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Marvel’s Spider-Man im Hands-On

Mit großer Lizenz kommt große Verantwortung

Marvel-Fans mussten, wenn es um Videospiele ging, in den letzten Jahren stark sein. Zwar wurde Marvel Games gegründet, aber anders als die Marvel Studios im Filmbereich gab es statt AAA-Produkten vor allem Durchhalteparolen und lizenzierten Free2Play-Schrott. Mit der Ankündigung von Marvel’s Spider-Man änderte sich die Stimmung jedoch sehr schnell. Sony hat in den letzten Jahrzehnten im Kino maßgeblich dazu beigetragen, dass Spider-Man immer noch der bekannteste Marvel-Held ist. Mit Insomniac Games arbeitet ein Entwicklerteam an dem Spiel, das durch seine Historie mit Ratchet & Clank aber auch zuletzt mit dem schnellen Sunset Overdrive geradezu ideal für das Projekt scheint.

Das sieht auch Bill Rosemann so. Der langjährige Marvel Mitarbeiter und Spider-Man-Fan baut in Los Angeles nun die Videospiel-Sparte für das „Haus der Ideen“ auf und freut sich über die sehr enge Zusammenarbeit. Das bestätigt im Interview auch Creative Director Bryan Intihar: „Die Büros liegen nur rund 15 Minuten auseinander, wir tauschen uns ständig aus und es gibt keinen größeren Spider-Man-Fan als Bill. Er hat seinen Sohn Peter genannt!“. Erst diese Woche wurde bekannt gegeben, dass Marvel’s Spider-Man den Gold-Status erreicht hat und damit pünktlich am 7. September erscheint. Wir sind nach Berlin geflogen und haben nicht nur mit Bryan Intihar gesprochen, sondern auch die ersten drei Stunden des Titels gespielt.

Creative Director und eingefleischter Spider-Man Fan Bryan Intihar beantwortete gut gelaunt unsere Interview-Fragen

Zu viel möchte ich über die Handlung des Spiels erst gar nicht verraten, denn schon nach kurzer Zeit erwarten euch einige tolle Überraschungen, die bis jetzt nicht bekannt sind. Denn Insomniac Games hat eine komplett neue Version der Spider-Man-Geschichte geschaffen – vergleichbar mit „Ultimate Spider-Man“, jener Comicserie, in der Brian Michael Bendis zwischen 2000 und 2011 eine modernisierte Version des Wandkrabblers definierte. Und so erleben wir zu Beginn des Spiels einen Peter Parker, der seit etwa acht Jahren als Spider-Man der Unterwelt von New York ordentlich Sorgen bereitet.

Schon die erste Mission hat es in sich, denn Wilson Fisk alias Kingpin muss gestellt werden. Es kommt zum großen Showdown im TrumpFisk-Tower und der Kingpin landet im Gefängnis. Er hinterlässt jedoch auch ein Machtvakuum, das von Superschurken und Ganoven gefüllt werden möchte. Nur gut, dass Norman Osborn (Green Goblin) hier erstmal als Bürgermeister auftritt und auch sonst nicht jeder die gewohnte Rolle hat. So ist Peters Ex-Freundin Mary Jane Watson keine Schauspielerin, sondern investigative Journalistin und Miles Morales (in den Ultimate Comics der neue Spider-Man nach Peters Tod) tritt als Freund und Arbeitskollege von Tante May in einem Obdachlosenheim auf. Dieses wird von Martin Li geleitet, der in den letzten Jahren viel Gutes für die Ärmsten der Armen getan hat. Dass dieser auch hinter der Maske von Mr. Negative steckt, der mit seinen Inner Demons-Schergen die Stadt übernehmen möchte, wird Peter noch in ein ordentliches Dilemma stürzen.

Lead-Autor Jon Paquette wird für die Story von erfahrenen Veteranen wie Christos Gage (Buffy-Comics, Netflix’ ) oder auch dem langjährigen Spider-Man-Autor Dan Slott unterstützt. So dürfte eine actionreiche, aber gleichermaßen emotionsgeladene Story herausgekommen sein, die den bekannten Marvel-Charakter perfekt einfängt. „Spider-Man ist dann am besten, wenn Spidey mit Peter Parker in Konflikt kommt und genau das wollen wir perfekt einfangen, du hast erst den Anfang gesehen und an der Oberfläche vieler Verwicklungen gekratzt, die Peter an seine Grenzen führen wird, wir wollen, dass der Spieler mitfiebert, mittriumphiert und mitleidet“, prophezeit Bryan Intihar im Interview.

Thwip, Thwip, Thwip

Ein gutes Spider-Man-Spiel steht und fällt mit der Steuerung. Wie fühlt es sich an, wenn man durch New York schwingt? Wie schnell ist das Kampfsystem? Nach dem ersten Trailer gab es gar die Befürchtung, dass es sich um kein „echtes Spiel“ handelt, sondern Kämpfe hauptsächlich über Quicktime-Events ablaufen könnten. Die Entwickler haben ihre Hausaufgaben gemacht. Denn es gibt auch das eine oder andere Quicktime-Event, das Kampfsystem ist allerdings sehr ausgereift. Zudem könnt ihr mit Gadgets und Upgrades den Spinnenmann auch nach euren Vorlieben anpassen. Klar hat man sich vom Freeflow-System aus den Batman Arkham-Spielen inspirieren lassen, doch Spidey ist nicht der Mitternachtsdetektiv und so gibt es zahlreiche neue Elemente. Wenn ein Feind in die Luft geschleudert und dort mit Schlägen und Tritten bearbeitet wird, erinnert das eher an Dante in Devil May Cry als an den dunklen Ritter.

Akrobatisch weicht ihr gegnerischen Attacken aus und nützt Spider-Mans Netz auf unterschiedliche Art und Weise. Da wird ein Ziegelstein schnell auf den Gegner geschleudert, der Nächste für einige Sekunden eingesponnen und damit gelähmt. Je mehr Fähigkeiten freigeschaltet werden, desto abwechslungsreicher wird das Gameplay. Ihr könnt zum Beispiel einen Gegner mit einem Schlag in die Luft befördern und statt auf ihn einzuschlagen oder ihn auf den Boden zu schmeißen vorher einspinnen. Schlägt der Gegner nun auf den Boden auf, bleibt er zuckend kleben und ist damit aus dem Spiel genommen. Spätestens, wenn ihr auch noch die zahlreichen Gadgets ausprobiert und modifiziert, gibt es kaum noch Grenzen im Kampf. Da gibt es etwa den genialen Trip Wire. Dieser kann an die Wand geklebt werden. Läuft ein Gegner vorbei, wird er blitzartig an die Wand gezogen und eingesponnen. Die Spider-Drone hingegen kann im Kampf losgeschickt werden, um Gegner automatisch mit Netz-Projektilen zu beschießen.

Fast noch wichtiger als das Kämpfen ist natürlich das Schwingen. Dieses wurde wahrlich fantastisch umgesetzt, es fühlt sich absolut fließend an und war für uns auch der Hauptgrund, um neben den Story-Aufgaben auch Nebenquests zu erledigen, für die wir noch einige Blocks weiter schwingen mussten. Seid ihr im vollen Schwung, verschwimmt die Umgebung und der Wind pfeift euch um die Ohren – zusammen mit dem epischen Soundtrack ein tolles Gefühl. Dabei wurde darauf geachtet, dass eine Physikengine und an Gebäuden klebende Netzfäden für „Realismus“ sorgen.

Ihr könnt kopfüber einen Wolkenkratzer hinabstürzen, im letzten Moment einen Netzfaden abfeuern, einen Wallrun um die Ecke starten und vieles mehr. Grandios und vor allem auch nicht automatisch beherrscht ihr den Umgang mit den Netzdüsen schon nach kurzer Zeit perfekt und wisst, wie ihr Schwung, Geschwindigkeit und Winkel optimal einsetzen könnt um auch scharfe Kurven perfekt zu erwischen oder innerhalb weniger Sekunden auf der Spitze des Empire State Building oder des ebenfalls im Spiel vorhandenen Avengers Tower zu stehen.

„Du weißt wer ich bin … die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft.“

Neben den zur Hauptstory gehörenden Missionen warten in New York unzählige Nebenmissionen. Da ein Banküberfall, dort ein Geiseldrama, die mal schnell mal aufwendig gelöst werden wollen, so kann ein Banküberfall auch einmal in einer wilden Verfolgungsjagd münden. Um diese Aufgaben auf der Minimap als Symbole angezeigt zu bekommen und den passenden Polizeifunk zu hören, müsst ihr zuvor den für das Viertel zuständigen und durch einen Hacker lahmgelegten Überwachungsturm in FarCry-Manier wieder ans Netz bringen. Dann seht ihr auch alte Rucksäcke, die Peter in der ganzen Stadt in den letzten Jahren versteckt hat, um Ersatzklamotten zu haben, findet ihr eine dieser Taschen, bekommt ihr auch Storyschnipsel serviert, die ein wenig in die Geschehnisse der letzten acht Jahre vor den Ereignissen im Spiel eintauchen lassen.

Außerdem warten noch Fotomissionen auf euch, Aufgaben, die von Black Cat oder der Taskmaster gestellt werden und die ein wenig an die Riddler-Rätsel aus Batman: Arkham City erinnern. Selbst in Peters Beruf als Wissenschaftler könnt ihr mit Logik-Puzzles zusätzliche Abwechslung und dringend benötigte EP-Punkte einsammeln. Diese tauscht ihr in einem Skilltree gegen verschiedene Kampf-, Schleich- und Schwung-Fähigkeiten ein, die das Spiel individualisieren lassen.

Spider-Man-Fans kommen zudem bei den rund 25 verschieden Kostümen auf ihre Kosten, die ihr dank eines in Nebenmissionen, wie das Reparieren eines kaputten Wassersystem, verdienten Token craften könnt. Diese sind ebenfalls nicht reine Kosmetik, sondern schalten zusätzliche Fähigkeiten frei, haben aber auch ihre Schwächen. So hat der Punk-Spider-Man etwa eine E-Gitarre, die Druckwellen verschießen kann, oder der Spider-Man aus den Noire-Comics besondere Stealth-Fähigkeiten und taucht das Spiel in stimmungsvolles Schwarzweiß.

Egal ob PS4 Pro oder normale PS4: Das Spiel läuft immer mit konstanten 30 Bildern in der Sekunde. Pro-Besitzer bekommen allerdings mehr Details und Effekte zu sehen. Bei unserem Anspielen auf einer PS4 Pro lief das nicht nur flüssig, es sah auch bereits fantastisch aus. Zu nächtlicher Stunde am beleuchteten Time Square oder kurz vor Sonnenuntergang mit Blick über den Central Park: New York zeigt sich von seiner besten Seite. Licht- und Wettereffekte zeigen genauso wie die detaillierten Charaktere und Animationen, was man 2018 noch aus der PS4 herausholen kann.

Marvel’s Spider-Man sieht verdammt gut aus, echte Wunder darf man aber nicht erwarten. Zwar wird durch sehr viel Zufall bei den Missionen und ihren Folgen eine gewisse Lebendigkeit erzeugt, sieht man genauer hin, wirken gerade viel Passanten wie sooft oft im Genre eher ziellos. Bei der Geschwindigkeit, mit der Spidey unterwegs ist, freut ihr euch über ein High-Five eines Briefträgers und eilt schon zum nächsten Auftrag. Und da ist ja auch schon der nächste Bericht von J. Jonah Jameson im Fernsehen, der zwar erwähnt, dass ihr gerade jemanden gerettet habt, aber es dennoch schafft, euch auch so richtig schlecht dastehen zu lassen.

Ersteindruck

Die Zeit bis zur Veröffentlichung Anfang September wird hart, denn die ersten Stunden haben nicht nur einen hervorragenden Eindruck hinterlassen, ich möchte, so bald wie möglich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Insomniac Games hat nicht das Rad neu erfunden, schon zuvor gab es einige sehr gute Spider-Man-Spiele mit einer offenen Welt, Marvels Spider-Man hat aber das Zeug, das bisher beste Game rund um die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft zu werden – oder zumindest ein sehr gutes.

Denn ihr seid hier nicht einfach Spider-Man, sondern eben auch Peter Parker und müsst den Job als Wissenschaftler, das Privatleben und nicht zuletzt den „Nebenjob“ als Superheld unter einen Hut bringen. Hier hat man verstanden, wann Spider-Man-Geschichten am besten funktionieren und kombiniert diese Tugenden mit einem technisch atemberaubenden Spiel und der für Insomniac Games typischen Manie für besondere Gadgets und Charaktere.

Marvel’s Spider-Man erscheint am 7. September exklusiv für die PlayStation 4.

Noch mehr Hands-On-Eindrücke gibt es in der nächsten Sendung des SHOCK2 Podcast ab dem 5. August.

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