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Kolumne: Pokémon GO Plus – Geburt der OAP

Ich bin ein Wal. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich bin doch tatsächlich zum Wal geworden. Zwar gibt es weitaus größere Wale als mich, aber die Lage ist klar. Ich bin ein Wal. Denn ich habe mir das Pokémon GO Plus gekauft. Für 45 Euro.

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Als ein Wal werden all die Spieler beschrieben, die im Vergleich zum Durchschnitt viel mehr Zeit und Geld in kostenlose Spiele investieren. Die Rede hier ist nicht von 5 Euro. Die Rede hier ist von ungefähr 40 Euro (bis unendlich Euro) aufwärts, auch monatlich. Wale sind überlebenswichtig für die Industrie. 10% der kompletten Spielerschaft generiert 70% der Erlöse aus In-App-Purchases, also Käufen innerhalb des Spiels. Aus diesem Grund ziehen Entwickler alle Register und versuchen trickreich neue Spieler anzulocken, sie zum Kauf von digitalen Gütern zu überreden und möglichst lange bei Laune zu halten. Schon mal gefragt, warum es am Anfang von z.B. Clash of Clans kostenlose Juwelen zum Überspringen von Wartezeiten gibt, die plötzlich Geld kosten? Warum sich in vielen F2P-Spielen Freunde einladen lassen, mit denen sich Highscores vergleichen lassen? Warum es ständig irgendwelche Truhen gibt, die man öffnen kann? Warum es jedes Wochenende irgendein Event mit doppelten Erfahrungspunkten oder neuen Grafiken für die Feiertage gibt? Warum ein F2P-Spiel eigentlich nie endet?

Die Antwort: Wale.

Und dann gibt es da noch dieses Pokémon GO. Der Sommerhit 2016 hat die App Stores kräftig durchgerüttelt und einige Regeln dabei einfach ignoriert. Keine App kann überleben, wenn sie nicht im Hintergrund laufen kann, dachte man. Keine App wird konstant viele Spieler halten können, wenn es keinen Bonus für die regelmäßige Nutzung gibt, dachte man. Keine App kann viel Geld machen, wenn man nicht aggressiv auf Walfang geht, dachte man. Auch Pokémon GO bietet IAP an und geht dabei einen gewohnten Weg. Durch echtes Geld lässt sich eine Zwischenwährung kaufen, die Pokémünzen, mit denen man sich wiederum Items im Spiel kaufen kann.

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Für ein F2P-Spiel ist Pokémon GO fair aufgebaut, dessen Regeln auch einleuchten. Wer spielen will, muss zahlen. Ohne Pokébälle geht kaum etwas. Das kennt man aus den Spielen und der Serie. Im Gegensatz zu anderen F2P-Spielen, in denen man plötzlich 24 Stunden für das Öffnen einer Truhe oder Fertigstellung eines Gebäudes warten muss, ergibt diese Gängelung hier Sinn (die für Spieler in der Stadt dank kostenloser Pokébälle ohnehin nicht existiert). Zudem lassen sich keine Bonbons (mit diesen Items lassen sich Pokémon weiterentwickeln), keine Eier (aus diesen schlüpfen Pokémon) oder einfach ein paar gegangene Kilometer dazukaufen. Und trotzdem werfen Leute immer wieder Geld in diese App. Doch damit nicht genug, Nintendo veröffentlicht mal eben die neuste Innovation in Sachen Walfang. Das Pokémon GO Plus.

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Digitale Güter decken eine Diskrepanz in unserem Konsumverhalten auf. Wir sind dazu bereit, Hunderte an Euro für Konsolen, Handys und Tablets auszugeben. Bei Apps, Spielen oder digitalen Gütern generell ist die Schmerzgrenze hingegen schnell erreicht. 800 Euro für das neue iPhone sind ok, 10 Euro oder auch nur 5 Euro für ein iOS-Spiel hingegen nicht. Kostenpflichtige iOS- oder Android-Spiele, auch Premium Spiele genannt, sind nur noch eine Nische. Entwickler wissen das, darum ist der Großteil der App Store-Spiele kostenlos und bieten IAP an. Bei 79 Cent geht es los und endet beim zynischen “Best Value” für 99 Euro. Doch nehmen wir einfach mal an, eine IAP wäre nicht digital, würde das Spielerlebnis verbessern und sähe auch noch recht nett aus. Wären dann mehr Leute dazu bereit, Geld für ein kostenloses Spiel auszugeben?

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Das Pokémon GO Plus, eine Out-Of-App-Purchase (OAP), ist überall restlos ausverkauft. Plötzlich haben Leute 45 Euro für ein F2P-Spiel bezahlt. Ein Großteil von ihnen dürfte in allen anderen F2P-Spielen zusammengenommen nicht mal ansatzweise diese Geldmenge ausgegeben oder ernsthaft darüber nachgedacht haben. Für Nintendo und Niantic ist das Plus ein Segen. Nintendo stellt Spielzeug her, kennt sich bei der Produktion aus und hat gute Beziehungen zum Handel. Das Gerät an sich dürfte spottbillig in der Herstellung sein und wird sich trotzdem gut verkaufen. Die Erlöse stellen Nintendo-Anleger zufrieden, die sich mehr Geld aus dem Pokémon GO-Hype erhofft hatten. Niantic wiederum freut sich über konstante Spielerzahlen und neue Power-User. Wer sich ein 45 Euro teures Gerät nur für das Spielen von Pokémon Go kauft, wird mit dem Spielen nicht so schnell aufhören.

Knapp drei Monate nach Launch fasziniert Pokémon GO immer noch. Die technisch und spielerisch unscheinbare App bricht sämtliche Rekorde, findet sich auf der Bühne der Apple-Konferenz wieder und steht plötzlich im Handel. Hinter alledem steht eine der größten Unterhaltungsmarken unserer Generation: Pokémon. Ohne die kleinen Monster wäre all dies kaum möglich gewesen und trotzdem dürften sich alle anderen F2P-Entwickler den Erfolg von Pokémon GO Plus ganz genau anschauen. Mal eben ein Gerät für den Handel zu entwickeln und zu veröffentlichen, ist leichter gesagt als getan. Keine andere Marke kommt an Pokémon heran. Neu wäre die Präsenz im Handel für die großen Namen aber nicht. Minecraft ist in jeder Buchhandlung zu finden und Merchandise zu Clash of Clans gibt es auch. Augmented Reality ist aktuell in aller Munde, warum also nicht auf ein Clash of Clans in der realen Welt anbieten, mit einem Clash of Clans Plus.

Das Potenzial für OAP ist riesig und die Industrie fängt gerade erst an, sich auf die neue Post-Pokémon GO-Welt einzustellen. (kf)

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Notable Replies

  1. Avatar for Shadoc Shadoc says:

    Für 45€ bietet das Ganze viel zuwenig.
    Für Pokestops abfarmen vielleicht ganz ok, aber für mehr leider nicht zu gebrauchen.

  2. Wieso der Vergleich mit “Walen”? Das Teil ist ja ein reales Ding. Wale hau’n Geld in F2P Tieteln für virtuelle Güter raus.

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