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Preview: Das Resident Evil 2 Remake im Hands-On

Rückwärtsgewandtes Grauen für Retronauten: "Resident Evil 2" ist auferstanden

1998 revolutioniert Capcom mit dem zweiten Resident Evil das Horrorspiel – 20 Jahre später verpasst es den Untoten eine zumindest visuelle Frischzellenkur. Aber was ist dem Gameplay? Sorgt die Rückkehr der lebenden Toten nach so langer Zeit noch für gepflegte Gänsehaut – oder ist Resident Evil 2 nur noch… Gammelfleisch?

Die Retrowelle rollt mit unverminderter Wucht – und jeder möchte ein bisschen mit-surfen. Rein in die enge Kluft, dann noch schnell das Board wachsen – und mit Gebrüll rauf die Welle. Mitten in die spritzende Gischt. Und dann möglichst fix zur Krone – wo man von allen gesehen wird. Nur: Da streiten sich bereits etliche auf Pixel-Grafik spezialisierte Indies um die vorderen Plätze. Und neuerdings natürlich auch jene Publisher, die schon früher mit von der Partie waren. Bei denen in grauer Games-Vorzeit genau diejenigen Spiele erschienen sind, deren Reiz man jetzt neu einzufangen versucht – und die es bis vor einigen Jahren noch peinlich verpennt haben, den Retro-Trend zu erkennen. Die sich auf Blockbuster-Dauerfeuer eingeschossen und darüber versäumt hatten, ihr eigenes, traditionsreiches Erbe zu verwalten. Für die ein „Caslevania“ oder ein „Final Fantasy“ in erster Linie Marken waren, die es regelmäßig mit Fortsetzungen im Eskalations-getriebenen Breitwandformat zu befeuern galt, während die Vorgänger nur noch ausrangierter Sondermüll waren.

Darf im Remake gespielt werden: Ada Wong

Doch inzwischen ist man auch in den Chefetagen dieser einstigen Riesen auf die Idee gekommen, dass man es der Film-Industrie gleichtun und mit den Superhits von gestern auch heute noch richtig Geld verdienen kann. Im Falle von Capcom hat die Remake-Spirale sogar eine gewisse Tradition: Neuauflagen hat der Hersteller seinen Horror-Oldies bereits auf dem Gamecube spendiert – noch lange bevor man sich an Neuauflagen von „Devil May Cry“ versuchte. Für Nintendos glücklosen Daddel-Würfel hat man 2002 das Original-„Resi“ in eine neue, wesentlich ansehnlichere Grafik-Generation befördert, vor rund drei Jahren dann für aktuelle Spiel-Gerätschaften und TV-Geräte hochskaliert. Bei den Fans und insbesondere jüngeren Gamern ist das Remake des Remakes allerdings nicht durchweg gut angekommen: Das Retro-Gameplay mag sich vor über 20 Jahren revolutionär angefühlt haben – doch heute wirkt es oft statisch und unnötig kompliziert. Und erinnert uns in seinen schwächsten Momenten auf unangenehme Weise daran, dass manches in unserer Erinnerung großartiger erscheint als es das vielleicht war. Oder zumindest heute ist.

Die unabhängig voneinander spielbaren Kampagnen von Claire und Leon folgen einem ähnlichen roten Faden

Um derartigen Probleme vorzubeugen, hat sich Capcom im Falle seines Resident Evil 2-Remakes für einen anderen Weg entschieden: Shock2 durfte die Wiederkehr des Grusel-Klassikers spielen, die Capcom selber vor Ort als den bei Fans beliebtesten und „ikonischsten“-Serien-Teil bezeichnete. Darum hat man das schaurige Spektakel auch von Grund auf neu konstruiert: Mit hochauflösenden Texturen, wunderbar plastischen Figuren und filmisch animierten Protagonisten ist der Horror-Trip durch Raccoon City endlich in der Grafikmoderne angekommen. Außerdem hat Capcom einige Story-Stationen des Originals behutsam verändert oder ausgebaut, damit auch Serien-Profis etwas Neues zu sehen bekommen – aber das Gameplay des Klassikers hat man fast schon zu sparsam bearbeitet.

Sieht im Remake aus wie die Scream-Queen aus einem Teenie-Horrorfilm: Claire Redfield

Klarer Fall: Das neue Resident Evil 2 ist nicht die von vielen gewünschte Neuerfindung des Grusel-Oldtimers, sondern ein reines Remake. 2018 bewegen sich Claire Redfield und Leon Kennedy vielleicht nicht mehr ganz so behäbig wie 1998, aber die Kontroll-Mechanismen von damals sind ebenso intakt geblieben wie das sperrige Inventar-Handling oder die Rätsel-Logik, die uns nach wie vor verschiedenförmige und -farbige Schlüsseln suchen lässt. Immerhin hat man das Puzzle-Angebot um einige moderne Elemente erweitert – wie einen Scanner, mit dem die jetzt spielbare Ada Wong Mauern durchleuchtet, um die dort verborgenen Leitungen zu hacken.

Bedrohlicher denn je: die Flucht vor dem „Tyrant“

Ebenfalls positiv: Anstelle von festgestellten Kamera-Blickwinkeln gibt es diesmal eine zeitgemäße und wesentlich bequemere „Über die Schulter“-Perspektive. Einfacher wird der Kampf gegen zerfallende Zombies und Zungen-peitschende, reißzahnbewehrte Monstrositäten dadurch aber nicht: Wenn einer der stöhnenden und zähnefletschenden Komposthaufen auf Euch zu wankt, ist Fersengeld oft die beste Taktik – denn bis die fauligen Fleischberge umkippen, schlucken sie oft ein komplettes Magazin. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass jeder Schuss mitten in die entstellte Visage geht.

Funktionieren heute visuell besser als früher: Wandelnde Komposthaufen wie dieses Monster aus der Kanalisation

Und die Ressourcen? Die sind immer noch so knapp, dass Ihr Euch über jeden Fund freut, als wäre er ein Sechser im Lotto – gerade bei Munition und Heil-Gegenständen herrscht chronischer Mangel. Ergo: „Resident Evil“ zelebriert genau die Sorte „Survival-Horror“, die es vor so langer Zeit erfunden hat – mitsamt der berüchtigten „Panzer-Steuerung“, die es zwar dezent beschleunigt, aber nicht wesentlich modernisiert. Wer es also auf einen kosmetisch verschönerten, aber sonst wunderbar altmodischen Trip in die Vergangenheit des interaktiven Horrors abgesehen hat, der darf sich auf das für den 25. Januar (PC, PS4, Xbox One) angekündigte „Resi 2“-Remake freuen wie ein Zombie-Schnitzel. Wer sich von der Rückkehr der torkelnden Toten allerdings die Sorte Modernisierung erhofft hat, die z.B. Resident Evil 7 in ein hautnahes und deshalb besonders unheimliches Erlebnis verwandelt, der ist hier falsch.

Figuren wie Waffenladenbesitzer Kendo kamen schon im Original vor, doch jetzt haben sie eine prominentere Rolle

Denn Resident Evil 2 ist ein Splatter-Abenteuer, das Euch souverän aufzeigt, warum Horror-Spiele früher so viel Spaß gemacht haben und das dabei obendrein kräftig aufs Grafik-Gaspedal drückt. Doch gleichzeitig frustriert es uns mit jeder Menge altbackenem Design-Ballast und massig Sudden-Death-Situationen. Lässt uns beim falschen Button-Kommando zwischen den Kiefern eines gigantischen „Kanaligators“ oder als verbrutzeltes Hack-Steak in einem übergroßen Krematorium enden. Allesamt Momente, die sich heute eher nach Design-Schnitzer als nach beabsichtigter Stellschraube für den Schwierigkeitsgrad oder die allgemeine Erlebnis-Intensität anfühlen. Ebenso wie das konsequent auf Retro-Feeling gebürstete Handling, das nur noch deshalb zum moderneren Look des Spiels passt, weil Capcom statt fotorealistischer Optik stilvolle Arcade-Grafik zelebriert. Wie in Code Veronica. Wirklich gruselig ist das zwar nicht – aber dafür eben ganz wunderbar altmodisch. Auf eine angenehm ansehnliche Weise.

Und wer auch bei dieser Retro-Referenz lauthals „YEY!!!“ schreit, während er in einer Hand das Auge hält, dass ihm gerade aus dem Kopf gefallen ist, der ist hier definitiv richtig aufgehoben. Unser Empfehlung an die „Code WAAAAAS?“-Sager dagegen: Geht bitter weiter, hier gibt es nichts zu sehen – und vor allem nichts zu spielen, was Euch interessieren könnte.

Das Remake von Resident Evil 2 erscheint am 25. Jänner für PlayStation 4, Xbox One und Windows PCs.

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Robert Bannert

Mit rund 25 Jahren Branchen-Erfahrung gehört Robert Bannert – Spielstart 1974 in Köln – zu den erfahrenen Spiele-Redakteuren im Lande. Seitdem er 1994 bei der MAN!ACRedaktion in die schreibende Zunft einstieg, fährt er zweigleisig – als Autor und als Grafiker. Nach einem zweijährigen Gastspiel als der deutsche Abe bei GT Interactive und Oddworld Inhabitants besetzte Robert bei diversen GamesPublikationen („fun.generation“, „players“, „PC JOKER“) den Posten des Chefredakteurs, danach rief er mit „elektrospieler“ seine eigene Print- und OnlinePlattform ins Leben, deren Herausgeber er bis heute ist. Robert lebt mit einem mehrere tausend Titel starken Spiele-Archiv, ebenso vielen Comics und umfassendem Konsolen- bzw. Handheld-Fuhrpark im bayerisch-ländlichen Mering, gemütlich gelegen zwischen Augsburg und München. Robert ist seit 20 Jahren bekennender Mac-User – seinen Spiele-PC wirft er vor allem für Adventures und Indie-Games an, ansonsten greift er lieber zum Konsolen-Pad.

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