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Kolumne: Das vergessene Genre

Der Sport spielt im Geschäft mit den Medien eine besondere Rolle. Ganze Zeitungen und Zeitschriften lassen sich mit ihm füllen, einzelne Fußballvereine haben ihre eigene Podcasts und kein Medium liebt den Sport mehr als das Fernsehen. Sport ist beliebt, Sport ist einzigartig, Sport bringt Geld. Auch als Videospiel. In nur drei Tagen konnte sich FIFA 17 über eine Million Mal in Deutschland verkaufen. Auch wenn sich manche Sportserien immer wieder den Vorwurf der Ideenarmut gefallen lassen müssen, mit einer Story in FIFA oder NBA 2K hätte vor fünf Jahren sicherlich noch keiner gerechnet. Der Markt ist lukrativ, eine Erfolgsgarantie gibt es aber keine. Jedes Jahr muss ein neues Spiel her, ein Weihnachtsgeschäft ohne FIFA wäre ein Albtraum für EA. Wirklich vorstellen kann man sich das nicht.

In einem Albtraum befinden sich gerade jedoch Fans einer ganz anderen Sportart.

Mit Grand Slam Tennis 2 erschien 2012 das letzte Tennisspiel, ebenfalls von EA. Hier wurde es nichts aus den jährlichen Updates, was im Wesentlichen an zwei Punkten lag: 1) das Spiel war nicht besonders gut und 2) es hat sich wohl nicht besonders gut verkauft. Bis auf den Release lassen sich in den öffentlichen Dokumenten für die Investoren keine Anhaltspunkte zu Kosten, Erwartungen oder Verkäufe finden. EA scheint nichts mehr mit Tennis zu tun haben zu wollen. Warum eigentlich? Die Antwort liegt wohl im Lizenzgeschäft.

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Der Lizenzmarkt ist lukrativ und voller Tücken. Lizenzen lassen sich erwerben, können aus unterschiedlichen Gründen wieder eingezogen werden oder laufen aus. Aus diesem Grund verschwinden Lieder plötzlich aus Musikspielen wie Rockband oder komplette Spiele müssen aus dem Verkauf gezogen werden. Lizenzverhandlungen können langwierig und kostspielig sein, was den etablierten Firmen in die Hände spielt. EA ist ein Meister in diesem Geschäft und wartet mit einer Expertise und Erfahrung auf, mit der sonst kaum jemand mithalten kann. Madden ist nicht ein American Football-Spiel, es ist das American Football-Spiel. EA sichert sich regelmäßig die Exklusivrechte an der NFL-Lizenz und hält damit das Monopol in diesem Genre.

Warum dann nicht auch beim Tennis? Hier ist die Sache nicht so einfach wie bei der NFL. Tennis ist im Gegensatz zu Fußball oder American Football kein Teamsport. Zwar könnte sich EA die Rechte an den höchsten Tennis-Ligen kaufen, der ATP und der WTA, die einzelnen Spieler wären aber wohl nicht Teil dieser Lizenzen. Die Spieler selbst stehen bei Ausrüstern wie Nike, Adidas und anderen unter Vertrag. Des Weiteren müssten Lizenzen für die größten Turniere ausgehandelt werden. So ist es erst EA mit Grand Slam Tennis 2 gelungen, die größten vier Turniere des Tennissports, die Grand Slams, zu lizenzieren.

All das bedeutet Arbeit, Zeit und Geld. Das Verhandeln vieler einzelner Lizenzen ist ein übliches Problem im Rechtemarkt, das durch den Verkauf von Rechtebündeln umgangen wird. Wenn sich zum Beispiel ein TV-Sender die Rechte für die Ausstrahlung der Filme vom Zeitpunkt Juni bis Dezember erwirbt, verhandelt und kauft er nicht jeden Film einzeln. Das würde zu viel Zeit und Geld kosten. Stattdessen erwirbt der Sender ein ganzes Paket an Lizenzen.

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Beim Tennis liegt das Problem also nicht unbedingt bei den Spieleherstellern, es könnte auch an der Organisation der Tennisligen und -verbände liegen. Tennis scheint im Gegensatz zu anderen Individualsportarten ein komplizierteres Unterfangen zu sein. Tiger Woods Golf dürfte bei der Lizenzierung nicht viel leichter gewesen sein, lebte jedoch von der immensen Popularität des Coverstars im amerikanischen Markt. UFC ist ebenfalls ein Individualsport und gerade im Trend, aber noch ziemlich jung. Im Gegensatz dazu dürfte sich Tennis mit all dem Prestige und der Geschichte vielleicht nicht allzu viele Gedanken um ein offizielles Videospiel machen und sich stattdessen auf die Expansion des eigentlichen Sports in aufstrebenden Märkten wie Asien konzentrieren wollen. Von außen betrachtet ist das natürlich alles Spekulation.

Doch es muss überhaupt nicht EA sein. So wie nicht jede Sportart gigantisch wie Fußball ist, muss auch nicht jedes Sportspiel gigantisch wie FIFA sein. Das bis dato beste Tennisspiel wurde auch gar nicht von EA veröffentlicht, sondern von 2K Sports. Top Spin 4 erschien in 2011 und gilt immer noch als das beste Tennisspiel aller Zeiten, ein Nachfolger scheint trotzdem nicht in greifbarer Nähe zu sein. Indes investiert der Publisher weiter in seine erfolgreiche Basketball-Reihe NBA 2K und konnte sogar Filmemacher Spike Lee für die Handlung eines neuen Story-Modus gewinnen.

Basketball bekommt eine Handlung von Spike Lee, Tennis bekommt nichts.

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In aller Fairness muss aber auch gesagt werden, Tennisspiele verkaufen sich einfach nicht gut genug. Während die ganze Industrie immer weiter neue technische Höchstleistungen erreicht, steigen auch die Entwicklungskosten von Sportspielen. Komplexe Bewegungsabläufe müssen animiert werden und die Kosten für die begehrten Lizenzen steigen parallel zur Popularität immens an. Mit dem separaten Modus Ultimate Team ist EA ein Geniestreich gelungen, der jedes neue FIFA mit quer finanzieren dürfte. Was man von dem Modus mit all den üblichen F2P-Fallen auch halten mag, ohne ihn wäre FIFA 17 eben nicht FIFA 17.

Warum gibt es keine Tennisspiele mehr? Die Gründe sind vielfältig. Komplexe Strukturen bei der Lizenzierung, fehlende Erfahrungswerte oder mangelndes Interesse bei den Lizenzgebern, fehlgeschlagene Versuche vom Platzhirsch EA. Unter alledem stehen aber die niedrigen Verkaufszahlen, die selbst den Entwicklern des bis dato besten Tennisspiels nicht ausreichen. Tennis ist ein komplizierter Sport für den Videospielmarkt. Wöchentlich ändert sich die Weltrangliste und das mediale Interesse nimmt auf und ab. Aktuell stehen die amerikanischen Männer weit abgeschlagen hinter der europäischen Elite, was ein Modell im Sinne von Tiger Woods unmöglich macht. Serena Williams ist eine der besten Spielerinnen aller Zeiten, eine Frau auf dem Cover und im Titel dürfte dem ohnehin schon riskanten Unterfangen eines AAA-Tennisspiels bei jedem Publisher den Rest geben. Mit Angelique Kerber ist seit Steffi Graf wieder eine deutsche Spielerin die Nummer 1 der Weltrangliste, ein Impuls für die Investition in ein neues Spiel dürfte das für ein amerikanisches Unternehmen eher nicht sein.

Der Blick auf die Indies bringt auch nicht viel zum Vorschein. Mit Tennis Elbow für den PC werden sämtliche Lizenzkosten durch Falschnamen umgangen, das fehlende Geld ist aber bei Grafik und Präsentation deutlich und nicht vergleichbar mit einem Top Spin 4 oder Virtua Tennis 4.

Der einzige Weg für ein Tennisspiel mit einer gesunden Community ist ein konstanter Dialog mit eben dieser; eine Crowdfunding-Kampagne von renommierten Entwicklern könnte der Schlüssel sein. Bis dahin heißt es warten, denn auch nach drei Jahren gibt es immer noch kein einziges Tennisspiel auf den aktuellen Konsolen.

Mario Tennis zählt nicht.

(kf)

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