Comic-ReviewComicsHighlightNews

Comic-Review: Blake und Mortimer 27: Gezeichnet: Olrik

Abschied mit Excalibur: Ein Klassiker zwischen Legende und Vermächtnis

Mit Gezeichnet: Olrik (frz. Signé Olrik) legen Yves Sente und André Juillard den neuesten Band der traditionsreichen Serie Blake & Mortimer vor. Es ist ein besonderes Album, nicht nur inhaltlich: Es markiert das Abschiedswerk für einen großen Zeichner der Reihe. Für Juillard war es der achte und letzte Band, bevor er im Juli 2024 im Alter von 76 Jahren verstarb. Yves Sente hingegen bleibt der Reihe erhalten – er arbeitet bereits an mehreren weiteren Alben, darunter Die Rückkehrer von Doggerland oder Die atlantische Bedrohung und Der Erbe der Isle of Man. Entsprechend ist Gezeichnet: Olrik zwar ein emotionales Abschiedsalbum für Juillard, aber kein Ende für Sentes Engagement in der Serie.

Handlung & Setting

Die Geschichte führt das ikonische Duo nach Cornwall, wo politische Spannungen durch eine radikale Unabhängigkeitsbewegung eskalieren. Die „Free Cornwall Group“ plant ein Attentat auf Prinz Charles, der demnächst in der Region erwartet wird. Parallel dazu ist Professor Mortimer vor Ort, um seine neueste Erfindung zu präsentieren: die sogenannte „Maulwurfsmaschine“, ein revolutionärer Bohrmechanismus zur Erschließung alter Bergwerke.

Der wahre Fokus des Albums liegt jedoch auf Olrik, dem ewigen Gegenspieler. Er wird aus dem Gefängnis geholt, um für die Separatisten ein archäologisches Artefakt zu finden: Excalibur, das legendäre Schwert von König Artus. Was als politische Intrige beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Rätsel um Mythos, Macht und Maschinen. Dabei vermischen sich reale Bedrohungen mit mystischen Elementen – ein Markenzeichen der Reihe.

Grafik & Atmosphäre

Juillards klassischer Stil in der ligne claire ist präzise wie eh und je. Klare Linien, strukturierte Panels, dezente Farben – seine Zeichnungen wirken wie aus der Zeit gefallen, im besten Sinne. Die Komposition bleibt ruhig, durchdacht, fast museal. Der visuelle Stil bewahrt nicht nur das Erbe von Edgar P. Jacobs, sondern fühlt sich an wie eine bewusste Hommage an den Ursprung europäischer Abenteuercomics.

Der Detailgrad der Kulissen – ob viktorianische Architektur oder keltisch inspirierte Artefakte – verleiht dem Band zusätzlich Tiefe. Gleichzeitig lässt sich nicht übersehen, dass Juillard im zweiten Teil des Albums angesichts seiner bereits schwindenden Kräfte sichtbar Kompromisse eingeht – sowohl bei der Detaillierung einzelner Zeichnungen als auch bei der Gestaltung der Panels. Dies mindert jedoch nicht den Respekt vor seinem Beitrag, sondern unterstreicht vielmehr die Leistung, mit der er seine Karriere zu einem würdigen Abschluss brachte. Die Gestaltung des Covers ist hingegen Geschmackssache und bleibt auffällig.

Erzählweise & Dramaturgie

Yves Sente bleibt seinem Erzählmuster treu: Ein komplexes Geflecht aus historischen Anspielungen, wissenschaftlichen Visionen und politischen Untertönen. Das Erzähltempo variiert, pendelt zwischen ruhiger Detektivarbeit und dramatischen Konfrontationen. Die Dialoge sind gehoben, teils literarisch – was Fans der Reihe schätzen, Gelegenheitsleser aber fordern könnte.

Besonders gelungen ist die Vielschichtigkeit: Olrik ist nicht nur der Gegenspieler, sondern eine tragische Figur auf der Suche nach Relevanz. Die Kontraste zwischen Rationalität (Mortimer), Ordnung (Blake) und Chaos (Olrik) bilden das moralische Dreieck der Handlung. Es ist diese psychologische Tiefe, die das Album über reines Abenteuer hinaushebt.

Thematische Tiefe

Das Album verknüpft Themen wie regionale Identität, politische Radikalisierung und die Ausbeutung von Mythen. Die Suche nach Excalibur steht sinnbildlich für das menschliche Streben nach Legitimität durch Vergangenheit. Mortimers Technik wiederum wirft Fragen nach dem Einsatz von Wissenschaft im Dienste der Macht auf. Das Album bewegt sich damit nicht nur im Genre der Abenteuerliteratur, sondern bietet gesellschaftliche Relevanz. Dieses Album ist ein Geschenk an die Fans, ein „Best of“ der klassischen Tugenden. Gerade für jene, die die traditionellen Werte der Serie schätzen, liefert Gezeichnet: Olrik genau das, was sie erwarten – und noch ein wenig mehr.

Meinung:

Gezeichnet: Olrik ist ein nostalgisches, fein austariertes Abenteuer mit Tiefgang, Mythos und politischem Kontext. Ein Album, das sich bewusst in die Tradition stellt, ohne ihr blind zu folgen. Es ist ein Denkmal für André Juillard und ein wertvoller Beitrag zum Kanon von Blake & Mortimer. Yves Sente bleibt dabei eine treibende, kreative Kraft – mit vielen neuen Abenteuern in Vorbereitung. Der Band beweist, dass klassische Abenteuercomics noch lange nicht zum alten Eisen gehören.

Infos:

Autor: Yves Sente
Zeichner: André Juillard
Verlag: Carlsen Comics
Seiten: 64
Preis: ca. 13  Euro

Bei Amazon bestellen und SHOCK2 direkt unterstützen:

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"