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Kolumne: Warum Goldfarming die letzte Hoffnung vieler Venezolaner ist

Venezuela befindet sich in einer Krise. Was aufgrund von natürlich Öl-Ressourcen eigentlich eines der reichsten Länder Südamerikas sein sollte, hat sich nach Jahrzehnten der Misswirtschaft zu einem Failed State entwickelt. Die Regierung herrscht absolut, eine unabhängige Presse gibt es nicht, Armut sowie die Gewaltrate des Landes steigen unaufhaltsam und die Systeme zur Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten sind zusammengebrochen. Menschen stellen sich stundenlang für die Chance auf Mehl oder Toilettenpapier an, nur um letzten Endes mit leeren Händen die immer gefährlichere Heimreise antreten zu müssen. Venezuela leidet unter vielen Problemen. Ein Ergebnis aus dieser Krise ist die Inflation. Und diese treibt immer mehr Venezolaner in virtuelle Welten und Märkte, deren Währung mehr wert ist als die Währung Venezuelas.

Die Inflationsfalle?

Inflation beschreibt den Wertverlust des Geldes. Ein Euro ist dann heute weniger wert als gestern. Sprich: Man bekommt weniger für einen Euro. Dieser Wertverlust kann verschiedene Gründe haben. Es könnten zum Beispiel die Preise für Rohstoffe angestiegen sein. Damit werden viele Produktionsprozesse teurer, was die Händler mit ihren Preisen wieder kompensieren müssen. Im Falle Venezuelas ist der Vertrauensverlust in die nationale Währung, der Bolívar, einer der vielen Gründe für die höchste Inflationsrate der Welt. Das Geld ist praktisch nichts mehr wert. Da hilft auch eine neue 100.000 Bolívar-Note wenig, denn diese ist tatsächlich nur zwei Euro wert. Wenn die eigene Währung aufgrund der Hyperinflation also nichts mehr wert ist, müssen die Menschen zu anderen Mitteln greifen, um zu überleben. Das könnten zum Beispiel Tauschgeschäfte mit Waren wie Brot sein, die aber schnell viel zu kompliziert werden. Durch den Zugang zum Internet haben viele Venezolaner jedoch eine weitere Möglichkeit entdeckt, irgendwie über die Runden zu kommen.

So nett präsentiert sich das MMORPG Tibia auf einem Artwork.

Goldfarming als Lösung

Venezolaner geben ihre praktisch wertlosen Berufe auf, um in Videospielen wie dem deutschen PC-MMORPG Tibia von 1997 virtuelle Währung zu farmen. Dieses virtuelle Geld wird dann auf Verkaufsplattformen im Internet gegen echtes Geld getauscht. Ein Tag Goldfarmen entspricht einem Lohn von wenigen Euro, was in Venezuela aber zu einem regelrechten Boom geführt hat. Im ganzen Land “arbeiten” Venezolaner in Internetcafés, um ihre Familien ernähren zu können. Und da jeder Markt lebendig ist, spürt man die Auswirkungen dieses Booms auch in den Spielen.

Wenn zu viel Geld im Umlauf ist

Angebot und Nachfrage. Diese zwei Faktoren sind elementar für jeden Markt. Beispiel Lebensmittelhändler auf einer kleinen Insel: Ist das Angebot zu hoch, liegen die Lebensmittel einfach im Regal der Händler. Es herrscht ein Ungleichgewicht. Die Händler müssen die Preise senken, um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Ist aber die Nachfrage zu hoch, können viele Kunden die Lebensmittel erst gar nicht kaufen, weil es nicht genug zu kaufen gibt. Um hier das Gleichgewicht herzustellen, müssen die Händler die Preise der Lebensmittel anheben.

Doch was verändert eigentlich die Nachfrage, wenn der Preis gleich bleibt? Ein mögliches Szenario: Die Kunden haben plötzlich mehr Geld. Vielleicht hat die kleine Insel zusammen den Eurojackpot gewonnen. Plötzlich haben alle mehr Geld. Wer mehr Geld hat, wird auch mehr Nachfrage generieren, was im Umkehrschluss das Angebot beeinflussen muss.

Was die Lebensmittelhändler auf der plötzlich reichen Eurojackpot-Insel eigentlich freuen sollte, immerhin wollen nun mehr Leute mehr Produkte kaufen, führt jedoch zu Problemen. Die Lebensmittel sind ja immer noch begrenzt. Damit die Läden also nicht sofort überrannt werden, müssen die Preise ansteigen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Somit verliert das Geld an Wert; die Inflation steigt.

Die In-Game-Optik lässt keine Zweifel offen, dass Tibia 20 Jahre alt ist.

Was tun gegen In-Game-Inflation?

Die Entwickler der in Venezuela immer beliebter werdenden MMORPGs stehen also vor einem Problem. Diese Goldfarmer erschaffen plötzlich sehr viel Geld, was das Gleichgewicht des Marktes stört. Zu viel Geld führt zur Inflation, was die Preise steigen lässt und auch das Spielerlebnis der “normalen” Spieler stört. In der realen Welt steuert die Europäische Zentralbank (EZB) den Kampf gegen die Inflation in der Eurozone. Hierfür kann die EZB zum Beispiel den Leitzins erhöhen. Dadurch wird es für Kreditinstitute teurer, sich Geld von den Zentralbanken zu besorgen. Dadurch werden Kredite für Endkunden teurer, was sie weniger attraktiv macht. Dadurch wird weniger investiert und mehr gespart. Das Geld wird also nicht ausgegeben, wodurch die Geldmenge im Umlauf sinkt. Also steigt der Wert des Geldes. Die Hersteller der MMORPGs sind aber nicht die EZB. Hier können Goldfarmer stattdessen einfach gesperrt werden. Damit würde die Menge an Gold sinken, was die Inflation senkt und damit auch die Preise. Was die „normalen“ Spieler glücklich machen dürfte, könnte aber das Aus für Familien in Venezuela bedeuten. Ein schmaler Grat zwischen Spielspaß und existenzieller Lebensgrundlage.

Sozialismus, Populismus, Korruption und Inflation haben in Venezuela zu einer faszinierenden Überschneidung von Videospielen und den Wirtschaftswissenschaften geführt, die uns die nächsten Jahrzehnte noch beschäftigen wird. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro möchte indes eine Lösung für die Hyperinflation gefunden haben. Die neue, digitale Kryptowährung „Petro“ soll es richten. Ob die Probleme des Landes dadurch wirklich gelöst werden können, sei mal dahingestellt.

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Notable Replies

  1. Wieder mal eine Tolle Kolumne mit einem Spanenden Thema.
    Ich finde die Kolumne sehr interessant und habe das Thema noch nie so gesehen und finde es spannend wie Leute versuchen über die Runden zu kommen um ihre Familien am leben zu erhalten.

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