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Kolumne: Japan – Auf der Suche nach dem Selbstvertrauen

“Die japanische Videospielindustrie ist am Ende.” Mit dieser Aussage brachte Keiji Inafune, Erschaffer von Mega-Man und Urgestein der Branche, im Jahr 2009 die versteckten Gefühle einer ganzen Industrie auf den Punkt. Japan fühlte sich abgehängt. Einst führende Unternehmen mussten mit ansehen, wie die Konkurrenz aus dem Westen mit Uncharted, Assassin’s Creed und Call of Duty die so stolzen japanischen Entwickler von der Spitze des Mediums verdrängten. Seien es technische Fortschritte oder Verkaufserfolge, Japan konnte nicht mehr mithalten. Natürlich wollte das niemand öffentlich zugeben und Inafune erhielt einiges an Kritik für seinen Vorstoß.

Drei Jahre später wiederholte er seinen Standpunkt jedoch und fügte hinzu, dass den japanischen Entwicklern der “Wille zum Sieg” abhanden gekommen sei.

Sprung ins Jahr 2017. Nioh, Nier: Automata, Persona 5, Zelda: Breath of the Wild, Resident Evil 7. Japan dominiert die Konversation. Sei es der gelungene Reboot der alteingesessenen Resident Evil-Reihe, der Überraschungsnachfolger zum Nischenliebling Nier oder Zeldas frische Interpretation des westlichen Open-World-Rollenspiels. Spielerisch hat sich Japan wieder nach vorne gekämpft. Wirft man jedoch ein Blick auf die Unternehmen und ihre aktuellen Herausforderungen, fällt es vielen immer noch schwer, sich in der neuen Welt zurechtzufinden.

Japanischen Unternehmen wird generell nachgesagt, Veränderungen erst langsam zu akzeptieren. Für den volatilen Videospielmarkt ist das oft zu langsam. Der Übergang zwischen SD und HD, der Übergang von esoterischer PS3-Hardware zu Standard-PC-Hardware, der Übergang von einer alten Engine zu einer neuen. Das alles kostet für jedes Unternehmen Zeit und Geld. Und doch scheint der Westen dynamischer bei all diesen Übergängen zu sein. Gerade bei den Engines ist aber ein Wendepunkt in Japan erkennbar. War die PS4-Ankündigung im Jahr 2013 noch voller japanischer Entwickler, die ihre neue Engine präsentierten, ist die Lage mittlerweile übersichtlicher geworden. Das liegt vor allem an der Unreal Engine 4. Statt eine eigene zu entwickeln, setzen viele Unternehmen mittlerweile auf die populäre Engine von Epic Games. Street Fighter V, Tekken 7, Kingdom Hearts 3, Dragon Quest XI, Final Fantasy VIII Remake und andere große sowie kleine Titel nutzen sie. Für Switch kooperierte Nintendo früh mit Epic Games, um die Unreal Engine 4 so schnell wie möglich für die Hybrid-Konsole anbieten zu können. Ein sicheres Zeichen dafür, dass auch Nintendo die Unreal Engine 4, neben der besonders bei Indies populären Unity Engine, als die Engine der Zukunft einstuft. Grund für diesen Sinneswandel dürften zu einem wirtschaftliche Realität gewesen sein. Eine eigene Engine kostet viel Geld und Zeit. Zum anderen hat sich die japanische Dokumentation für die Entwickler mit Unreal Engine 4 stark verbessert.

Aber für wen soll ein japanischer Publisher Spiele anbieten? Japan tickt anders als Europa oder die USA. Während in Deutschland der PC schon immer stark war, spielt der in Japan nur eine untergeordnete Rolle. Erst nach und nach entdecken Entwickler den PC für sich und immer mehr Spiele erscheinen auch für Steam, wie zum Beispiel Nier oder Ports von Bayonetta und Vanquish. Auch die Indie-Szene muss erst langsam aufgebaut werden. Konzepte wie Crowdfunding werden mit Argwohn beobachtet, bevor sie in Betracht gezogen werden.

Natürlich spielen die Konsolen eine Schlüsselrolle für den Markt, wobei die Xbox in Japan keine nennenswerten Absatzzahlen für sich verbuchen kann. Aber auch die PS4, so erfolgreich sie im Westen ist, kommt nicht in die Nähe des Marktführers, den 3DS, heran. Handhelds waren seit jeher die passende Plattform für die dicht zusammenlebende und pendelnde japanische Bevölkerung, aber auch hier zeigt sich, wie stark sich der Markt gewandelt hat. Nicht Handhelds bringen das meiste Geld, sondern Mobile. Der Markt der Smartphone-Spiele ist dreimal so groß wie der, der traditionellen Spiele. Japan hat viel mehr Erfahrung mit dem Free-to-Play-Mobile-Markt als der Westen. Keiner hat das Prinzip F2P derart perfektioniert. Das heißt auch, dass der Markt einen hohen Grad an Professionalisierung erreicht hat. Neue Titel können nur schwer Fuß zu fassen. Um überhaupt eine Chance zu haben, muss viel Geld für die Entwicklung, eine gute Marke angeboten und noch viel mehr Geld in das Marketing investiert werden. AAA-F2P-Games quasi. Platzhirsche wie Granblue Fantasy oder Puzzle & Dragons investieren Millionen in Werbung und dominieren die Charts. Wenn man nicht gerade Nintendo heißt und Fire Emblem oder eine ähnlich populäre Marke anbieten kann, wird es schon schwierig.

Trotz des vielen Geldes des Mobile-Marktes wollen viele den Konsolenmarkt nicht verlassen. Dort liegen immerhin Jahre der Erfahrung und Kernkompetenzen. Stellt sich aber wieder die Frage, für wen sollen japanische Publisher ihre Spiele anbieten? Mit welchem Budget? Für welche Plattformen? Mit welcher Zielgruppe? Wenn wir an große westliche Spiele denken, denken wir an GTA, Assassin’s Creed, Call of Duty. In Japan finden diese Spiele auch ihre Fans, doch sind die großen Namen andere. Yakuza, Monster Hunter, Dragon Quest, Final Fantasy. Der Shooter ist das populärste Genre in den USA, in Japan ist das Rollenspiel sehr beliebt. Was im Westen als veraltetes Gameplay bezeichnet wird, ist in Japan tagesaktuell und beliebt, wie man am Beispiel Monster Hunter gut erkennen kann. Diese kulturellen Unterschiede sind es, die den westlichen Markt für japanische Entwickler teilweise unerreichbar erscheinen lassen. Und das tut weh, denn Japan muss den Westen erreichen. Mit den immer steigenden AAA-Budgets muss der Westen angesprochen werden, damit sich das Geschäft am Ende lohnt. Und das versucht Japan ja auch. Resident Evil 5 & 6 versuchten es mit mehr Action statt Horror, Dead Rising 4 strich die Countdownmechanik, eigentlich ein integraler Bestandteil der Serie, Devil May Cry versuchte es mit einem neuen Protagonisten, über den die Fangemeinde immer noch hitzige Diskussionen führt. Manche Anpassungen funktionieren, viele nicht.

Mit GTA oder Minecraft kann man nicht konkurrieren und die eigenen großen Titel wie Final Fantasy und Kingdom Hearts benötigen aus irgendwelchen Gründen etliche Jahre, um veröffentlicht zu werden. Diese Ineffizienz gepaart mit der Herausforderung, Spiele mit riesigen Budgets auch für den größeren westlichen Markt anzubieten, führt so manches Unternehmen in die Sackgasse. Konami zog die Reißleine. Nach einem weiteren Metal Gear Solid-Epos von Kojima kehrten sie dem traditionellen Videospielgeschäft größtenteils den Rücken zu und konzentrieren sich nun auf Mobile- und Casino-Games. Dort kann man mehr Geld machen. Muss man nicht mögen, ist aber eine legitime Entscheidung.

Capcom hat eine turbulente Geschichte mit Street Fighter V hinter sich, eigentlich eine Schlüsselmarke. Monster Hunter verkauft sich immer noch gut. Der gelungene Reboot Resident Evil 7 wurde von Presse und Spielern gleichermaßen gelobt, blieb verkaufstechnisch aber hinter den (vielleicht zu hoch gesteckten) Erwartungen zurück. Dead Rising 4 enttäuschte auf der ganzen Linie und auch Monster Hunter: Stories, das kinderfreundliche Spin-off der Serie, blieb hinter den Erwartungen zurück. Und Deep Down? Wo ist das eigentlich abgeblieben?

Square Enix rudert von einem Mammutprojekt ins nächste. FFXV ist endlich fertig, jetzt lässt Kingdom Hearts 3 auf sich warten. Immerhin lassen Dragon Quest und das FFVII Remake guten Fortschritt erahnen. Square Enix sorgte diese Woche aber mit einem anderen Studio für Gesprächsbedarf. IO Entertainment, das dänische Entwicklerstudio von Hitman, wird verkauft. Warum? Hitman erschien in Episoden und kam gut an, anscheinend waren die Verkäufe aber nicht gut genug. Stutzig macht es aber schon, dass eines der westlichen Studios verkauft wird. Das könnte etwas mit dem Deal zwischen Square Enix und Marvel zu tun haben. Vielleicht gab es einfach keinen Platz für die Dänen in diesem Megadeal, wobei auch das eher stutzig macht. Es wird doch sicherlich einen schleichenden Superhelden geben, für den IO Entertainment ein Spiel entwickeln könnte.

Es gibt aber noch einen japanischen Entwickler, der aber irgendwie keiner ist. Nintendo. Scheinbar spielerisch balancieren die Japaner zwischen den Heimatmarkt und dem Westen. Zwischen AAA-Spielen wie Zelda, 3DS-Spielen wie Kirby und Mobile-Games wie Fire Emblem. Nintendos großer Vorteil sind mal wieder die Marken. Ein Mario kommt im Westen und in Japan gut an. Ein Fire Emblem kann mit den großen Mobile-Marken auf dem F2P-Markt konkurrieren und Pokémon hat sich sowieso über Generationen als eine der größten Marken der Medienindustrie etabliert. Aber auch Nintendo erkennt die Zeichen der Zeit und passt sich an. Breath of the Wild ist inspiriert vom populären West-RPG Skyrim, Minecraft für die Switch war sicherlich eine der höchsten Prioritäten für die junge Plattform und auch die Unreal Engine 4 wurde mittlerweile von den eigenen Entwicklern gemeistert, wie Miyamoto das im Gespräch mit Investoren formulierte.

Es wäre Japan zu wünschen, wenn die aktuelle Welle des Erfolges anhalten würde. Technische Faktoren haben die Entwickler eine Zeit lang stagnieren lassen. Nun scheinen diese Hindernisse überwunden zu sein. Doch auch marktwirtschaftliche Faktoren machen den Japanern das Leben schwer. Ein übermächtiger F2P-Markt, immer schwierigere AAA-Verhältnisse. Lösungsansätze gibt es. Kooperationen mit anderen Unternehmen können helfen. Capcom kooperierte mit Sony für Street Fighter V, ebenfalls munkelt man von einem Deal zwischen Capcom und Sony für Monster Hunter. Selbst Head of Xbox Phil Spencer reiste persönlich nach Japan auf der Suche nach Partnern. Auch Lizenzen bringen Sicherheit. Der Deal zwischen Square Enix und Marvel könnte sich zum Beginn eines neuen Trends entwickeln, da er gerade Square Enix die Chance bietet, mit global beliebten Charakteren und Marken zu arbeiten. Ebenso nicht zu unterschätzen ist die Switch, mit der Nintendo vielen Kollegen eine Plattform anbietet, bei der es nicht um AAA-Grafik geht und die sich dank Mario und vielleicht ja auch Pokémon im Westen und in Japan verkaufen wird. In erster Linie benötigt Japan aber wieder mehr Selbstvertrauen. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, mit dem Westen konkurrieren zu können und Vertrauen in den eigenen Markt. Es muss ja auch nicht immer ein Riesenprojekt wie Final Fantasy oder Kingdom Hearts sein. Ein Nier, das nur einen Bruchteil gekostet hat, das in nur einem Bruchteil der Zeit entwickelt wurde, muss sich nicht anpassen. Es ist durch und durch Japan. Und das kommt an. Nicht nur in Japan, sondern auch im Westen. (kf)

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