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Spiele, die ich vermisse #132: Die Lotus Turbo Challenge-Trilogie

Retro überall! Unter diesem Motto schien die vergangene Woche zu stehen. Sei es der Release von Day of the Tentacle Remastered (freudige Erkenntnis: Ich kann das Spiel noch immer mehr oder weniger auswendig durchspielen), mein Besuch bei dem Videospielkonzert Video Games Live (ein wirklich schönes Erlebnis) und natürlich Ostern, das ich schon in einigen Einträgen zuvor zwecks Erinnerungen an den NES (siehe Zelda, Zelda II) oder auch an den Amiga 500 (Pang, Lemmings) genutzt habe. Und dieses Jahr? Ja, auch dieses Jahr fällt mir zu Ostern der Amiga 500 ein – aber diesmal kein Spiel, das ich zuerst mit meinem Cousin gespielt habe. Stattdessen nutze ich Video Games Live (und, ganz und gar nicht Retro, die Tatsache, dass Trackmania Turbo momentan bei mir rauf- und runtergespielt wird) für eine Erinnerung. Spannenderweise greife ich dabei allerdings genau genommen auf das Vorprogramm zurück, bei dem eines der Musikstücke Lotus Turbo Challenge zelebrierte.

Lotus Turbo Challenge sagt euch nichts? Gut, lasst mich ausholen: Dabei handelt es sich um eine Rennspieltrilogie aus den ganz frühen 90ern, die von Magnetic Fields (u.a. Trailblazer) entwickelt und von Gremlin Interactive in den Handel gebracht wurde. Allen diesen Spielen ist vor allem eines gemeinsam: Man jagt einen Lotus über Rennstrecken, den man aus von hinten sieht. Die Rennstrecken sind dreidimensional gestaltet – oder zumindest so dreidimensional das eben zu diesem Zeitpunkt ging (und damals ging das schon sehr gut, wenn auch mit aus heutiger Sicht eher primitiven Mitteln wie einfachen 3D-Methoden und Sprites samt Skalierung). Hier gibt es Kurven in verschiedenen Wendegraden (die immer durch Schilder angezeigt werden – deren Anzahl zeigt, wie eng die Kurve wird), Geraden, Anstiege und Bergab-Passagen. Gemeinsam gibt es auch verschiedenste Settings für die Kurse, dazu passende Hindernisse, aber auch Boosts und Möglichkeiten für Sprünge und natürlich andere Autos auf der Strecke. Gemeinsam ist allen drei Titeln auch, dass das Spiel auf Multiplayer ausgelegt ist – Split-Screen-Racing (für zwei Fahrer) ist in jedem Spiel vorgesehen, aber auch Linked Play per Nullmodemkabel (für vier Fahrer) kann (allerdings nicht in allen Teilen) gewählt werden.

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Die Unterschiede zwischen den drei Teilen stecken auf den ersten Blick eher im Detail. In Lotus Espirit Turbo Challenge, dem ersten Teil, der 1990 ursprünglich für den Amiga erschien, ging es auf 32 geschlossenen Kursen (aufgeteilt in drei Schwierigkeitsgrade) gegen das restliche Feld – gesamt 20 Fahrer. Die Namen der Computergegner basieren übrigens zum Teil auf echten Rennfahrern, werden allerdings auf die Schaufel genommen (womit man wohl auch die Rechte an den Namen nicht erwerben musste). So trifft man auf einen Ayrton Sendup, auf Nijel Mainsail oder Alain Phosphate.

Das Spiel lief relativ einfach ab – man fährt seinen Lotus Espirit Turbo SE über die Kurse, gibt Gas, bremst, schaltet (so man nicht den Automatikmodus wählt), lenkt und versucht, Gegner zu überholen und bremsenden Hindernissen auszuweichen. Nebenbei muss man auch auf den Treibstoff achten, denn ohne diesen fährt es sich schlecht. Tanken kann man allerdings nur in der Pitlane bei Start- und Ziellinie und das Auftanken kostet natürlich Zeit. Das Ziel ist es, beim Erreichen der Ziellinie mindestens Zehnter zu sein, um sich fürs nächste Rennen zu qualifizieren (eine bessere Position bringt aber natürlich mehr Punkte für den Cup und damit die Endwertung). Die Endposition im Rennen bestimmt übrigens auch die Startreihenfolge fürs nächste Event – und zwar gestürzt, denn in diesem Spiel werden die letzten die ersten sein (was ich übrigens fairer finde als z.B. den Modus von Mario Kart, wo man als erster übers Ziel auch als erster ins nächste Rennen geht). Übrigens: Anders als die Sequels lief dieser Titel immer im Splitscreen ab – spielte man alleine, zeigte die zweite Hälfte des Bildschirms eine Werkstatt.

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Der Erfolg des Spiels sorgte dafür, dass man natürlich bald ein Sequel brachte. 1991 erschien mit Lotus Turbo Challenge 2 ein Sequel, das äußerlich dem Vorgänger ähnelte, innerlich aber einiges veränderte. Statt auf klassische Rennen zu setzen, ging es jetzt deutlich arcadiger zu. Zwar gab es noch Konkurrenten auf der Strecke, doch in Wahrheit ging es nur noch um die Zeit – man musste den nächsten Checkpoint erreichen, bevor der Countdown 0 erreichte. Die Kurse waren diesmal auch nicht mehr geschlossen und das Auftanken wurde ersatzlos gestrichen. Außerdem gibt es diesmal gleich zwei Autos – den Lotus Espirit und den Lotus Elan, der langsamer ist, aber besseren Grip bietet. Auswählen dürft ihr allerdings nicht, welches Auto ihr nehmt – das übernimmt das Spiel für euch.

Grafisch wurde einiges überarbeitet – Solisten konnten nun den ganzen Bildschirm nutzen, neue Streckengrafiken wurden hinzugefügt, Wettereffekte (inklusive Nebel und Regen) und Umgebungseffekte (z.B. in der Wüste) oder sogar Abschnitte mit Gegenverkehr machten die Umgebung lebendig. Berühmt wurde auch die Musik – die Intro-Musik findet sich oft in Retro-Playlists und enthält tatsächlich eine unterbewusste Botschaft: „You will not copy this game“.

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Dieser Auftrag dürfte gut genug funktioniert haben, dass es noch zu einem letzten Sequel kam: Lotus III: The Ultimate Challenge trug das „Ultimate“ nicht ganz zu unrecht. Das Racing aus dem ersten Teil kam ebenso zurück wie der Arcade-Modus mit Zeitlimit – dem Spieler blieb die Wahl. Passend zum dritten Teil gab es nun auch ein drittes Auto – einen Lotus M200 – und man konnte auswählen, welches Auto man fahren wollte. Grafisch wurde einiges aus dem Vorgänger recycelt, aber auch neue Settings hinzugefügt.

Das wohl wichtigste neue Feature nannte sich RECS, was für Racing Environment Construction Set steht. Wer jetzt an einen Streckeneditor denkt, hat nicht ganz unrecht, aber eben auch nicht GANZ recht. Hier werden nämlich nicht einfach Strecken gebaut und dann gefahren, sondern die Parameter gesteuert. Wie viele Kurven gibt es, wie steil sind sie? Wie hügelig wird es, wie viele Hindernisse gibt es? In was für einem Setting fahren wir? Ist es ein Rundkurs oder ein A-B-Rennen? Aus all diesen Parametern baut der Streckeneditor ein Passwort, so dass man den Kurs wieder und wieder fahren und ihn auch in eigene Rennserien einbauen kann. Das erhöhte natürlich die Wiederspielbarkeit, da man nicht mehr auf vorgegebene Rennstrecken, die man irgendwann durch hatte, angewiesen war. Apropos „Wiederspielbarkeit“: Auch hier mag das Spiel inzwischen ein wenig vergessen worden sein, doch der Soundtrack von Patrick Phelan wird heute noch gerne gespielt und remixed.

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Ich habe vorher schon kurz „Ports“ erwähnt, das bis jetzt aber vage gelassen – und das hat einen guten Grund: Die Lotus Trilogie wurde ziemlich zerstreut released – nur auf dem Amiga kann man jeden Titel spielen –, weshalb es wohl einfacher ist, diesen Teil gesammelt abzuhandeln. Der erste Teil wurde später auf diverse 8- und 16-Bit-Computer geportet, darunter sogar noch auf den C64 und den ZX Spectrum. Teil zwei kam nicht mehr für 8-Bit-Systeme, dafür zum ersten Mal auf eine Konsole – den Mega Drive (wofür die II im Titel weggelassen wurde, wohl um Spieler nicht zu verwirren). Teil 3 ist der einzige, der auch für den PC umgesetzt wurde (der dann natürlich nur Lotus: The Ultimate Challenge hieß). Auch diesmal erschien eine Mega Drive-Version, die dann verwirrender-, aber natürlich aus damaliger Sicht konsequenterweise Lotus II: RECS hieß (was auf den Streckeneditor hinwies). Einen vollständigen Release der Trilogie auf einer Konsole gibt es allerdings auch, wenngleich erst im Nachhinein – für das Amiga CD 32 (aber auch für Amiga und Atari ST) erschien eine Version namens „The Classic Lotus Trilogy“ mit allen Spielen.

Nach dem dritten Teil wandte sich Magnetic Fields übrigens von den Lotus-Spielen ab, entwickelten aber weiterhin Rennspiele – darunter International Rally Championship, das ebenfalls das RECS-System verwendete. Nichts mit ihnen zu tun hatte allerdings trotz des Namens das 2001 für PS2, Gamecube, Xbox und Windows in den Handel gekommene Spiel Lotus Challenge – zu diesem Zeitpunkt war das Studio bereits geschlossen. Einige Mitarbeiter von Magnetic Fields gründeten allerdings Warthog, die unter anderem Rally Championship und Richard Burns Rally ablieferten.

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Wie ich in Kontakt mit der Lotus-Serie kam? Ich weiß es nicht genau. Irgendwann wanderte die Disk zum ersten Teil in meinen Amiga 500 und packte mich. Euch wird schon aufgefallen sein, dass ich in dieser Serie nicht oft von Rennspielen spreche – und das hat einen guten Grund (oder zwei). Ich bin nicht gut in ihnen und sie gehören einfach nicht zu meinen Lieblingsgenres. Aber ich habe ein Faible für gut gemachte Arcade-Racer und in diese Schiene passt Lotus Turbo Challenge einfach exzellent hinein. So wirklich gepackt hat mich aber erst Teil 3, den ich unbedingt haben musste, nachdem ich den Test gelesen hatte – vor allem das RECS hatte es mir einfach angetan. Danach habe ich den Rest der Serie dann auch für mich entdeckt.

Warum es mir das RECS angetan hat? Weil ich es nicht so nutzte, wie es unmittelbar gedacht war. Anstatt Strecken per Parametern zu generieren, generierte ich aus Passwörtern Strecken. Wie sieht wohl eine Strecke aus, die heißt wie meine Eltern? Meine Schwestern? Was ist die Strecke, die meinen Namen trägt? Hier gar nicht erst lange nach der perfekten Strecke zu suchen, sondern vielmehr zufällig eine neue Rennstrecke aus normalen Wörtern zu konstruieren machte echt Spaß. Und ich fand es natürlich passend, dass ausgerechnet „meine“ Strecke ein Kurs im Zukunftslook war.

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Aber auch spielerisch gefielen mir die Lotus-Spiele unglaublich gut. Die Autos ließen sich gut fahren, die Mischung aus Hindernissen, Aufholjagden und interessanten Kursen brachte mich dazu, es immer wieder und wieder zu versuchen, einen guten Platz zu ergattern. Das war nämlich durchaus nicht leicht, aber auch nicht völlig unmöglich (was ich heute so manchem simulationslastigeren Rennspiel „vorwerfen“ würde, auch wenn das natürlich nicht stimmt – ich bin einfach zu schlecht dafür bzw. nehme mir nicht die Zeit, mich ordentlich einzuarbeiten). Das trifft allerdings vor allem auf die Rennen im Stil von Teil 1 zu – der Time Trial-Modus aus dem Sequel traf deutlich weniger meinen Geschmack. Wozu andere Autos überholen, wenn es nur darum geht, die Uhr zu schlagen? Eben. Aber auch das ist nur ein persönlicher Geschmack – denn die anderen Zutaten, von Boosts über Hindernisse bis Sprünge sind alle vorhanden und machen das typische Lotus-Feeling aus, das ich heute viel zu selten in einem Rennspiel mehr sehe.

Das führt schon zur abschließenden Frage, warum ich gerade die Lotus-Trilogie vermisse. Und die deutlichste Antwort darauf lautet: Weil es wohl der letzte Arcade-Racer dieser Form war, den ich gespielt habe (wenn man von einem ähnlichen Spiel mit Jaguar-Branding absieht, das ich ungefähr gleichzeitig gespielt habe). Dieser Stil dieses Pseudo-3Ds kam mit dem aufkommenden „echten“ 3D aus der Mode. Dieser Mix aus ernsthaftem Racer (immerhin mit Original-Autos) und Fun-Elementen ist auch etwas, was man nicht mehr oft sieht. Und dann wäre da RECS – Streckenbauen ohne wirklich Strecken zu bauen? Sign me up. Vor allem aber war es das richtige Spiel zu richtigen Zeit. Auf dem Amiga sah das Spiel einfach verdammt gut aus und machte (vor allem im Split-Screen, zur Nullmodem-Variante bin ich nie gekommen) richtig Laune. Und das alles gibt der Lotus-Reihe einen Ehrenplatz in meiner Erinnerungssammlung.

9 comments

  1. Mit dem „Amiga Racer“ gibt es seit einiger Zeit einen sehr feinen geistigen Nachfolger der sehr aktiv immer weiterentwickelt wird: http://amigatec.com/drupal/

  2. Zumindest für Smartphones/Tablets gibt es etwas ähnliches: Horizon Chase – World Tour.

    Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.aquiris.horizonchase
    iOS: https://itunes.apple.com/us/app/horizon-chase-world-tour/id991018252?mt=8

    Vollständiges Spiel nur über In-App-Kauf, aber auch mit der free-to-play Variante kann man gut einschätzen, ob der Kauf für einen persönlich lohnt. Oder eben nicht.

    Die Steuerung auf meinem Android Tablet klappt recht gut. Ob es mit einem angeschlossenen Gamepad noch näher an das Vorbild rankommt, habe ich nicht ausprobiert.

  3. Leider gibt aktuell kaum noch Titel die ähnlichen Fahrspass liefern. Von damals ist mir persönlich Out Run im Gedächtnis geblieben. Gespielt hatte ich Lotus Turbo Challenge allerdings auch auf meinem C64. Gutes Spiel! Ich wage mal den Vergleich mit Drive Club auf der PS4. Das erinnert mich immer an diese alten Spieleklassiker.

    • Ich mache ja um moderne Rennspiele (mit Ausnahme von Trackmania und gelegentlichen Ausflügen zu Codemasters-Titeln) eher einen Bogen – aber vielleicht wäre es wert, einen Blick auf Drive Club zu werfen. Danke für den Tipp. Wie schon im Artikel erwähnt: Ich brauche einfach diese großen Simulatoren nicht, wo möglichst auf Realismus gesetzt wird. Da doch lieber netten Arcade-Fahrspaß, den man schnell erlernen kann …

  4. Ich habe den ersten Teil geliebt. Die anderen fand ich auch gut, aber der Arcade Anteil hat mich weniger gepackt. Und zu zweit im Splitscreen war es der Hammer

    • Ging mir – siehe oben – ähnlich. Wobei eben Teil 3 dann sehr stark punkten konnte – aber da auch wieder primär im Rennmodus und nicht im Arcade-Setting. Aber da man die Wahl hatte, war da natürlich für meinen Geschmack fast immer was dabei.

      • Der dritte Teil hatte bei mir auch etwas technisch gesehen Arcade Feeling versprüht. Das sah echt top aus. Mit dem Streckeneditor konnte ich jedoch nie etwas anfangen.

  5. Super Artikel! Das hat meine Kinderheit aufleben lassen, denn Lotus 3 war mit Slottr meine erste Gaming-Erfahrung an die ich mich erinnern kan.

    Ich habe es ständig mit meinem Bruder am PC gespielt und versucht die Meisterschaft zu gewinnen auf allen Schwierigkeitsgraden. Lustigerweise haben wir erst spät bemerkt, dass die Tasten freibelegbar waren und so hat einer immer mit Maus gelenkt. 😀

    Den RECS-Modus haben wir auch nicht richtig ausgereizt. Die Parameter waren 1x eingestellt, meist auf 100%, und dann gings los.

    Ich erinnere mich u. A. an die Strecke im Gebirge. In einer Meisterschaft waren es so viele Runden, das Tanken notwendig war. Also wollten wir dies in der letztmöglichen Zieldurchfahrt erledigen. Allerdings war das nicht möglich, weil dann dort die Felsenwände im weg waren. 😀 So mussten wir von vorne beginnen und haben auf der Strecke seitdem immer eine Runde eher getankt.

    Und was alles gab: Baustellen, die Autobahn mit Verkehr, Wüste mit Rollballen, Schnee, die Sumpfstrecke mit Baumstammsprüngen, Turbozone-Strecke die mehr Benzin gekostet hat… hach. 🙂