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Hands-on: Crossfire: Legion

Auf dem Weg zum RTS-Thron?

Kennt ihr das Spiel Crossfire? Keine Angst, falls die Antwort „nein“ lautet, seid ihr in guter Gesellschaft: Der Free2Play-Shooter spielt mit dem Konflikt zwischen zwei Söldnertruppen, nämlich „Global Risk“ und „Black List“, und ist (zumindest laut Entwicklermeldungen) eines der erfolgreichsten Spiele weltweit gemessen sowohl am Umsatz als auch an der Spielerbasis. Dennoch kennt man den Titel vor allem im asiatischen Raum, während er hierzulande deutlich weniger bekannt ist. Warum wir euch das erzählen? Weil nun das Echtzeitstrategie-Spin-Off Crossfire: Legion an den Start geht – und wir die Early Access-Version, die aktuell auf Steam verfügbar ist, angespielt haben.

Command & Conquer …

Auf den ersten Blick scheint man sich bei Crossfire: Legion in Sachen Story und Setting stark an dem ehemaligen Genrekönig Command & Conquer zu orientieren. Die Geschichte rund um drei Fraktionen (zusätzlich zu den oben genannten gibt es noch die „New Horizon“), die den Kampf um die Vorherrschaft um unseren Planeten führen, kommt uns dann doch irgendwie bekannt vor. Leider muss man dann aber doch beim Anspielen der Kampagne (von der in der endgültigen Version auf 15 Missionen ausgelegten Storyline waren in der ersten Version nur vier Einsätze verfügbar) festhalten, dass dieser Vergleich zu Ungunsten von Crossfire: Legion ausgeht: Zwar gibt es nett animierte Zwischensequenzen, die die Story weitererzählen, und auch innerhalb der Missionen versuchen die Entwickler, eine Dynamik herauszuarbeiten, aber die Geschichte lässt uns mit zu vielen Fragezeichen zurück und beantwortet nicht einmal die einfachsten Fragen – wie etwa, wer diese angeblich so verschiedenen Fraktionen überhaupt sind und warum hier Krieg geführt wird. Ob die Entwickler hier zu sehr davon ausgehen, dass man den Konflikt aus dem Original kennt? Dadurch haben wir zumindest in der Kampagne das Problem, dass wir uns nicht so richtig in das Spiel hineinfallen lassen können. Schade, denn die Missionen sind durchaus gut inszeniert, bleiben bis zum Ende spannend, da sie selbst auf durchschnittlichem Schwierigkeitsgrad schnell verloren gehen können, und dienen auch als gute Eingewöhnung ans Gameplay. Trotzdem: Hier hatten wir uns mehr erhofft.

… Kartenspiel …

Vielleicht liegt diese Schwäche der Kampagne aber auch daran, dass der Fokus eigentlich auf dem Multiplayer und Skirmish-Matches gegen die KI liegt. Hier fand sich auch die kontroverseste Gameplay-Idee des Titels. Crossfire: Legion baut nämlich auf eine Art Deckbuilding-Mechanik, um eure Armee zu spezialisieren; es gibt Alternativen für eure Einheiten, sodass ihr eure Armee nach euren Vorstellungen, aber dennoch nach gewissen Vorgaben zusammenbauen könnt, und auch unterschiedliche Commander mit speziellen Skills, wie der Heilung von Einheiten, die im Gefecht verfügbar sind. Das an sich ist noch nicht kontrovers, doch der Teufel steckte im Detail: Diese zusätzlichen Einheiten mussten mit InGame-Geld, das ihr durch Matches verdienen konntet, freischaltet werden. Die Vergangenheitsform, die wir in diesem Absatz bemüht haben, ist hier allerdings bewusst gesetzt: Der erste größere Patch soll zwar das variable Einheitensystem beibehalten, aber den Shop entfernen und alle Einheiten sofort verfügbar machen. Hier hat man rasch auf die Community gehört, die den Anschein von Free2Play-Mechaniken in einem gekauften Spiel sehr kritisch sah und natürlich eine spätere Einführung von Echtzeitshops oder gar Pay2Win befürchtete. Die Entfernung ist also eine positive Entwicklung in die richtige Richtung.

… oder doch Starcraft auf Speed?

Auch wenn Crossfire: Legion das Ziel, das nächste große RTS zu sein, wohl deutlich verfehlen wird (außer es gelingt den Entwicklern noch eine Überraschung), sind die Ansätze für ein solides Echtzeitstrategiespiel vorhanden. Das Tempo ist hoch, die Action am Screen zum Teil explosiv, die einzelnen Fähigkeiten der Einheiten und Commander interessant. Allerdings bleibt ein großes „Aber“ – oder eigentlich deren zwei: Einerseits das schon erwähnte hohe Tempo – wer nicht mit Spitzenreflexen in dieses Spiel hineingeht, wird oft zu langsam sein, um die Fähigkeiten wirklich nutzen zu können. Und zweitens: Auch wenn das ganze Setup danach wirkt, als könnte man nuanciert gegen die Gegner antreten und müsse den richtigen Schlüssel gegen die Feinde finden, endet eine Partie allzu oft als blanke Materialschlacht. Wer schnell genug Ressourcen sammelt, Einheiten produziert und auf den Gegner wirft, gewinnt im Normalfall. Anders sieht es gegen die KI aus, die uns selbst auf niedrigen Schwierigkeitsgraden oft gnadenlos überrannt hat – Balancing wäre hier dringend von Nöten. Das kann sich aber natürlich alles im Laufe der Early Access-Phase noch ändern, wenn die Entwickler auf das Feedback aus der Community hören.

Ersteindruck

Crossfire: Legion orientiert sich an den Spitzenreitern des Genres – und erreicht deren Höhen (trotz des Alters der zitierten Titel) dann doch (noch?) nicht. Die Story ist dünn, erklärt zu wenig und hat zu wenig Substanz, um zu fesseln, das Gameplay ist vor allem auf Tempo und raschen Einheitenbau ausgelegt. Hier gibt es noch viel Arbeit zu erledigen – nicht nur in der Kampagne, um den Fraktionen mehr Identität zu geben und die Geschichte klarer zu machen, sondern auch im Gameplay an sich, um die Strategie wichtiger als die Klickgeschwindigkeit zu machen. Ob das gelingt oder so einfach nicht gewollt ist? Wir werden sehen. Positiv zu bewerten ist allerdings, dass die Entwickler bereit sind, auf Feedback zu hören und rasch Änderungen einzubauen. Bei allen Fehlern ist es also noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Beim Release – geplant ist das vierte Quartal 2022 – wissen wir mehr.

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

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