ArtikelHighlightNewsVideogame-ReviewVideogames

Review: Lost Sphear

Retro ist „in“. Vielleicht nicht unbedingt im Triple-A-Game-Sektor oder im Mainstream, aber viele kleinere Projekte von unabhängigen Studios erwecken bewusst Erinnerungen an anno dazumal: Pixeloptik und/oder Gameplay wie früher, ohne aber auf modernen Komfort verzichten zu müssen. Ganz kampflos wollen aber auch die großen Firmen den kleinen Studios diesen Sektor nicht überlassen und so entstand zum Beispiel Tokyo RPG Factory. Dieses Studio von Square Enix soll gezielt den Geist von Rollenspielklassikern wie Chrono Trigger, Secret of Mana oder den frühen Final Fantasy-Teilen einfangen. Ihr Erstlingswerk I Am Setsuna heimste gute, aber nicht überragende Kritiken ein. Kann der Nachfolger Lost Sphear sich hier verbessern?

Verlorene Erinnerungen

Die Geschichte von Lost Sphear ist schnell erzählt: Held Kanata und seine Freunde leben in einem kleinen Dorf ein friedliches Leben, bis etwas Seltsames passiert: Ihre Heimat verschwindet in einer Art weißem Nebel – und das ist kein singuläres Phänomen, sondern findet auf der ganzen Welt im Großen (ganze Ortschaften) oder im Kleinen (einzelne Personen) statt. Zum Glück entdeckt Kanata eine bislang unbekannte Gabe: Mithilfe von Erinnerungen, die er unter anderem aus Gesprächen oder von Feinden gewinnt, kann er zurückbringen, was verloren war. Dass sich daraus eine Reise durch die ganze Welt entwickelt, wird wohl niemanden überraschen, der in den letzten Jahrzehnten ein JRPG gespielt hat. Die Art und Weise, wie sich diese Geschichte entfaltet, erinnert an die alten 16-Bit-Klassiker: Hier werden in eher linearer Art und Weise Ortschaften erkundet, auf der Überlandkarte gereist, jede Menge Gespräche geführt und Dungeons durchkämpft. Dabei zeigt sich rasch, dass man bei Toyko RPG Factory sowohl aus der Vergangenheit gelernt als auch dann doch in manche Retro-Falle hineingetappt ist. Positiv zu erwähnen ist beispielsweise, dass euch auf der Überlandkarte keine Kämpfe beim Erkunden stören, und auch beim Erkunden der Locations verzichtet man auf Random Encounter, sondern setzt wie bei z.B. Chrono Trigger darauf, die Gegner beim Erkunden anzuzeigen. Auf der negativen Seite muss man wohl die Dialoge anführen, die zwar eigentlich interessant geschrieben sind und die Geschichte voranbringen, aber in eher langsamem Tempo via (deutschen) Textboxen recht simpel präsentiert werden und oft einfach zu lange brauchen, um zum Punkt zu kommen – hier hätten wir gerne sowohl kompaktere Gespräche als auch etwas modernere Präsentation gesehen. Auch dass die Charaktere Großteils eher generisch daherkommen, hilft nicht dabei, tiefer in das Spiel abzutauchen. Schade, denn die Geschichte ist durchaus interessant, kommt aber vor allem in der ersten Hälfte nur langsam voran.

Sammelsurium

Wenn wir schon bei der Kritik sind: Lost Sphear setzt auf ein buntes Sammelsurium aus klassischen JRPG-Mechaniken, die aber nicht immer ein kompaktes Ganzes ergeben, sondern eher nach einer Best-Of-JRPG-Liste wirken, die man unbedingt einbauen wollte. Das merkt man schon beim Kampfsystem: Hier gibt es unter anderem eine Mischung aus dem klassischen ATB-System (man kann ein Kommando eingeben, sobald sich eine Leiste gefüllt hat), den Area of Effect-Angriffen im Stil von Chrono Trigger und einer freien Positionierung der Charaktere, wodurch man seine Party vor gefährlichen Flächenangriffen schützen oder mehrere Gegner auf einmal attackieren kann. Dazu kommen aber auch das Momentum-System, bei dem ihr nach und nach eine weitere Leiste füllt, dank der ihr eure Angriffe verstärken könnt, sowie das Spritnite-System, die man beide schon aus I Am Setsuna kennt. Zusätzlich könnt ihr auf der Weltkarte mit euren Erinnerungen an bestimmten Stellen Artefakte errichten, die in dieses System weiter eingreifen. Klingt komplex? Ist es eigentlich auch, aber es bleibt aufgrund der Länge des Spiels (rechnet mit etwa 20 Stunden Spielzeit, je nach Spielstil kann es aber natürlich auch ein wenig länger dauern) kaum Zeit, alle Systeme wirklich auszureizen. Solche Probleme ziehen sich durch das gesamte Spiel, bis hin zum Waffensystem, bei dem man gleich zwei klassische Systeme vermischt: So kann man recht rasch die eigene Ausrüstung verbessern; das macht aber bis zum Ende des Spiels nur beschränkt Sinn, und zwar nicht, weil wir die Power nicht brauchen würden, sondern weil man regelmäßig ohnehin neue Waffen im Shop kaufen kann und so die Verbesserungen gleich wieder los ist. Durch diese Probleme bildet sich der Eindruck heraus, dass man in Lost Sphear Gameplay-Systeme für ein wesentlich längeres Spiel eingebaut hat, aber aufgrund der relativen Kürze des Titels diese nicht richtig zum Glänzen kommen. Dabei hätte dem Spiel eher ein wenig Straffung gar nicht so schlecht getan, denn auf das Backtracking zu schon besuchten Orten und das Gegner-Recycling hätten wir gerne verzichtet.

Ecken und Kanten

Ihr seht schon, dass man einiges an Kritik an Lost Sphear anbringen muss. Deshalb wird euch dies vielleicht ein wenig überraschen: Trotz – oder gerade wegen – all dieser Ecken und Kanten hat uns der Ausflug in die Welt von Lost Sphear Spaß gemacht, denn der Retro-Gameplay-Charme und die moderne, wenn auch nicht technisch auf AAA-Niveau spielende technische Umsetzung können durchaus punkten. Auch die Vielzahl an Gameplay-Mechanismen (wir haben hier gar nicht alle aufgezählt) fällt über weite Strecken eigentlich eher dadurch auf, dass man sie nur selten wirklich voll ausnutzt, bis man dann doch einmal für einen Boss-Gegner (die bisweilen ganz klare Schwierigkeitsgrad-Spitzen darstellen) einen Boost benötigt. Nein, an die echten Legenden der 16-Bit-Ära kann Lost Sphear nicht anschließen, aber wer die Klassiker kennt oder das alte Gameplay mit neuem Anstrich bevorzugt, kann hier durchaus zuschlagen.

Review Overview

Wertung - 7.5

7.5

Retro-Flair mit Schönheitsfehlern

Es gibt Spiele, die machen Spaß, wenn man nicht zu genau über ihre Fehler nachdenkt. Lost Sphear passt genau in diese Kategorie. Als jemand, der regelmäßig die alten JRPG-Erfahrungen vermisst und kein großer Freund der modernen Versuche ist, das Genre durch allerhand Formelveränderungen ins Heute zu holen, hat der Titel zunächst einmal vor allem wohlige Retro-Gefühle ausgelöst: Lineares Storytelling, ein Fokus auf die Geschichte, ein dann doch nicht zu überladenes Kampfsystem, das sich sowohl vertraut anfühlt (ATB), aber seine eigenen Möglichkeiten mit sich bringt. Erst nach und nach traten die negativen Punkte deutlicher hervor: Die Party blieb eher generisch, statt mir so richtig ans Herz zu wachsen; Gameplaysysteme, die auf den ersten Blick gut klingen, aber bei denen man sich dann schlussendlich fragt, ob sie a) den Aufwand wert sind oder b) zum jetzigen Zeitpunkt im Spiel etwas bringen; endlose Dialoge, bei denen man eigentlich schon zur Halbzeit verstanden hat, worum es geht; und nicht zuletzt das Backtracking zu schon bekannten Orten und einige Hol-/Bringquests, bei denen wohl nicht nur ich das Gefühl hatte, sie sollen vor allem die Spielzeit strecken. Und so bleibt ein gespaltenes Fazit: Das Old-School-Feeling wurde gut eingefangen und wird Fans der Klassiker begeistern, aber für das nächste Spiel der Tokyo RPG Factory würde ich mir vor allem ein besseres Story-Pacing und weniger, dafür sinnvoller eingesetzte Gameplayfeatures wünschen.

User Rating: 4.25 ( 2 votes)
Genre: JRPG
Entwickler: Tokyo RPG Factory
Preis: ca. 50 Euro
System: PS4, Switch, PC
Erscheint: Erhältlich

Bei Amazon kaufen und SHOCK2 unterstützen:

Tags

Florian Scherz

Bereits früh entwickelte Florian zwei große Leidenschaften: Videospiele und Theater. Ersteres brachte ihn zu einem Informatikstudium und zu Jobs bei consol.MEDIA und Cliffhanger Productions; zweiteres lässt ihn heute (unter anderem) als Schauspieler, Regisseur, Komponist und Lichtdesigner arbeiten. Wenn er gerade keine Musicals inszeniert, spielt oder schreibt, vermisst er auf Shock2 Videospiele von anno dazumal in seiner Blog-Reihe "Spiele, die ich vermisse".

Related Articles