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Spiele, die ich vermisse #122 (in memoriam Satoru Iwata): Wii Sports

EIGENTLICH hatte ich ja für Ausgabe #122 ganz andere Pläne – seit etwa zwei Wochen schlummert ein Artikel in der Pipeline, der unter anderem meine finalen E3-Gedanken in einem Retro-Gewand verpackt. Doch wie so oft in letzter Zeit hat mich die Realität eingeholt. Montagmorgen, gleich zum Aufstehen, erreichte mich die Nachricht, dass Satoru Iwata 55jährig verstorben ist. In seinen Jahren an der Spitze von Nintendo veränderte er das Konzept des Konzerns gewaltig und führte das Haus hinter Mario und Link aus dem mangels Ressourcen kaum zu gewinnenden Kampf gegen Sony und Microsoft auf einen alternativen Pfad, der wohl am besten mit dem Wechsel von den GameBoys zum DS sowie dem neuen Konzept rund um die Wii charakterisiert wird. Das wohl beste spielerische Beispiel für diesen Weg ist auch jener Titel, den ich heute vermissen möchte: Wii Sports.

Ich glaube, dass fast jeder Leser von diesem Spiel schon gehört hat, aber lasst es mich kurz einordnen: Als die Wii 2006 in den Handel kam, war für viele Nintendo-Fans wohl eigentlich Zelda: Twilight Princess das Kaufargument für die Konsole schlechthin, das ja als Alpha (Launchtitel für die Wii) und Omega (einer der letzten Gamecube-Titel) erschien. Doch für die neuen Möglichkeiten der Bewegungssteuerung gab es wohl kein besseres und intuitiveres Beispiel als Wii Sports. Und das trotz – oder eher gerade wegen? – seiner Einfachheit, die es quasi jedem erlaubte, die Wii-FB in die Hand zu nehmen und einfach mal los zu spielen.

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Fünf Sportarten gibt es in Wii Sports, aber die wohl ikonischte, die es ins allgemeine Bewusstsein sowie in die Popkultur (z.B. mit einem Auftritt in einer Simpsons-Folge) schaffte, war wohl Tennis. Hier wurde im Doppel gespielt, das heißt, je zwei Spieler standen sich im Centercourt gegenüber und schlagen sich den Ball zu. Das Kommando zum Zuschlagen gibt man per Wii-FB, und zwar nicht per Buttondruck, sondern indem man diese wie einen Schläger schwingt (was prompt zu etlichen Bildern führte, wie die FBs in Fernsehern steckten. Warnungen, doch bitte die Schlaufen zu benutzen sowie die Entwicklung der Wii-FB-Plastikhüllen waren die Folge). Laufen musste man nicht – das macht das Spiel automatisch, weshalb man sich einfach auf das Schlagen konzentrieren kann. Nein, echten Tiefgang sucht man hier eher vergebens, aber es macht vor allem im Multiplayer einfach Spaß.

Etwas schwieriger war dann schon Baseball. Ganz wie in dem amerikanischen Traditionssport stehen sich hier zwei Mannschaften gegenüber, von denen immer eine die schlagende, die andere die werfende Partei darstellt. Das spielt sich dann so: Jener Spieler, der den Werfer spielt, wirft den Ball mit einer geschickten, passenden Bewegung der FB. Der Schläger hingegen versucht, den Ball zu treffen. Gerade das ist aus mehreren Gründen nicht ganz so einfach. Erstens muss man erstmal erkennen, wie und wann man schwingen muss, um den Ball zu treffen. Zweitens muss man erstmal so schlagen, dass der Ball danach nicht sofort ins Aus geht, sondern im Spielfeld landet. Drittens muss man selbst dann möglichst dafür sorgen, dass die Teammitglieder des Werfers den Ball nicht gleich fangen, sondern dafür möglichst lange brauchen, denn das bestimmt, wie weit der Schläger und eventuell schon auf den Bases platzierte Spieler des Schläger-Teams weiterlaufen dürfen – denn nur, wer die Homebase wieder erreicht, beschert der Schlägermannschaft einen Punkt. Selbst laufen muss man übrigens wieder nicht – das übernimmt das Spiel automatisch je nach der Zeit, die der Gegner braucht, um den Ball zu bekommen.

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Spiel Nummer drei? Golf. In diesem Modus für maximal vier Spieler geht es auf einen Golfkurs und das Ziel ist natürlich, den Ball mit möglichst wenig Schlägen ins Loch zu bugsieren. Das erledigt man einmal mehr mit der Wii-FB, die hier senkrecht gehalten und dann wie ein Schläger geschwungen wird. Golf bietet hier tatsächlich ein wenig mehr Tiefgang als die beiden zuvor genannten Spiele – Schläge können verzogen werden, mehrere Schläger stehen zur Auswahl, man kann anhand einer Minimap planen, wie man den jeweiligen Kurs angehen möchte (sprich: In welche Richtung man schlagen will) und auch die Stärke des Schlages spielt eine gewichtige Rolle. Zum Glück kann man hier immer auch zuerst trocken üben, bevor man sich an den Ball stellt und richtig losschlägt.

Dann wäre da Boxen, jener Titel, der auch den Nunchuck benötigt. Wii-FB und Nunchuck übernehmen hier die jeweils eine der beiden Hände eures Boxers während ihr versucht, euren Gegner zu besiegen. Dabei spielen eure Bewegungen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den richtigen Schlag zu wählen – auch wenn es gerade auf niedrigen Levels durchaus ausreicht, einfach in der Gegend zu fuchteln und zu hoffen. Nicht ganz zu Unrecht hat dieses Minispiel den Ruf, das beste Workout der fünf Sportarten zu sein.

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Zu guter letzt wäre da noch Bowling. Auch hier kann zu viert gespielt werden und auf möglichst hohe Punktezahlen gebowled werden. Das A und O ist es hier, sich auf seinen Wurf konzentrieren und diesen möglichst sauber umzusetzen, denn das Ausholen und ein eventueller Spin können entscheidend sein, wie ihr die Kegel erwischt und euch so einen möglichst hohen Punktestand herausholt.

Diese fünf Spiele waren es, die Wii Sports ins Wohnzimmer brachte – und das tatsächlich in fast jedes Wohnzimmer, in dem eine Wii stand, denn abgesehen von Japan und Südkorea lag das Spiel zu Beginn jeder Konsole bei. Das hatte natürlich mehrere Gründe – unter anderem jenen, das man bezweifelte, dass das Spiel sich sonst gut verkaufen würde, aber natürlich auch, dass Wii Sports sich einfach so hervorragend eignete, das neue Konzept der Bewegungssteuerung zu demonstrieren und neuen Zielgruppen zugänglich zu machen. Dieser Plan ging voll und ganz auf: Der Wii – und eben insbesondere Wii Sports – gelang es, bislang wenig spielbegeisterte Zielgruppen anzusprechen, sodass tatsächlich ganze Familien, von den kleinen Kindern bis zu den Großeltern, sich vor dem Fernseher versammelten und ihren Spaß hatten.

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Das war auch der Plan von Nintendo – nicht mit dem Hardcore-Segment, das PS3 und Xbox 360 bedienten, mithalten, sondern neue Zielgruppen ansprechen, und eher mit Innovation denn mit State-of-the-Art-Technik überzeugen. Natürlich gab es hier etliche Mitglieder der traditionellen Gamer-Gruppierungen, die diese Entwicklung nicht guthießen und sich eher eine Hardcore-Konsole von Nintendo gewünscht hätten, die mit der Konkurrenz mithalten hätte können wie einst noch der Gamecube. Rein wirtschaftlich ging das Konzept allerdings auf – im Vergleich zum Gamecube (der mit seinen rund 22 Millionen verkauften Einheiten bei weitem nicht mit der PS2 mit über 150 Millionen mithalten konnte), errang die Wii trotz der vergleichsweise schwachen Hardware Verkäufe von über 100 Millionen Stück und hielt damit PS3 und Xbox 360 mit je etwa 80 Millionen Einheiten auf Distanz (sagen zumindest jene Zahlen, die ich bei meinen Recherchen gefunden habe). An diesem Erfolg war Wii Sports natürlich nicht ganz unbeteiligt. Die Kehrseilte der Medaille war allerdings, dass etliche Spieler sich die Konsole mit Wii Sports zulegten und nie wieder einen anderen Wii-Titel kauften. Übrigens: Wii Sports wurde (natürlich auch aufgrund des Bundels) zum meistverkauften Spiel auf einem einzelnen System (hier verwies es Super Mario Bros. auf Platz 2).

Apropos neue Konzepte: Wii Sports brachte nicht nur die Bewegungssteuerung zu den Spielern, sondern rückte auch die Miis ins Blickfeld, die ebenfalls auf der Wii Premiere feierten. Euer persönlicher Avatar, den ihr euch zuvor erstellt hattet, wurde zu eurer Spielfigur, Freunde und Bekannte, die sich ebenfalls auf eurer Konsole verewigt hatten, zu Teilen des Publikums oder gar zu eurer Mannschaft im Baseball. Damit wurde der kleinen Spielerei, eigene Figuren kreieren zu können, die Krone aufgesetzt – denn jetzt konntet ihr euch auch im Spiel wiederfinden. An die Miis verknüpft war übrigens auch der Fitnesstest – einmal pro Tag konntet ihr pro Mii euer Fitnessalter ermitteln, indem ihr in drei Disziplinen antretet.

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Für viele war Wii Sports ja ihre erste Erfahrung mit der Wii – für mich war das nicht ganz so, was vor allem daran lag, dass ich 2006 zwar noch nicht zur Verlagsstammcrew gehörte, aber immerhin schon fleißig mitarbeitete. Meine erste Wii-FB hatte ich auf der Games Convention in der Hand, auf der Nintendo die Konsole nur behind closed doors zeigte, aber ich bei SEGA eine kurze Runde Super Monkey Ball einlegen durfte. Und kaum war die Konsole in der Redaktion eingetroffen, war ich ebenfalls dort zu finden, war allerdings eher von Twilight Princess gefesselt, sodass ich weniger Augen für Wii Sports hatte (auch wenn ich es hier schon anspielte).

Seinen echten “Durchbruch” hatte Wii Sports bei mir erst, als ich mit Müh und Not eine Konsole am Launchtag ergatterte (ich hatte die Konsole zwar vorbestellt, allerdings lieferte Nintendo viel zu wenige Geräte an, sodass ich am Launchtag erfuhr, dass ich nur auf der Warteliste stehen würde; statt das einfach hinzunehmen, wurde einfach ein zweites Gerät aus einem kleinen Geschäft organisiert und die erste Bestellung später abgeholt und weiterverkauft). Kaum war die Konsole im Wohnzimmer aufgestellt, versammelte sich eine neugierige Schar, um einen Blick auf die neue Hardware zu werfen, von der sie so viel gehört hatten. Und auch wenn Zelda natürlich ebenfalls schon zuhause stand, gab es keinen besseren Titel, um die Steuerung zu demonstrieren, als Wii Sports (ganz zu schweigen davon, dass ich sicher niemanden einfach so mit meinem Zelda-Spielstand herumspielen lassen hätte).

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In den nächsten Wochen drehte sich alles um Wii Sports. Wann auch immer eine Gruppe Leute zusammenkam, kam das Thema rasch auf die neue Konsole, die revolutionäre neue Steuerung, und die Frage, ob man das nicht mal ausprobieren könnte. Gerade Tennis und Bowling kristallisierten sich hier rasch als Favoriten heraus, die schnell zu begreifen waren und allen Beteiligten viel Spaß machten. Leute, die Videospielen als “nur rumsitzen” bezeichneten, waren begeistert, dass man sich bewegen musste. Leute, denen Controller vor allem mit den Worten “was muss ich drücken?” suspekt waren, gefiel die intuitive Steuerung – und die Einfachheit der Spiele. Und tatsächlich war in diesen Tagen das Thema “Fuchtelsteuerung” oder “viel zu wenig Tiefgang”, das man nachher oft im Kontext mit Wii und Bewegungssteuerung aus Gamer-Kreisen zu hören bekam, noch gar nicht so sehr ein Thema. Wie so oft bewies sich einfach: Wenn Nintendo neue Konzepte einführt, schaffen es zumindest sie, diese neuen Ideen sinnvoll einzusetzen. Ob andere das schaffen, steht in den Sternen (und gerade bei der Wii zeigte sich rasch, dass andere mit dieser neuen Steuerungsmethode kämpften). Und zumindest für eine Zeit machte das Spiel einfach Spaß – und sei es nur, um anderen dabei zuzusehen, wie sie sich für die neue Steuerung begeisterten und ganz einfach intuitiv loszockten.

Also, warum vermisse ich Wii Sports? Sicher nicht wegen seiner Langlebigkeit und seinem Tiefgang – so einfach das Konzept war, so kurz hielt der Spielspaß an, weil sich das Spiel kaum weiterentwickelte und selbst die Herausforderungen oder die Möglichkeit, irgendwann ein Profi zu werden (was eher kosmetische Auswirkungen hatte) nicht wirklich für Langzeitmotivation sorgten. Gut, in Gruppen blieb es die erste Wahl für Leute, die die Wii noch nicht kannten, und an Bowling hatte ich sogar hin- und wieder im Nachhinein Spaß. Aber Wii Sports ist für mich wohl jener Titel, der mehr als alle anderen zeigte, dass Nintendo unter Satoru Iwata einen neuen Weg einschlug. “Neue Ideen” hatte es bereits mit dem DS gegeben, aber Wii Sports stand für “weg von den Core-Games”, um die man sich mit dem Gamecube noch redlich bemüht hatte, hin zu “Spielspaß für alle”. Dass dieser Weg nicht jedem gefiel und die Gräben zwischen “Core” und “Casual” erst so richtig aufriss (obwohl man eigentlich immer betonte, nicht in diesen beiden Lagern zu denken), steht auf einem ganz anderen Blatt. Doch vor allem wird für mich Wii Sports immer der Titel sein, der meine ganze Familie vor dem Fernseher versammelte – hier versuchten sich sowohl videospielbegeisterte Teile als auch Videospielskeptiker – sogar meine Eltern schwangen schließlich die FB (und auch wenn es nicht an diesem Titel, sondern an Wii Fit lag, dass meine Mutter eines Tages ihre eigene Wii bekam, wurde hier der Grundstein gelegt). Leider ließ sich der Hype nicht mehr wiederholen – als Wii Sports Resort herauskam, war die Luft für mich schon draußen, der Neuheitsfaktor nicht mehr gegeben. Wii Sports war einfach das richtige Spiel zur richtigen Zeit, um die neue Linie, die Nintendo unter Satoru Iwata einschlug, zu demonstrieren. Und auch, wenn selbst ich mir hin- und wieder eine andere Schiene wünschen würde, muss ich mir eingestehen, dass diese neue Linie dafür gesorgt hat, dass es Nintendo heute noch so gibt, wie es ist. #ThankYouIwata.

5 comments

  1. super artikel, geh jetzt gleich wii sports spielen.

  2. Kann mich auch noch sehr gut daran erinnern als ich das erste Mal Wii Sports gezockt habe. Das Spiel zeigt einfach gut, worauf die Wii ausgebaut war und wie du schreibst, haben auch bei mir selbst Großeltern mal Bowling ausprobiert 🙂

  3. Obwohl mich schon seit vielen Jahren das Thema Videospiele begleitet hatte ich erst im letzten Jahr die Gelegenheit die Wii näher kennenzulernen. Passend mit einem Wii Sports Titel. In einer Gruppe mit interessierten Mitspielern für 2-3 Stunden ein netter Zeitvertreib. Allerdings stellen sich schnell Abnutzungserscheinungen und das Interesse verfliegt. Aber so war es: Auf einmal war es salonfähig auf Betriebsfesten zur Kinderbelustigung eine Wii aufzustellen!

    • Naja, das interessante daran war eigentlich, dass es eben nicht nur für die Kinderbelustigung funktionierte – zumindest in meinem Bekanntenkreis. Das Experiment der Zielgruppenerweiterung ist ihnen also zumindest soweit geglückt, dass man es zumindest ausprobierte und Berührungsängste abbaute. Dass diese Leute dann nicht unbedingt hängen blieben, steht allerdings auf einem anderen Blatt ..

      • Das wollte ich eigentlich damit sagen. Das sich auch Erwachsene auf einmal mit Videospielen beschäftigten die vorher noch die Geräte verteufelt hatten. Den selben Effekt hatte Microsoft mit Kinect. Da kenne ich in meinem Bekanntenkreis Leute die sich nur wegen Kinect eine XBox im Paket mit 1 oder 2 Partyspielen gekauft hatten. Ein paar Monate später verstaubte das ganze Paket im Regal. Sony hatte mit Singstar und der PS3 so ein Produkt im Regal. Kenne auch Leute die deswegen auf einmal Interesse an Videospielen hatten. Finde ich immer faszinierend was Marketing alles so anrichten kann 😉