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Review: Leisure Suit Larry – Wet Dreams Dry Twice

Beim zweiten Mal flutscht es besser

Weißes Polyester ist wieder in, Baby! Zum zweiten Mal darf der alte Adventure-Lüstling Larry Laffer in seinem Gaming-Reboot aus deutschen Landen Kontakt mit der modernen Welt und ihren geänderten Werten aufnehmen. Ob das Abenteuer noch immer genauso frech, erotisch und voller Tollpatschigkeiten steckt wie zu den Glanzzeiten der Serie unter Al Lowe oder ob Larry eigentlich eher in die Pension entlassen werden sollte, haben wir uns genau angesehen.

Was für ein Kalau’a

Wet Dreams Dry Twice beginnt dort, wo der Vorgänger Wet Dreams Don’t Dry geendet hat: Larry ist auf der Insel Cancúm gestrandet und Faith Less, die Frau seiner Träume, auf See verschollen. Doch plötzlich erzält unser Protagonist ein Lebenszeichen seiner Angebeteten via Pi Phone, das ihn schon bald nach Kalau’a führen wird. Im abgelegenen Inselparadies bekommt er es nicht nur mit der heimischen Vegetation, seltsamen Charakteren und allerhand knapp bekleideten Mädels zu tun, sondern auch mit einer Agentin, die vom neuen Chef der Tech-Firma Prune auf Larry angesetzt wurde, da Faith einer wichtigen Technologie auf der Spur war, die die Welt für immer verändern könnte …

Der Adventure-Report

Wie schon der Vorgänger setzt Wet Dreams Dry Twice auf klassisches Point’n’Click-Adventure-Flair, verlangt aber nicht, dass ihr euch mit der umfangreichen Larry-Historie auseinandergesetzt habt. Als gesichert gelten darf zwar, dass das Spiel nach Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards angesetzt ist (also dem mittlerweile mehrfach als Remake erschienenen ersten Abenteuer) und einzelne Anspielungen, dass Larry früher Videospiele entwickelt hat, könnten darauf hinweisen, dass es auch nach dem dritten Teil Passionate Patty in Pursuit of the Pulsating Pectorals spielt. Fakt ist aber: Es ist eigentlich egal. Abgesehen vom alten Barkeeper Lefty und natürlich Larry selbst kommt keine Figur aus den Al Lowe-Teilen vor, Wissen aus diesen Spielen ist ebenfalls nicht nötig. Als direktes Sequel empfiehlt es sich aber, Wet Dreams Don’t Dry durchgespielt zu haben (auch wenn man sich die Ereignisse zusammenfassen lassen kann), da die Handlung fast unmittelbar daran ansetzt und auch etliche Figuren einen weiteren Auftritt bekommen. Außerdem kann es nicht schaden, sich mit den großen Adventure-Klassikern von Monkey Island bis Space Quest auseinanderzusetzen. Weniger, weil sie unbedingt zur Lösung des Spiels nötig sind, sondern weil die Entwickler scheinbar große Fans sind und gerade ersteres Spiel sehr oft referenziert wird. So manche Pointe könnte Nicht-Kennern deshalb entgehen.

Ein Mann mit Erfahrung

Beim ersten Teil hatten wir noch so manchen Kritikpunkt – von der eher schwachen Handlung, die sich vor allem darum drehte, jedem Mädchen, das Larry traf, das zu bringen, was sie brauchte (eine Formel, die zwar Larry-typisch ist, aber schon besser umgesetzt worden war) über etwas fragwürdigen Humor bis hin zum Mangel an jenen schieflaufenden Sex-Szenen, für die die Serie eigentlich bekannt ist. Die gute Nachricht: Beim Sequel wurde in den meisten Punkten nachgebessert, auch wenn es immer noch Luft nach oben gibt. Besser ist diesmal vor allem die Handlung gelungen: Larrys Suche nach Faith erzählt ein witziges Abenteuer voller Missgeschicke, das deutlich mehr in Schwung kommt als die Story des Vorgängers. Leider ergeben sich dabei aber auch ein paar Längen. Dazu kommt ein deutlich treffsicherer Humor, bei dem neben den schon erwähnten Adventure-Klassikern erneut die moderne Welt ihr Fett wegbekommt. Leider übertreibt man es manchmal mit den Stereotypen (gerade der neue Chef von Prune ist etwas zu sehr auf „der perverse Asiat“ getrimmt, auch wenn das natürlich auch mit der Handlung zusammenhängt) und erreicht noch immer nicht die Höhenflüge der alten Al Lowe-Teile (denken wir nur an die Dialoge zwischen Erzähler und Larry in „Yacht nach Liebe“). Auch die Puzzles sind nicht völlig ohne Kopfnuss, aber eigentlich immer im Endeffekt logisch zu lösen. Nein, auch hier ist man nicht perfekt, den es gibt ein paar unnötige Laufwege und gerade zwei verschiedene Arten von Labyrinth gegen Ende fühlten sich etwas zu viel des Guten an, aber es ist auf jeden Fall eine deutliche Weiterentwicklung in die richtige Richtung.

Bei den Sexszenen ist man allerdings nach wie vor etwas zögerlich. Nicht, dass es im Spiel prüde zugehen würde (dafür gibt es einfach zu viel juvenilen Wortwitz, Zweideutigkeiten und auch „versteckte“ Genitalien bzw. Brüste im Spiel), aber in einem Larry-Spiel gehen wir eigentlich davon aus, dass es mit so ziemlich jeder (weiblichen) Bekanntschaft in im Endeffekt mehr oder weniger peinlicher Form zur Sache geht. Wet Dreams Dry Twice ist nicht Sex-frei, konzentriert sich aber nur auf einige wenige Momente und lässt andere Gelegenheiten für schlüpfrige Betteinlagen aus – wer davon ausgeht, dass jedes Mädchen auf Kalau’a und den anderen Locations irgendwann mit unserem Antihelden in der Kiste landet, wird enttäuscht werden. Tatsächlich geht es im zweiten Teil noch zahmer zu als im Vorgänger – aber vielleicht ist das einfach die Art des „neuen“ Larry, der sich mittlerweile zumindest bemüht, als moderner Mann durchzugehen. Oder es zeigt, dass er es mit Faith ernst meint. Unsere Erwartungshaltung war aus der Serientradition heraus allerdings eine andere.

Never Change A Running System

Bei aller Kritik am Vorgänger gab es aber auch einige Dinge, die wirklich gut funktionierten – und die wurden zum Glück für den Nachfolger beibehalten. Das beginnt beim Interface, das recht intuitiv genau das macht, was es soll, geht über die Präsentation (an den neuen Grafikstil der Reboot-Serie haben wir uns mittlerweile gewöhnt und die (wahlweise deutsche oder englische) Sprachausgabe ist über weite Strecken gelungen) bis hin zur Interaktion mit unserem Pi Phone. Das Smartphone ist nämlich nicht nur Inventar und Navigationshilfe, sondern nun auch praktische To-Do-Liste – und wie schon im Vorgänger unser wichtigster Ansprechpartner. Letzteres liegt an der KI Pi, die Larry mittlerweile nur all zu gut kennt und mit ihm einige der besten Dialoge des Spiels abliefert. Dass sie so nebenbei zur vielleicht interessantesten Figur aus Wet Dreams Dry Twice wird, ist ein positiver Nebeneffekt.

Fazit

Wertung - 8

8

Besser als das erste Mal

Als langjähriger Larry-Fan bin ich Kummer gewöhnt: Erst cancelt Sierra das am Ende von Yacht nach Liebe angekündigte Lust in Space, dann kamen die Spiele rund um Larrys Neffen Larry Loveage, die einfach miserabel waren; nach einer Pause brachte Al Lowe einen Reboot von Teil eins, der zu neuen Sequels führen hätte sollen, die dann aber im Sand verliefen; auch Wet Dreams Don’t Dry war zwar ein interessanter, am im Endeffekt nicht völlig geglückter Versuch, Larry in die heutige Zeit zu bringen. Dementsprechend vorsichtig bin ich ins Sequel gestartet – und war im Endeffekt von der Weiterentwicklung beeindruckt. Die Story ist stärker als zuvor und punktet mit einer deutlich interessanteren Handlung als der Vorgänger; die Rätsel sind logisch und unterhaltsam, wenngleich sich manche Stellen zu sehr nach Streckung anfühlen; der Humor mag nicht den Al Lowe-Sweet-Spot der Originale erreichen, sondern strotzt oft einfach nur vor infantilen Kalauern, aber er lässt mich wenigstens nicht so oft den Kopf schütteln. Einzig beim Sexfaktor bin ich mir nicht sicher, wohin Crazy Bunch genau will. Larry lebt nicht nur von Zweideutigkeiten und erotischen Grafikgags, Sex ist ein Teil der DNA des Spiels. In Wet Dreams Dry Twice kam ich mir allerdings manchmal vor wie im berüchtigten zweiten Teil der Serie, in dem erotische Avancen meistens mit dem Tod endeten. Gut, ganz so schlimm ist es nicht und Larry kommt schon auch zur Sache, trotzdem wirkt er seltsam schaumgebremst und die Bettabenteuer machen sich rar – und noch seltener darf er sein endlich erreichtes Ziel selbst im letzten Moment zerstören. Haben die Entwickler hier Angst vor dem, was Leisure Suit Larry eigentlich immer ausgemacht hat? Deshalb das Fazit: Als Adventure kann das neue Abenteuer durchaus punkten – für ein eventuelles Sequel darf allerdings ruhig noch ein wenig mehr Schärfe statt nur pubertärem Humor ins Spiel.

Genre: Adventure
Entwickler: Crazy Bunch
System: PC (später auch PS4/Xbox One/Switch)
Erscheint: erhältlich/Konsolen: Frühling 2021
Preis: ca. 35 Euro

 

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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