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Spiele, die ich vermisse #6: Dune

Wer die Wahl hat, hat die Qual – und es war auch diesmal tatsächlich so, dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich diese ersten Zeilen schrieb, noch keine Ahnung hatte, welcher Spieltitel hinter der #6 eingefügt wird. Warum ist rasch erklärt: Wir haben gamescom – und die hat bei mir ein ganz bestimmtes Gefühl ausgelöst, nämlich Nostalgie. Nicht weniger als drei Mal habe ich mir im Laufe der Pressekonferenzen und der dazugehörigen Newsflut gedacht: Oh, das erinnert mich an früher – und es war damals besser (vielleicht werde ich langsam wirklich alt). Das Resultat davon war, dass ich endlich begonnen habe, eine kleine Liste zu führen, welche Spiele ich denn immer noch vermisse. Mittlerweile ist diese – man glaubt es kaum – auf 55 Einträge angewachsen (und wächst noch immer – gerade kamen wieder zwei dazu). Ich denke, ein Jahr Blog-Einträge sind damit gesichert. Doch wo fange ich an?


Die Entscheidung war nicht leicht, aber im Endeffekt (Kunststück) dann doch einstimmig. Nach Ausflügen in “sehr weit retro” und “kennt ohnehin fast jeder” geht der Preis für das „vermisste“ Spiel der Woche dieses Mal an einen Exoten, nämlich ein Spiel, das von seinem Sequel derart „erdrückt“ wurde, dass man es heute kaum mehr kennt – und zwar so sehr, dass man sich manchmal gar nicht fragt, warum das bekannte Spiel eigentlich die „II“ im Namen trägt. Richtig, ich spreche von Dune, dem ersten Spiel zur bekannten Sci-Fi-Romanserie von Frank Herbert.

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Auch wenn Dune I und Dune II sogar im selben Jahr (1992) erschienen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Dune II gilt als Meilenstein der Spielgeschichte – immerhin war es der Wegbereiter für den Durchbruch der Echtzeitstrategiespiele, der spätestens mit Command & Conquer erfolgte, und das klare Vorbild (hey, immerhin benutzen sie sogar denselben Menü-Font) für das erste WarCraft. Aber wenn das Teil II war, was war dann Teil I? Gibt es ein Westwood-Spiel, das einfach nicht veröffentlicht wurde? Nein. Die Antwort ist: Dune, Teil eins, ist ein völlig anderes Spiel als sein “Sequel”. Der von Cryo entwickelte Titel war ein ziemlich verrückter Genremix aus Adventure, Strategiespiel, Wirtschaftssimulation und ein wenig Rollenspiel. Das Resultat war ein Spiel, das sicherlich nicht jedem schmeckte, wie die völlig unterschiedlichen Bewertungen beweisen – vom Totalverriss bis zum Lob findet sich nämlich alles in der Übersicht der Wertungen.

In Dune übernehmt ihr die Rolle von Paul Atreides, dem Sohn von Herzog Leto, der vom Imperator zum neuen Herrn des Planeten Arrakis – von den Ureinwohnern Dune genannt – ernannt wurde. Die Atreides sind ein altes, nobles Haus und völlig anders als die Harkonnen, denen das Lehen zuvor gehörte und die den Planeten ihren Erzfeinden nicht kampflos überlassen wollen. Doch warum ist Arrakis so wichtig? Nur dort findet sich die Spice-Melange, eine bewusstseinserweiternde Droge, die den Navigatoren überlichtschnelle Reise ermöglicht. Das Spice ist also Gold wert und noch dazu überlebenswichtig für das Imperium, weswegen der Herr von Arrakis auch persönlich dafür verantwortlich ist, dass das Spice fließt. In diesem Fall wird der Job allerdings an euch delegiert, und Leto hat bereits eine klare Vorstellung davon, wie er die Spiceproduktion ankurbeln will: Paul soll dafür sorgen, dass sich die Fremen, die Ureinwohner von Arrakis, auf die Seite der Atreiden schlagen und für sie arbeiten.

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Im Gegensatz zu Dune II, das die Handlung von Dune eher als Rahmenidee für einen bewaffneten Konflikt nutzte, hält sich Cryos Dune mehr an die Buchvorlage und macht dabei einen ziemlich guten Job, die Geschichte – wenn auch in manchen Punkten an die Spielumstände angepasst – zu erzählen. Tatsächlich muss ich zugeben, dass es dieses Spiel war, das mein Interesse daran geweckt hat, die Bücher zu lesen – allein dafür hat es sich einen Platz in meiner Hall of Fame verdient – und gleichzeitig mir eigentlich den Großteil der Handlung verraten hat. Der größte Unterschied liegt wohl darin (Achtung, Spoiler), dass Paul nie von den Harkonnen aus dem Palast vertrieben wird und bei den Fremen Zuflucht suchen muss, sondern nach dem Tod seines Vaters die Geschäfte weiterführt. Das ist aber aufgrund des Spielprinzips unumgänglich.

Die erste Aufgabe, der ihr euch stellen müsst, ist die Produktion von Spice. Dafür steigt ihr einfach gemeinsam mit bis zu zwei Begleitern (am Anfang ist dies nur Gurney Halleck, später folgen andere bekannte Figuren aus den Büchern) in euren Ornithopter und besucht Sietchs, die Heimatstätten der Fremen. Aus irgendeinem Grund sind die meisten Anführer sofort Feuer und Flamme, für euch zu arbeiten (liegt wohl daran, dass sie euch von Anfang an für den Auserwählten halten), stellen ihre Arbeitskräfte zur Verfügung und beginnen damit, Spice abzubauen. Am Anfang ist das dazugehörige Micro-Management noch etwas kompliziert, denn ihr seid dafür verantwortlich, dass die Fremen nach Möglichkeit dort Spice abbauen, wo es viel davon gibt – und um mit ihnen Kommandos zu geben, müsst ihr an ihren Standort fliegen. Das ändert sich zum Glück allerdings rasch: Unter der Anleitung von Pauls Mutter, der Bene Gesserit Jessica erwachen durch das Spice Pauls geistige Kräfte, und er lernt, über immer größere Distanzen auf Gedankenweg zu kommunizieren.

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In regelmäßigen Abständen fordert der Imperator eine Lieferung Spice, die wir ihm binnen 24 Stunden schicken sollten – da die Reisedistanzen teilweise recht lang sind, sollte man also darauf achten, wann man sich in der Nähe des Palastes aufhalten sollte. Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt viel zu entdecken. Neben versteckten Siechs (die teilweise unbewohnt sind, weswegen es sich anbietet, hier einen Abbautrupp hinzuschicken) gibt es auch noch Dörfer, in denen ihr mit Schmugglern handeln könnt (auch hier ist die Währung Spice), und zahlreiche NPCs, die die Story vorantreiben. Denn im Laufe der Handlung passieren einige entscheidende Momente auf Dune: Unterstützt von Fremenführer Stilgar beginnt Paul, die Fremen militärisch auszubilden und gegen die Harkonnen zu schicken – der einzige Weg, das Spiel zu gewinnen, denn nur eine Eroberung des Harkonnenpalasts beendet das Spiel; Liet Kynes, seines Zeichens Ökologe und Vater von Pauls Geliebter Chani, findet einen Weg, Pflanzen auf Dune anzubauen – mit fatalem Effekt für das Spice, das in der jeweiligen Zone schlagartig vernichtet wird, aber positiven Effekten für die Motivation der Fremen; und nicht zuletzt erweist sich Paul tatsächlich als der Auserwählte, indem er das Wasser des Lebens trinkt und ab diesem Zeitpunkt – so er dies überlebt – ganz Arrakis telepathisch erreichen kann.

Kritiker führen natürlich an, dass das Spiel sich nicht hundertprozentig an die Romanvorlage hält – und das ist auch wahr, denn viele Details wurden dem Gameplay geopfert oder umgestellt. Rein spielerisch kann man natürlich kritisieren, dass der Genremix nicht völlig aufgeht und die Einzelteile hinter ihren Möglichkeiten bleiben – zum Beispiel besteht der Strategieaspekt nur daraus, möglichst gut bewaffnete Fremen gegen einen passenden Harkonnenstützpunkt zu beordern und zu hoffen, dass sie den Angriff überstehen. Dennoch: Als das Spiel herauskam, war ich sowohl gefordert als auch fasziniert – ohne dieses Spiel hätte ich den Büchern (und auch dem Lynch-Film, von dem viele Designelemente übernommen wurden) wohl keine Chance gegeben. „Geholfen“ hat dabei sicher, dass das Spiel mit Fachbegriffen um sich wirft, die ich ohne die Bücher einfach nicht verstehen konnte. Oder wisst ihr, was eine Bene Gesserit-Schwester ist?

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Das führt schon zur Frage: Warum gehört Dune auf die Liste der Spiele, die ich vermisse? Weil es dieses Spiel war, das mich zum glühenden Dune-Fan gemacht hat. Weil es ein sehr interessanter Genre-Mix war, der nicht davor zurückscheute, kreative Kombinationen auszuprobieren. Weil es eines der ersten CD-ROM-Spiele war, was die Ornithopter-Flugsequenzen im Vergleich zur Diskettenfassung optisch schöner gestaltete und das Spiel mit Lynch-Filmschnipseln auflockerte (diese Fassung erschien übrigens auch für das Sega Mega-CD). Weil es eine Story erzählte, die mich fesselte und deren Charaktere mich interessierten. Und sicher auch, weil es der Underdog war, der aufgrund des überragenden Erfolgs von Dune II im Sand der Geschichte begraben wurde. Unverdient, würde ich sagen, denn aufgrund der völlig veralteten Benutzerführung tue ich mir schwer, Dune II heute noch zu spielen. Dune hingegen wandert immer noch ab und an ins Laufwerk.