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Review: Agatha Christie Classics: Die Morde des Herrn ABC

Ein klassischer Krimi in neuem Gewand

Wenn ein Krimi nach fast neunzig Jahren noch so frisch wirkt, dann liegt das nicht nur an cleverer Konstruktion, sondern auch an einem Mordmotiv, das sofort im Kopf hängen bleibt. Agatha Christie veröffentlichte The ABC Murders 1936 und ließ ihren Meisterdetektiv Hercule Poirot gegen einen Täter antreten, der seine Verbrechen nicht nur ankündigt, sondern sie auch nach einem perfiden Alphabet Prinzip inszeniert.

Dass dieser Fall so oft wiederkehrt, ist kein Zufall. Es gab Film und TV Umsetzungen in sehr unterschiedlichen Tonlagen, von klassisch bis modern, darunter eine bekannte recht werkstreue Serienadaption mit David Suchet als Poirot sowie die aus unserer Sicht besonders gelungene Adaption von 2018, in der John Malkovich den Detektiv als kantigere, geerdetere Figur spielt. Und auch die Games Ecke blieb nicht außen vor: Die Morde des Herrn ABC wurde ebenfalls als Videospiel umgesetzt, als Adventure, das einen Teil der Ermittlungsarbeit in die Hände der Spieler legt.

Jetzt also die aktuelle Graphic Novel, und ja, wir haben den Band selbst gelesen. Die Frage ist wie immer: Funktioniert der Trick des Originals auch dann, wenn man ihn in 64 Seiten konzentriert und in Bilder übersetzt.

Poirot ist eigentlich im Ruhestand, bis ein Brief eintrifft. Jemand, der sich nur ABC nennt, kündigt einen Mord an und nennt Ort und Zeitpunkt. Was nach leerer Drohung klingt, wird bitter ernst. Weitere Briefe folgen, weitere Taten, und plötzlich wirkt England wie ein Spielfeld, auf dem jemand dem berühmtesten Schnurrbart der Kriminalliteratur ein Rätsel nach dem anderen hinwirft.

Der Band erzählt diese Jagd als Wettlauf, bei dem nicht nur die Polizei unter Druck gerät, sondern auch Poirot selbst. Denn hier geht es nicht um einen einzelnen Tatort, sondern um Muster, Täuschung und um die Frage, ob man einen Täter stoppen kann, der immer schon einen Schritt voraus zu sein scheint.

Viel Respekt vor der Vorlage, aber mit eigenen Kniffen

Die Adaption von Frédéric Brémaud setzt klar auf Werktreue. Die Briefe, die Struktur der Ermittlungen und der klassische Reiz des Miträtselns bleiben erhalten. Gleichzeitig nimmt sich die Graphic Novel Freiheiten bei der Erzählform. Immer wieder führen Erzählerkästen durch Hintergründe, Übergänge und Zeitsprünge. Das macht den Band auch für Neueinsteiger gut lesbar, weil man selten das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben.

Trotzdem merkt man dem Stoff seine Kompression an. Die Morde des Herrn ABC ist ein Roman, der Spannung aus Wiederholung zieht: neuer Brief, neue Stadt, neue Spur, neue Sackgasse. Im Comic funktioniert das grundsätzlich, aber manches wirkt wie ein bewusst gesetzter Sprint. Wenn Poirot am Ende die Karten auf den Tisch legt, ist die Auflösung zwar nachvollziehbar und elegant, aber der Weg dorthin fühlt sich stellenweise weniger ausgeleuchtet an, als man es aus der Buchvorlage kennt.

Art Déco trifft Krimi Puzzle

Visuell spielt Alberto Zanon seine Stärken aus, sobald Räume und Atmosphäre sprechen dürfen. London wirkt geschniegelt, leicht mondän, und an vielen Stellen schimmert eine klare Vorliebe für Art Déco durch, von Fassaden bis zu Interieurs. Genau diese Gestaltung sorgt dafür, dass die Graphic Novel nicht nur ein Fall zum Lesen ist, sondern auch eine kleine Zeitreise.

Der Stil selbst ist allerdings eine Geschmacksfrage. Zanon zeichnet überzeichnet, kantig, manchmal fast karikaturesk. Das kann eine angenehme Distanz schaffen, gerade bei einem Stoff, der im Kern ziemlich düster ist. Gleichzeitig nimmt diese Entscheidung einzelnen Momenten etwas von der emotionalen Wucht, die der Roman über seine Figuren aufbaut.

Positiv ist, wie oft die Bildregie das Gefühl einer Jagd erzeugt. Perspektivwechsel, wiederkehrende Motive und sorgfältig inszenierte Briefe geben dem Band Rhythmus. Wer gern Panels studiert, findet hier viele kleine Details, die nicht laut schreien, aber die Welt lebendig machen.

Ein Poirot mit Charme, ein Hastings der polarisiert

Poirot funktioniert in dieser Version vor allem über Auftreten: geschniegelt, eitel, manchmal herrlich stur. Der Band trifft diese Mischung aus Selbstbewusstsein und analytischer Strenge gut. Auch die berühmten kleinen grauen Zellen bekommen ihren Raum, weil Poirot seine Gedankengänge nicht nur aus dem Ärmel schüttelt, sondern Schritt für Schritt erklärt.

Bei Arthur Hastings scheiden sich die Geister, und das liegt nicht nur an seiner Rolle, die hier eher beobachtend bleibt. Auch seine optische Interpretation fällt sehr markant aus. Wer den Band als Teil einer Reihe liest, merkt zudem, wie stark sich Figuren von Album zu Album verändern können, weil jedes Team einen eigenen Zugriff wählt.

Für wen lohnt sich der Band

Wenn du den Fall kennst, bekommst du eine konzentrierte, optisch sehr eigenständige Version, die den Kern der Geschichte respektiert und den Krimi als temporeiche Jagd inszeniert. Wenn du den Fall nicht kennst, ist das hier ein überraschend guter Einstieg, weil die Story sauber geführt ist und das Miträtseln Spaß macht.

Wer allerdings beim Thema Poirot sehr genaue Vorstellungen hat, wie der Detektiv und sein Umfeld auszusehen haben, sollte wissen: Diese Graphic Novel setzt stärker auf Stil als auf fotorealistische Eleganz. Das kann begeistern oder irritieren.

Fazit

Agatha Christie hat mit Die Morde des Herrn ABC einen Krimi geschrieben, der wie ein Uhrwerk tickt. Die Graphic Novel nimmt dieses Uhrwerk, baut es in ein Art Déco Schaufenster und lässt es bewusst etwas schneller laufen. Das Ergebnis ist eine weitgehend sehr gelungene, angenehm zugängliche Adaption mit starkem Atmosphäre Gefühl und einem Zeichenstil, der mutig ist und gerade deshalb polarisiert.

Für uns ist das vor allem ein Band, der Lust macht, wieder mehr Poirot zu lesen, egal ob als Roman oder in dieser Comic Reihe. Wer klassische Whodunit Konstruktion mag, bekommt hier einen Fall, der immer noch funktioniert, auch wenn das Alphabet längst auswendig gelernt scheint.

Info
Seiten:  64 Seiten
Preis: ab 20 Euro
Zeichner: Alberto Zanon
Autor:
Agatha Christie, Frédéric Brémaud
Verlag: Carlsen Comics

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