Kolumne: Pokémon Legenden Z-A – Ein lange erwartetes Comeback
Und wieso Z-A zur Prüfung für das gesamte Franchise wird
Am 16. Oktober erscheint mit Pokémon Legenden: Z-A endlich ein neuer Pokémon-Titel. Casual-Fans und Außenstehende werden es vielleicht nicht bemerkt haben, aber 2024 war das erste Jahr seit 2016, in dem wir weder ein neues „Hauptreihe“-Spiel noch ein DLC für ebenjene erhalten haben. Mit „Hauptreihe“ werden in diesem Artikel klassische Pokémon-Titel wie Rot und Blau bis Karmesin und Purpur beschrieben. Game Freak ließ 2024 aus, um nach eigenen Angaben die Qualität der Spiele durch längere Entwicklungszeit zu gewährleisten.
Karmesin und Purpur waren zwar die zweiterfolgreichsten Pokémon-Spiele aller Zeiten mit 26.79 Millionen verkauften Einheiten (an erster Stelle stehen noch immer Pokémon Grün, Rot und Blau mit 31 Millionen Einheiten), allerdings mussten sich diese Spiele besonders in ihrer Launch-Phase heftiger Kritik stellen. Obwohl das Gameplay, die Musik und die Story des Spiels neue Maßstäbe für die Reihe setzten, war es selbst für hartgesottene Fans unmöglich, die zahlreichen Grafikfehler zu ignorieren – genauso wie eine desaströse technische Basis, welche das Spiel neben anderen Switch-Spielen beinahe lächerlich wirken ließ. Seither wurden Karmesin und Purpur durch zahlreiche Updates und Patches „repariert“ und liefen bereits kurz nach Launch wesentlich besser (auf der Switch 2 mittlerweile auf stabilen 60 FPS). Trotzdem bleibt der Ruf, welcher durch das furchtbare Startprodukt entstanden ist, inakzeptabel für ein Unternehmen wie Game Freak – deswegen die Umstrukturierung ihrer Produktions-Pipeline. „Weniger ist mehr“ lautet nun die Devise.

Pokémon X und Y
Pokémon-Spiele erscheinen grundsätzlich fertig realisiert, mit einer befriedigenden Kampagne und hunderten Spielstunden an Inhalten, welche es nach den End-Credits noch zu absolvieren gilt. Selbst Karmesin und Purpur hielten sich an diese Grundregel – auch wenn die technischen Probleme vielleicht vom stabilen Kern ablenkten. Von Kanto, über Sinnoh bis hin zu Paldea – Pokémon-Spiele wirken immer wie die vollends realisierte Vision eines Teams. Mit einer Ausnahme: Das 2013 erschienene Doppelpack Pokémon X und Y.

Pokémon X und Y sind keineswegs schlechte Spiele. Sie sind zwei der besten Spiele, welche ihr am 3DS spielen könnt. Zwar gibt es weniger neue Pokémon als in anderen Generationen, dafür sind diese großteils von hoher Qualität (man könnte argumentieren, dass es im Durchschnitt die besten Pokémon-Designs überhaupt sind), die Spielewelt „Kalos“ nutzt die neue 3D-Ästhetik hervorragend, um wunderschöne Umgebungen zu schaffen, und jede Menge Quality-of-Life-Features machen das Spielerlebnis reibungsloser denn je. Und dennoch bleibt im Abspann das nagende Gefühl, dass das doch nicht das Ende sein kann. Zu viele Mysterien blieben ungelöst, zu viele verschlossene Türen wurden nie geöffnet, und nach X und Y kommt doch normalerweise… Z?
Pokémon Z
Pokémon-„Hauptspiele“ erscheinen seit Rot und Grün (im Westen wurde statt Grün dann die verbesserte „Blau“-Edition veröffentlicht) immer im Doppelpack. Bis Schwert und Schild galt es dann als üblich, noch eine dritte Version rauszubringen, welche mit Zusatzinhalten ausgestattet war. Diese Bonus-Versionen fokussieren sich in ihrer Story außerdem auf das dritte Mitglied der jeweiligen legendären Trios. Groudon, welcher das Land repräsentiert, ziert die Verpackung von Rubin; Kyogre, der Herr der Meere, jene von Saphir. Den Herrscher der Lüfte, Rayquaza, konnte man schon in beiden Spielen antreffen, aber erst in Smaragd wurde es zum Mittelpunkt des Geschehens. Pokémon X‚ Geschichte fokussierte sich auf Xerneas (das Pokémon des Lebens) und Pokémon Y auf Yveltal (das Pokémon der Zerstörung). Es gibt aber wie so oft ein drittes Wesen in diesem Bunde: Nämlich Zygarde – das Pokémon, welches die Balance zwischen Leben und Tod repräsentieren soll. Xerneas und Yveltal erhaltet ihr am Höhepunkt der jeweiligen Narrative, um die Machenschaften der Bösewichte aufzuhalten. Nach Beendigung der Haupt-Story könnt ihr auch Zygarde antreffen. Jedoch ohne spannenden Aufbau oder einer Geschichte, welche den legendären Status der Kreatur hervorhebt. Stattdessen wartet es in einer kleinen Höhle einfach darauf, gefangen zu werden. Für ein legendäres Pokémon fehlt also jede Menge Hintergrund zu Zygarde und eine potentielle Mega-Form könnte die verwirrenden Design Entscheidungen (Es entwickelt sich von Zelle zu Hund zu Schlange zu einem Gundam) des Pokémons zumindest kohärent erscheinen lassen.

Kurz nach Veröffentlichung der beiden Spiele stand für viele fest: Da muss mehr kommen. Abgesehen von den fehlenden Inhalten rund um Zygarde wurden ganze Areale im Spielverlauf angedeutet, welche nie besucht werden konnten. Pokémon Omega Rubin und Alpha Saphir folgten – die obligatorischen Remakes der dritten Generation – im Jahr darauf, und 2015 kam die offizielle Ankündigung von Pokémon XY&Z… dem Anime-Nachfolger zu Pokémon XY mit einem starken Fokus auf Zygarde. In einer Pokémon Direct im Februar 2016 wurde schließlich Pokémon Sonne & Mond angekündigt als die großen Spiele, welche das 20-jährige Jubiläum zelebrieren sollen. Auch in diesem Spiel findet sich ein großer Fokus rund um Zygarde – das Pokémon kann überall in der „Alola“-Region angetroffen werden und erhält in dem Spiel 3 zusätzliche Formen. Damit galt Pokémon Z für viele als begraben. Zwar wurde es nie offiziell eingestellt, aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass es sich zumindest in Entwicklung befand – wir verweisen noch einmal auf den „XY & Z“ Anime. Interne Äußerungen deuteten erst kürzlich darauf hin, dass „Pokémon Z“ aus Zeitmangel nie fertig entwickelt wurde und somit bleibt die „Kalos“-Region als bisher einziges Pokémon-Spiel unvollständig.

Pokémon Legenden Z-A
So wie die meisten Pokémon besitzen die von Game Freak entwickelten Titel 4 Standbeine. Einerseits die hier bereits mehrfach erwähnten „Hauptspiele“ – diese beinhalten traditionell eine neue Region zum Erforschen sowie eine Vielzahl an brandneuen Pokémon, um welche sich das gesamte Franchise für mehrere Jahre drehen wird. Dann gibt es die „dritten Editionen“ – Zusammenfassungen des Hauptspiel-Duos mit zusätzlichen Inhalten. Diese wurden seit „Schwert und Schild“ mit DLCs ersetzt, welche das Hauptspiel um viele Pokémon und Storyinhalte bereichern. Die ersten richtigen „Remakes“ der Pokémon-Spiele gab es bereits 8 Jahre nach den ersten Spielen und wurden seither in regelmäßigen Abständen veröffentlicht, wobei die Spiele in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung geremaked wurden. Nachdem Pokémon Z als verschollen galt, blieb Kalos-Fans nur die Hoffnung auf ein Remake – wenn die Geschwindigkeit der bisherigen Remake-Veröffentlichungen ein Hinweis sein sollten, dann wäre mit diesem erst 2030 zu rechnen.

Schlussendlich hat Pokémon seit 2022 ein ganz neues Prinzip in diese Ordnung reingebracht: Die Legenden-Spiele. Laut Game Freak ist die Prämisse dieser Reihe, eine fundamental neue Herangehensweise an das Pokémon-Erlebnis zu bieten, die sich von den traditionellen Hauptspielen abhebt. Sie zeichnen sich durch einen starken Fokus auf die Erkundung vergangener oder neu interpretierter Regionen in einer früheren Ära aus, wie die Hisui-Region (das alte Sinnoh aus Diamant, Perl und Platin). Für Fans ist das einerseits ein aufregendes neues Spielprinzip und andererseits war sofort klar, dass als Nächstes „Legenden“-Spiele zur 5. Generation folgen müssen. Im Netz finden sich hunderte Beiträge dazu, wie dieses Spiel aussehen könnte, und Gerüchte drumherum wurden beflügelt, nachdem das zweite DLC für Karmesin und Purpur überraschenderweise in einem neuen Teil der Einall-Region spielte.
Doch wir wurden überrascht: Einall aus der 5. Generation wurde einfach übersprungen, und zwar, um sich auf die ewig vernachlässigte Region der 6. Generation zu fokussieren. Pokémon Legends Z-A wird uns endlich einen tieferen Einblick in die Kalos-Region bieten und hoffentlich die verloren gegangenen Story- und Lore-Inhalte wiedergutmachen.
Illumina City
Laut bisherigen Angaben scheint es so, als würde das gesamte Spiel innerhalb der Metropole Illumina City stattfinden; also zumindest bestimmte Inhalte wie das Kalos-Kraftwerk bleiben für absehbare Zeit verschollen. Illumina war in XY bereits beeindruckend groß. Damals am 3DS musste die Stadt noch in mehrere Gebiete aufgeteilt werden, und Taxis wurden angeboten, um sich innerhalb der von Paris inspirierten Großstadt schneller fortbewegen zu können. Jetzt auf den Switch-Systemen erwartet uns eine lebendige und dichte urbane Umgebung, in welcher wir uns frei bewegen können und sogar auf die Dächer springen können.

Dafür, dass diese Stadt das schlagende Herz der gesamten Kalos-Region war, gab es in XY verhältnismäßig wenig in ihr zu entdecken – etwas, das mit einem Spiel, welches sich komplett in Illumina abspielen soll, endlich geändert werden kann. Wer die Yakuza-Spiele von Sega kennt, welche sich auf einen fiktiven Bezirk innerhalb Tokyos reduzieren, weiß, dass der Fokus auf eine Gegend durchaus seine Vorteile hat. Die Stadt und ihre Charaktere können in wesentlich größerem Detail erforscht werden, und das Entdecken von geheimen Gassen und Unterschlüpfen hat seinen ganz eigenen Reiz.
Wiederkehrende Charaktere
„AZ“, der ehemalige König von Kalos, welcher ursprünglich eine viel größere Rolle in X&Y spielen hätte sollen, wurde zusammen mit seiner Hintergrundgeschichte in ein kurzes Finale gepfercht. Sein einzigartiges Pokémon, das „Ewige Blüten“ Floette, ist zwar in den Daten von XY sowie Sonne und Mond aufzufinden, aber bis heute nicht offiziell zu erhalten. Nicht nur der Name „Z-A“ deutet darauf hin, dass „AZ“ endlich die Aufmerksamkeit bekommen soll, welche ihm zusteht. Der Riese ist zusammen mit seinem Floette in Trailern zu sehen und scheint eine Mentorenfigur für Spieler*innen darzustellen.

Emma, deren kurze Geschichte der einzige nennenswerte Inhalt von XYs Post-Credit-Games war, kommt ebenfalls zurück und leitet nun das Büro des beliebten Detektivs Looker. Auch das oft erwähnte Zygarde spielt eine wichtige Rolle und ist sogar auf dem Cover-Artwork zu sehen.
Während wir in Legends: Arceus die Ur-Ahnen der Charaktere aus Diamant und Perl kennenlernen durften, werden wir in Z-A also einige bekannte Gesichter wiedersehen und erforschen, wie sie sich nach den Geschehnissen in XY weiterentwickelt haben. Da Floette und AZ erst am Ende von XY wieder vereint werden, handelt es sich bei Z-A wohl um eine direkte Fortsetzung der Spiele der 6. Generation – dabei lassen wir Multiversums-Optionen, die die Pokémon-Timeline auf den Kopf gestellt haben, bewusst außer Acht. Seit Schwarz 2 und Weiß 2 haben wir keine direkten Sequels mehr zu Pokémon-Titeln erhalten. Schwarz 2 und Weiß 2 haben viele Plot-Stränge aufgegriffen, ausgebaut und die Einall-Region nochmals ordentlich erweitert. Es bleibt abzuwarten, ob Game Freak dieses Kunststück wiederholen kann, während sie gleichzeitig die Geschehnisse dieses Sequels auf eine einzige Stadt konzentrieren.
Ein enormer Schritt für das Franchise
Game Freak steht mit Pokémon Legends: Z-A vor einer spannenden Herausforderung: Sie müssen nicht nur die Qualitätsprobleme der Vergangenheit hinter sich lassen, sondern auch die Erwartungen der Fans an ein lange ersehntes Pokémon Z erfüllen, während sie gleichzeitig ein innovatives Spielprinzip in einer einzelnen Metropole umsetzen. Wenn es ihnen gelingt, die detailreiche Welt von Illumina City zum Leben zu erwecken und die unvollendeten Geschichten von AZ und Zygarde auf packende Weise zu erzählen, könnte Legends: Z-A nicht nur die offene Wunde der sechsten Generation schließen, sondern auch einen neuen Standard für die Zukunft der Pokémon-Spiele setzen. Es wird sich zeigen, ob „weniger ist mehr“ tatsächlich die goldene Regel für Game Freak ist und ob Kalos endlich die vollständige Vision erhält, die es von Anfang an verdient hätte.




