vielen Jahren bei Dark Horse war klar, dass die Xenomorphe früher oder später im Haus der Ideen landen würden. Mit Aliens vs. Avengers liefern Jonathan Hickman und Esad Ribić nun genau diesen Zusammenprall.
Die vierteilige Miniserie aus den Jahren 2024 und 2025 wird im US-Trade gesammelt und liegt nun bei Panini Comics als deutscher Sammelband Aliens vs. Avengers: Der finale Kampf vor. Enthalten sind die US-Hefte Aliens vs. Avengers 1 bis 4, also die komplette Geschichte in einem Band. Wichtiger als diese Eckdaten ist, dass es sich nicht um ein reines „Helden vs. Monster“-Schaulaufen handelt, sondern um ein düsteres Endzeit-Szenario, in dem das Alien-Franchise tief ins klassische Marvel-Universum frisst.
Die letzte Stadt im Schatten der Xenomorphe
Statt in den Straßen von New York beginnt der Band im All. Shi’ar-Wissenschaftler experimentieren mit den Xenomorphen, ein Einsatzteam aus Wakanda unter Führung eines gealterten Black Panther T’Challa und seines Sohnes Azari soll das Ganze stoppen – und scheitert. Die Aliens werden über mehrere Welten verteilt, die Erde inklusive.
In wenigen Seiten wird die Welt ins Chaos gestürzt. Die Inhumans und Atlanteans gehören zu den ersten Opfern, die Mutanten ziehen sich nach Mars beziehungsweise Arakko zurück, ganze Zivilisationen werden ausgelöscht. Jonathan Hickman stellt nicht die Frage, ob die Xenomorphe besiegt werden, sondern zeigt, was passiert, wenn sie gewinnen.
Als die Haupthandlung einsetzt, sind Jahrzehnte vergangen. Auf den Ruinen von Chicago steht die letzte Festungsstadt der Menschheit. Ein gealterter Bruce Banner, eine erschöpfte Carol Danvers und einige andere ehemalige Avengers halten das Licht am Leben. Der womöglich entscheidende Hebel: ein besonderer Symbiont, den Valeria Richards in einen Plan einbindet, der alles verändern könnte.
Parallel dazu entfaltet sich ein größerer Konflikt. Eine Armee von David-Syntheten führt einen kalten Krieg gegen die Engineers. Für beide Seiten sind Universen Spielmaterial, Leben ist Rohstoff. Dazwischen klemmen die letzten Avengers und die Menschheit, während die Xenomorphe zur Waffe in einem noch zynischeren Spiel werden.
Eine düstere Zukunftsvision
Wer ein einfaches „Helden kloppen Aliens“-Spektakel erwartet, wird überrascht. Ja, es gibt imposante Bilder, ja, ein uralter Hulk pflügt durch Horden von Xenomorphen. Doch der Schwerpunkt liegt auf Figuren, Stimmung und Ideen. Das erste Kapitel liest sich eher wie eine Endzeitballade als wie ein klassischer Superheldenauftakt.
Jonathan Hickman interessiert vor allem, wie Helden reagieren, wenn der Kampf längst verloren ist. Die Gespräche zwischen Bruce Banner und Carol Danvers in der letzten Stadt tragen mehr Müdigkeit und Melancholie als Sprücheklopferei. Die Xenomorphe agieren weniger als Bossgegner, sondern als Naturgewalt, die alles überrollt.
Durch die hohe Ideendichte bleibt jedoch wenig Platz für ausführliche Charakterbögen. Viele bekannte Gesichter aus Avengers– und X-Men-Kreisen tauchen kurz auf und verschwinden schnell wieder. Die Geschichte funktioniert als großes Panorama, weniger als intime Charakterstudie einzelner Fanlieblinge.
Wenn Götter bluten
Natürlich spielt der Band mit genau den Bildern, die man sich von diesem Crossover erhofft: ein gealterter Captain America in den Ruinen, ein verbitterter Iron Man an der Werkbank, eine abgeklärte Emma Frost mit Diamantschwert, ein veränderter Miles Morales in einem Symbionten-Xenomorph-Hybridsuit, eine neue, weibliche Version von Mister Sinister mit ganz besonderer Verbindung zur Xenomorph-Königin.
Diese Momente werden aber selten als reine Poster-Shots verkauft. Fast immer hängen sie an endgültigen Entscheidungen, an Opfern und Abschieden. Aliens vs. Avengers fühlt sich dadurch eher wie eine Endzeitvariante von Secret Wars oder House of X an als wie ein Event, der am Ende wieder geordnet in den Status quo zurückläuft.
Auch wer nicht jeden Winkel des Marvel-Kosmos kennt, kann der Geschichte folgen. Die wichtigsten Rollen sind klar gezeichnet, und die Anspielungen auf Alien, Prometheus oder Alien: Romulus funktionieren auch dann, wenn nur die Grundidee der Xenomorphe vertraut ist.
Das Artwork von Esad Ribić: Öl auf Albtraum-Leinwand
Esad Ribić ist wie gemacht für apokalyptische Geschichten. Seine malerische, fast klassische Bildsprache verleiht Aliens vs. Avengers eine Wucht, die weit über normales Superhelden-Material hinausgeht. Viele Seiten wirken, als wären sie direkt auf Leinwand gemalt: große, offene Panels, skulpturale Figuren, zerstörte Skylines und kalter Weltraum.
Die Xenomorphe sind keine einfachen Monsterdesigns, sondern schwarze Schatten mit glänzenden Kiefern, die in den Panels lauern und ganze Bildbereiche verschlingen. Wenn der alte Hulk in einem Meer aus Xenomorphen versinkt, ist das einer dieser Momente, die sich sofort ins Gedächtnis brennen. Farbkünstler Ive Svorcina arbeitet mit gedämpften Blau-, Grau- und Schmutztönen und erinnert damit an die Körnigkeit der klassischen Alien-Filme. Nur selten blitzen kräftige Farben auf, wenn Energieeffekte, Symbionten oder fremde Technologien ins Spiel kommen. Gelegentlich wirken Actionszenen im Dunkel etwas unübersichtlich, beim zweiten Lesen entfaltet sich jedoch die volle Wirkung.
Das Lettering von Cory Petit hält sich angenehm zurück und sorgt dafür, dass der Lesefluss trotz vieler Textboxen nicht ins Stocken gerät. Die deutsche Ausgabe erscheint bei Panini Comics als Softcover im gewohnten Format um 17 mal 26 Zentimeter mit über 150 Seiten Umfang. Enthalten sind alle vier US-Hefte der Miniserie, dazu Cover und redaktionelle Seiten. Für 20 Euro bekommt man die komplette Geschichte in einem Band. Die Übersetzung liest sich flüssig und trifft den Ton von Jonathan Hickman erstaunlich gut. Technische Begriffe, kosmische Phrasen und trockene Oneliner funktionieren in der deutschen Fassung, ohne holprig zu wirken. Druck und Papierqualität sind solide, die malerischen Seiten von Esad Ribić kommen satt und ohne sichtbare Abstriche rüber. Ein Plus der Sammelband-Ausgabe: Gerade eine Geschichte mit großen Zeitsprüngen und kosmischer Eskalation liest sich am Stück deutlich runder, als wenn man monatelang auf das nächste Heft warten muss.
Der Band richtet sich klar an Leserinnen und Leser, die sowohl mit dem Marvel-Universum als auch mit dem Alien-Franchise etwas anfangen können. Wer nur eine der beiden Welten kennt, bekommt zwar immer noch ein großes, düsteres Sci-Fi-Event, verpasst aber manche Nuance.
Wer in Alien vor allem klaustrophobischen Stationen-Horror sucht, sollte wissen, dass Aliens vs. Avengers eher groß denkt. Das ist keine enge Verfolgungsjagd in Gängen, sondern eine kosmische Endzeit-Saga über die letzten Funken Hoffnung in einem sterbenden Universum. Die Xenomorphe sind allgegenwärtig, aber nur ein Teil eines viel größeren Spiels.
Was die Härte angeht, bewegt sich der Sammelband am oberen Rand dessen, was Marvel in einem Mainstream-Titel zulässt. Es gibt reichlich Tod, Körperhorror und verstörende Bilder, ohne komplett ins Splatter-Fach zu kippen. Die Empfehlung ab 16 Jahren wirkt passend.
Fazit
Aliens vs. Avengers hätte problemlos ein seelenloses Lizenzprodukt werden können, das ein paar coole Motive abspult und danach im Regal verstaubt. Stattdessen liefern Jonathan Hickman und Esad Ribić eine dichte, überraschend ernste und stellenweise berührende Endzeitgeschichte, in der das Aufeinandertreffen von Xenomorphen und Avengers nur der Auslöser für etwas Größeres ist. Atmosphäre, Prämisse und das starke Artwork gehören klar zu den Stärken. Etwas Kritik gibt es für die enorme Fülle an Figuren und Ideen auf nur vier Heften, die manchen Charakterbogen im Ansatz erstickt. Trotzdem bleibt am Ende das Gefühl, hier ein Crossover gelesen zu haben, das seine Spielzeuge ernst nimmt und beiden Welten neue Perspektiven abgewinnt. Wer mit kosmischem Untergang, apokalyptischem Superheldendrama und hungrigen Xenomorphen etwas anfangen kann, findet im Panini-Sammelband Aliens vs. Avengers eine kompakte, wuchtige Reise ans Ende des Marvel-Universums.
Infos:
Zeichner: Joe Quinones
Verlag: Panini Comics, Original: DC Comics
Seiten: 144
Preis: ca. 20 Euro
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