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Special: Metal Gear Solid (Konami, 1997)

Heimlich, statt Rambo: Konami kombiniert eine schlaue 80er-Jahre-Spielidee mit der 3D-Power der ersten Playstation - die Sony-Konsole erhält ein spätes Meisterwerk, die Welt ein neues Genre.

Wilde Action-Spiele für das Famicom (NES) möchte der junge College-Absolvent Hideo Kojima entwickeln, als er 1986 bei Konami anheuert. Doch die Nintendo-Abteilung der Firma ist bereits besetzt, Kojima landet im Heimcomputer-Team von Konami. Dort merkt er genervt, dass die Uralt-Architektur des MSX-Computers mit der gleichzeitigen Bewegung vieler Objekte und Schüsse Probleme hat – schlecht, wenn man ein Ballerspiel entwickelt. Kojima denkt um und erfindet ein Action-Abenteuer das den Kampf vermeidet, nicht sucht – aus der technischen Restriktion wird das Genre des „Stealth Adventure“ geboren.

Ruf mich an!: Die Codec-Gespräche der Serie sind beinahe so legendär, wie sie lange sind. Obwohl sie viele Infos enthalten, stellen sie die Geduld der Spieler nicht selten auf die Probe!

Infiltrieren, schleichen und verstecken: Metal Gear ist so erfolgreich, dass es schließlich doch fürs NES um- und fortgesetzt wird. Erstaunlicherweise kopiert keine andere Firma das  Prinzip, die Erfindung des Stealth-Adventures folgenlos. Als Sony Mitte der 90er-Jahre die 3D-Konsole Playstation etabliert, gräbt Kojima seinen heimlichen Einzelkämpfer Solid Snake wieder aus, um dessen Abenteuer – um eine Dimension erweitert – neu umzusetzen. Kojima und sein Team lassen sich Zeit mit der Recherche zu Technologien, Kampftechniken und Spionage-Arbeit, erst im Frühjahr 1999 erscheint Metal Gear Solid in Europa. Das Update des kleinen 80er-Jahre-Hits entpuppt sich als Meistwerk der späten 90er-Jahre.

Stealth Kill auf der Herrentoilette: Um zu überleben, lässt Snake die Artillerie meist stecken und setzt lautlose Attacken an.

Allein durch feindliches Gebiet: Den Ablauf und grundlegende Elemente (Bildfunk zur eigenen Basis, Radar der nächsten Umgebung, wachsendes Inventar) übernimmt Konami ohne gravierende Änderungen. Mit Zigaretten als Startausrüstung und LKW-Laderampen als Versteck und Depot, zitiert der erste Metal Gear Solid-Abschnitt das 8-Bit-Debüt den 8-Bit-Oldie. Diesmal erstreckt sich die Hochsicherheitsbasis jedoch in 3D und das Versteckspiel zwischen Aufzügen und Automatiktüren, Labors und Hangars ist noch spannender und komplexer. Neben der Polygon-Power der Playstation nützt Kojima den Speicherplatz der CD: Als Fan westlicher Actionfilme legt Kojima sein Adventure als „Interactive Movie“ an, in dem sich Spielszenen mit Dialogsequenzen abwechseln. Da Kojima auch letztere im rohen Polygon-Stil und in Echtzeit animiert, ist der Übergang zwischen Spiel und Story fließend und plausibel, nicht so ruckartig wie in anderen 90er-Jahre-Titeln. Hervorragend integriert ist die Akustik: Die metallischen Schuss-, Maschinen- und Störgeräusche und die Sprachausgabe verstehen sich prächtig mit einem Thriller-Soundtrack, der sich in dramatischen Sequenzen in den Vordergrund spielt, sonst unterschwellig treibt und gruselt. Audiovisuell reizt Metal Gear Solid die alte Playstation aus.

Neben Psycho Mantis ist Ninja der interessanteste der sieben Metal-Gear-Solid-Obergegner. Jeder dieser Schurken trägt sein persönliches Schicksal, keiner von ihnen ist einfach nur böse. Das Ende seiner Obergegner zelebriert das Spiel als Drama.

Was das Spiel so anders und faszinierend macht ist, dass nicht nur der Held, sondern auch die Gegner aufmerksam sind und Augen und Ohren offen halten: Tappt Snake ins Gesichtfeld einer Patrouille und löst diese den Alarm, prasseln dem Helden die Kugeln um die Ohren – Game Over und panisches „Snake? Snake!!!“-Gejammere aus dem Off.  Eleganter, weil effektiver, ist es sich anzuschleichen und die Wache mit Genickgriff lautlos auszuschalten. „Metal Gear Solid“ macht Heimlichkeit zum obersten Prinzip; Adventure-Grips und Baller-Reflexe sind sekundär nützlich

Die Kunst der Visualisierung: Auch wenn der Held selbst kaum noch zu sehen ist, wird jeder Fund deutlich eingeblendet.

Hallende Schritte, Fußspuren im Schnee und Atemdampf verraten Snake, aber auch seine Feinde. Das Spiel richtet sich an alle Sinne: Man lauscht dem „Mhhm?“ aufschreckender Gegner, lässt Wölfe an ihrer eigenen Markierung schnuppern und täuscht das Auge des Wärters mit Ketchup (statt Blut). Die Instinkte werden übermenschlich gesteigert und geschärft, durch Thermo-Brille, Sonar und anderes Technikspielzeug, oder durch Mutation ins Übersinnliche gehoben: Der gruselige Telepath Psycho-Mantis, einer der sieben Superschurken, scannt die Memory-Karte des Spielers und schaltet das TV-Bild aus. Wie Kojima seine Charaktere anlegt ist unglaublich, selbst einen Schnupfen können sich Metal-Gear-Solid-Figuren holen. Und manchmal müssen sie pinkeln.

Metal Gear Solid ist traditionell voyeuristisch: Snakes Blick bleibt am Gesäß seiner schönen Gefährtin hängen.
Starrt der Held Meryl später minutenlang und aus der Ego-Perspektive ins Gesicht, errötet sie verlegen.

Der Komplexität zum Trotz ist Metal Gear Solid ein kompakter und hervorragend ausbalanciertes Action-Thriller, der mit Hightech-Waffen die Shooter-Gier, mit versteckten Extras und Gags die Primärwünsche jedes Adventures-Spielers befriedigt.

Metal Gear Solid wird zu Konamis wichtigster Serie. Nachdem die Stealth-Mechanik als Essenz – ohne Grafikschnickschnack, Rätsel oder Story – zur „VR Missions“-Zusatz-CD destilliert wird, erscheint 2002 mit großem Pomp Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty mit Grafik und Animationen, Sound und K.I. auf Playstation2-Niveau und an allen Ecken und Enden erweitert. So gelungen wie das Original ist die Fortsetzung nicht, stellenweise wirr, dann wieder langatmig, die Story geschwätzig. Besser sind sowohl der Gamecube-Einsatz The Twin Snakes (das Original-Metal Gear Solid mit der Grafik und K.I. der PS2-Fortsetzung) als auch Metal Gear Solid 3: Snakeater das 2005 für die Playstation2 erscheint. (wf)

Metal Gear Solid ist eines von 20 vorinstallierten Spiele auf der PlayStation Classic-Konsole.

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