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Kolumne: Nintendo Switch – Schrödingers Tablet

Ist Nintendo Switch ein Tablet? Großer Touchscreen = Tablet. Zwar gibt es links und rechts noch Knöpfe, aber die lassen sich ja auch abnehmen. Also ein Tablet. Aber Moment. Es wird keinen Browser für Switch geben. Und auch kein Netflix oder YouTube. Zum Launch wird es überhaupt keine mitgelieferte Software auf das Gerät schaffen. Also doch kein Tablet?
Netflix und YouTube werden schon kommen. Netflix abonnieren mittlerweile über 90 Millionen Menschen weltweit und Nintendo selbst wirbt auf YouTube mit eigenen Kanälen, mit Nintendo Minute, Nintendo Directs, der Katzen-Mario-Show. Es ist schon sehr unglücklich, diese beiden absoluten Standarddienste nicht zum Launch auf der Switch anbieten zu können und es wirft kein gutes Licht auf Nintendo. Vielleicht brauchen Google und Netflix einfach mehr Zeit für die Entwicklung der Apps. Einen Browser wird es hingegen wohl eher nicht geben. Durch Exploits ist die Wii U mittlerweile sperrangelweit offen für Hacker. Die Schwachstelle: der Browser. Gerade zu Beginn einer neuen Plattform ist Sicherheit wichtig.

Die fehlenden Multimedia-Apps sind aber nur Teil einer größeren Diskussion. The Verge zum Beispiel argumentiert, dass Nintendo hier eine “goldene Chance” verstreichen lässt. Das Argument klingt ja sehr einleuchtend. Nintendo veröffentlicht ein Tablet mit den bekannten Namen wie Mario und Zelda und kann so mit dem Apple iPad oder dem Amazon Kindle Fire konkurrieren. Ob das stimmt, verrät uns ein Blick auf den Tablet-Markt.

Status Quo

Unternehmen auf dem Tablet-Markt und ihre Marktanteile von Q2 2011 bis Q4 2016. (Statista)

Zwei Namen stechen hervor: Apple und Andere. Mit dem iPad hat Apple den modernen Tablet-Markt etabliert. Als Innovator sind so einige kompetitive Vorteile entstanden. Im Premiumsegment konnte sich kein Konkurrent fest neben Apple positionieren, wobei Samsung sich mit mehreren Tablets zu unterschiedlichen Preispunkten auch etablieren konnte.

Das andere Ende des Marktes hat kräftig Marktanteile an sich gerissen. Es sind die günstigen Android-Tablets. Schon ab 50 Euro lassen sich diese kleinen Tablets erwerben. Dabei fällt auf, dass die meisten von ihnen dieselben Komponenten verwenden. Der Markt war nicht vorbereitet auf den sprunghaften Anstieg der Tablet-Nachfrage. Große Mengen der Komponenten wurden schnell produziert, die Preise fielen. Wie es üblich ist für einen neuen Markt sind Anbieter dazu gekommen und es entbrannte ein Preiskampf. Das Ergebnis: kaum einer macht Geld. Viele der Tablets erzielen fast keinen Gewinn für die Unternehmen.

Auslieferungen von 7-Zoll-Tablets von 2011 bis 2013. (Statista)

Irgendwo dazwischen befinden sich mittlerweile die “Mid-Range” Tablets. Also weder spottbillig, aber auch kein Premium.

Wo genau würde Nintendo hier reinpassen? Mit Premium im technischen Sinne hat Nintendo nicht viel zu tun, wobei es nur Komplimente für die Verarbeitung der Switch gibt. Die neue Konsole fühlt sich wertig an, kann der Premiummarke Apple aber natürlich trotzdem nicht das Wasser reichen. Die Kundschaft, die aufgrund von Videospielen zu einer Switch statt zu einem iPad greifen würde, dürfte nicht allzu groß sein.

Auch im Billigsegment ist kein Platz für Nintendo. An hauchdünnen Gewinnmargen ist das Unternehmen nicht interessiert und mit einem Preis von ca. 300 Euro ist man um einiges teurer als die Konkurrenz mit Tablets für 50 Euro. Auch hier dürften Nintendo-Spiele nicht als Argument für die Switch reichen. Der größte Konkurrent im Billigsegment ist wohl Amazon. Mit dem Kindle Fire wird ein billiges Tablet mit Zugang zur Medienbibliothek Amazons verramscht. Am Verkauf verdient Amazon wohl kaum etwas, das Geld kommt über das Amazon Prime-Abo wieder rein. Mit Amazon Prime Video, Musik und den kostenlosen Underground Apps kann Nintendo nicht mithalten.

Bleibt also die Mitte, aber auch hier gibt es nicht viel für Nintendo zu gewinnen. Ältere iPads und das iPad Mini und Android Tablets bedienen hier schon den Markt.
Der Tablet-Markt schien eine Zeit lang festgefahren, bis die Unternehmen in neue Impulse investierten. Das 2-in-1-Design des Microsoft Surface verbindet Tablet und Laptop und hat mittlerweile einige Nachahmer gefunden, darunter auch Apple. Andere Tablets setzen auf größere Bildschirme oder verbauen einen Beamer in ihr Gehäuse. Nach dem anfänglichen Hype stagnierte das Wachstum und ging zurück, nun hauchen Innovationen dem Markt neues Leben ein. Vielleicht könnte Nintendo mit dem Fokus auf Videospiele solch eine Innovation in der Tasche haben. Tablets ähneln sich sehr, aber Konsolenspiele wie Mario und Zelda, das gibt es nur auf Switch. Klingt interessant, wäre da nicht ein großes Problem.

Kampf der Betriebssysteme

Auslieferungen der Tablets nach Betriebssystemen von Q2 2010 bis Q1 2015. (Statista)

Der Tablet-Markt ist auch der Markt der zwei Betriebssysteme iOS und Android. Ohne die offene Struktur von Android sähe der Markt ganz anders aus. Hersteller müssen sich keine Gedanken um ein neues Betriebssystem machen und passen Android ihren Wünschen entsprechend an. Der Google Play Store ist für das App-Angebot zuständig. Amazon geht einen anderen Weg und bietet einen eigenen Store an. Der ist zwar nicht so umfangreich wie Google Play, dafür haben Prime-Abonnenten aber Zugang zu Amazon Video, Musik und kostenlosen Spielen und Apps. Ein Trade-Off also, der sich für Amazon-Kunden lohnen könnte.

Für Nintendo-Kunden gibt es diesen Trade-Off aber nicht, Amazon ist in puncto Medien ganz klar Marktführer. Auch wenn Nintendo einen eigenen Store für Apps und Tablet-Spiele starten sollte, gegen die schier endlose Macht des App Stores und Google Play Stores könnte man nicht ankommen. Vor der Enthüllung der Switch war oft von Android und dem Google Play Store die Rede. Denn auch das ergibt auf dem Papier ja Sinn. Einfach Android benutzen, einfach den Google Play Store verwenden und so neben den eigenen Spielen auch Tausende Android-Spiele anbieten. Zelda und Clash Royale auf einem Tablet, das muss doch erfolgreich sein. Hier gibt es zwei weitere Probleme. Erstens muss jedes Unternehmen, das den Google Play Store anbieten möchte, eine Lizenz für die sogenannten Google Mobile Services einholen und diese Services auf dem Geräten zulassen. Die Lizenz an sich kostet nichts, wohl aber der Test für die Lizenz. Zu diesen Services gehören der Play Store, YouTube, Google Maps, Google Video, Google Musik und andere Google-Dienste. Zweitens verdient Google 30 Prozent an jeder verkauften App im Play Store. Es muss also schon gut überlegt sein, ob man diesen Deal eingehen möchte. Für die allermeisten Hardware-Unternehmen auf dem Tablet-Markt, gibt es keine Alternative und sie versuchen ihr Geld mit dem Verkauf von Hardware zu machen. Nintendo hingegen verkauft auch Software. Natürlich ist der eShop winzig im Vergleich zu Google Play, dafür behält Nintendo aber auch 100 Prozent der Umsätze für sich. Beide Shops parallel auf der Switch laufen zu lassen, dürfte an den restlichen Google-Diensten scheitern. Warum überhaupt eigene Hardware anbieten, wenn es im Endeffekt doch eh nur ein Google-Gerät ist? Vielleicht könnte die Switch ja trotzdem auf Android laufen und findige Nutzer könnten den Play Store “sideloaden”, ihn also auf inoffiziellen Wegen installieren. Das geht zum Beispiel auch auf dem Amazon Kindle Tablet. Warum auch das keine gute Lösung ist, zeigen die Sicherheitsschwachstellen Androids auf. Es gibt kaum noch kostenpflichtige Apps und Spiele auf Android, eben weil es so einfach ist, illegale Kopien zu installieren. Der Free-to-Play-Markt von Mobile-Games hat sich dementsprechend angepasst, mit den Vollpreisspielen Mario und Zelda von Nintendo hat das aber gar nichts zu tun.

Nische statt Substitut
Es bleibt Nintendo also nicht viel übrig, außer sein Heil in der Nische zu suchen. So wie es e-Reader für das Lesen von Büchern gibt, kann es auch die Switch für das Spielen von Videospielen geben. Auf der Suche nach einem Design für die Hybrid-Idee war ein Tablet mit herausnehmbaren Steuerelementen sicherlich das sinnvollste. Wer sonst eher abgeschreckt ist von Videospiel-Hardware, dürfte sich schnell an die Switch gewöhnen können. Ob nun Kinder oder Senioren, sie alle werden beim Anblick der Switch an ein Tablet denken. Aber sie funktioniert nicht wie ein Tablet. Der eShop wird nicht voller kostenloser Apps und Spielen sein, einen Browser wird es wohl nicht geben, einen Email-Client können wir uns von Nintendo wohl kaum erwarten, YouTube und Netflix schaffen es zum Launch auch nicht aufs Gerät und eigene Dienste für Filme, Musik und Bücher kann Nintendo auch nicht aufweisen. So kann man nicht mit anderen Tablets konkurrieren. Stattdessen muss sich Nintendo auf die eigenen Stärken konzentrieren. “Nein, der eShop ist nicht voller kostenlosen Spiele, dafür bieten wir aber die besten Spiele an und Entwickler haben ein sicheres Umfeld, um ihre Produkte zu guten Preisen zu verkaufen. Nein, einen Browser und Email-Client bieten wir nicht an, aber dafür habt ihr eh schon ein paar Geräte im Haus herumstehen und euer Handy habt ihr eh immer in der Hosentasche dabei.” Vielleicht wären Deals mit großen App-Entwicklern wie Supercell eine Idee, um speziell angepasste Versionen von Clash Royale oder Clash of Clans über den eShop anbieten zu können. Das wäre sicherlich keine Priorität für Supercell, aber einen Deal mit Nintendo lehnt man nicht sofort ab. Nutzer, die sich nicht für Produktivität auf ihrem Tablet interessieren, nicht Emails darauf lesen möchten, sich nicht für Tausende kostenlose Apps und Spiele interessieren und dazu bereit sind, 300 Euro für eine Nintendo-Konsole auszugeben, könnten angesprochen werden. Eine interessante Nische, auch wenn sie wenig mit der “goldenen Möglichkeit” des Tablet-Marktes zu tun hat. Hier entscheiden hauchdünne Gewinnmargen, Software, Tausende von kostenlosen Apps und Spielen und Medien-Ökosysteme über Marktanteile. Das ist nicht Nintendos Welt.

YouTube und Netflix sollten aber so schnell wie möglich nachgeliefert werden. Ein wenig Medien tun nicht weh. Wir haben das Jahr 2017.

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