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Kolumne: Disney kauft 21st Century Fox – Wenn die Großen immer größer werden

Disney kauft einen großen Teil von 21st Century Fox für 52,4 Milliarden US-Dollar. Hinter dieser atemberaubend hohen Summe steht nicht nur der Kauf beliebter Marken wie den Simpsons, das Potenzial für neue X-Men-Filme oder Crossover-Events im Kino, es bezeichnet auch eine Entwicklung des Marktes, die viele mit Argwohn beobachten.

Warum kaufen Unternehmen andere Unternehmen?

Jedes Unternehmen besitzt eine eigene Mission und verfolgt eigene Ziele. Die Mission einer Spendenorganisation kann es sein, den Hunger auf der Welt zu beenden. Daraus könnte man das Ziel ableiten, jährlich einer Million Notdürftiger Zugang zu Lebensmitteln zu verschaffen. Mission und Ziele sind je nach Unternehmen ganz unterschiedlich, wobei die an der Börse gehandelten Unternehmen vor allem ein Ziel haben: Wachstum. Wachstum bedeutet mehr Wert, mehr Wert bedeutet die Investition der Aktionäre lohnt sich, zufriedene Aktionäre führen zu einem guten Aktienkurs, ein guter Aktienkurs bedeutet mehr Spielraum für Investitionen, Investitionen bedeuten mehr Wachstum. Immer und immer weiter.

Stellt sich die Frage, wie und in was man investieren soll. Für ein Unternehmen wie die Walt Disney Company ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Mit der starken Marktstellung, dem ohnehin schon unvorstellbar wertvollen Portfolio an Marken und den sämtlichen anderen Vermögenswerten wie Filmstudios und Expertise, ist Disney schon jetzt eines der größten und wertvollsten Unternehmen der Welt und hat die Macht, fast jeden Markt aufzumischen. Jedoch gibt es neben all den Superheldenfilmen, Vergnügungsparks und Frozen-Merchandise einen Aspekt der modernen Unterhaltungsindustrie, bei dem Disney Probleme zu haben scheint.

Die Simpsons sagten den Deal bereits voraus. Die entsprechende Episode erschien bereits am 8. November 1998.

Angriff auf den TV

In der Medienindustrie entscheidet in erster Linie die Stärke der eigenen Marke über Erfolg oder Misserfolg. Ein schlechter Film kann trotzdem erfolgreich sein, wenn die Marke stark genug ist und Kunden anlockt. Kein Unternehmen der Welt ist hier besser als Disney aufgestellt, das mit Micky Maus, Star Wars, den Marvel-Superhelden, Frozen und anderen die wohl stärksten Marken der Welt besitzt, aber auch selbst zu einer Marke mutiert ist. Die Leute denken bei Disney nicht an ein entferntes Unternehmen und Menschen in Anzügen. Der Name Disney bedeutet ihnen mehr, ist mit Nostalgie verknüpft und reicht schon aus, um die stetig steigenden Kinopreise zu akzeptieren. Was Disney aber fehlt, ist ein eigenes Standbein in der modernen, nicht-linearen Form des immer noch stärksten Medium der Welt: dem Fernsehen.

Trotz aller neuen Technologien, Second-Screen-Experiences, Instagram und Facebook-Livestreams, der König unter den Medien ist immer noch der Fernseher, der sich mit dem Einzug des nicht-linearen Fernsehens immer noch in einer Revolution befindet. Hier sagen aber andere Unternehmen den Ton an. Netflix, Hulu, Sky und YouTube haben das nicht-lineare Fernsehen unter sich aufgeteilt. Disney hat reagiert und für 2019 einen eigenen Streamingdienst angekündigt, der mit Exklusivinhalten wie Star Wars massiv Druck auf Netflix und Co. ausüben wird. Mit der Übernahme von 21st Century Fox hat dieser Angriff auf die etablierten Player eine gänzlich neue Dimension erhalten.

Deadpool-Star Ryan Reynolds reagierte auf den Deal bei Twitter mit diesem Bild.

Konsolidiere und herrsche

Zurück zu der Frage, wie man eigentlich investieren sollte. Ein Unternehmen könnte statt einer Übernahme auch selbst die notwendigen Assets erschaffen. Also Filmstudios öffnen, Leute einstellen, TV-Serien kreieren. Das kostet aber viel Zeit, viel Geld und ist auch ziemlich riskant. Aktuelles Beispiel hier ist Amazon. Mit Amazon Prime Video und dem stetig wachsenden Medienimperium steht Amazon eigentlich gut da, es fehlt aber diese eine Serie, die dem riesigen Unternehmen Profil verschaffen soll. „Wir brauchen ein Game of Thrones“ dürfte während eines Meetings der Amazon-Manager auf dem Whiteboard gestanden haben. Zu diesem Zweck hat Amazon für 250 Millionen US-Dollar die Rechte an Herr der Ringe-TV-Serien erworben. Nur für die Rechte. Eine Staffel dürfte so ungefähr noch die Hälfte kosten, was die Investition ungefähr 400 Millionen US-Dollar schwer machen dürfte, bevor auch nur die erste Folge auf den Screens der Zuschauer läuft. Das ist natürlich viel Geld für ein riskantes Unterfangen.

Im Vergleich dazu kommt Disney der strauchelnde Konkurrent 21st Century Fox gerade recht. Schnell das andere Unternehmen für eine gigantische Summe aufkaufen und schon besitzt man plötzlich ein noch größeres Repertoire an Assets. Bürogebäude, Maschinen, Mitarbeiter, Know-how und die Marken. Netter Nebeneffekt: Den Konkurrenten gibt es dann auch nicht mehr. Natürlich gibt es Übernahmen zwischen zwei derart großen Unternehmen relativ selten. 21st Century Fox wird sich verkalkuliert haben und sieht keine Zukunft mehr im Filmgeschäft. Große Unternehmen schlucken aber ständig kleinere Unternehmen wie Startups. Hier könnten sich wichtige Innovationen für die Zukunft anbahnen, die man lieber schnell für wenig Geld als zu spät für sehr viel Geld aufkaufen sollte. Das Ergebnis sind immer weniger Unternehmen auf dem Markt, die aber immer größer werden.

Gehört die Alien-Königin bald zu den Disney-Prinzessinen?

Bequemlichkeit vs. Vielfalt

Und so ist es deutlich zu beobachten, sei es in der Film-, TV-, Telekommunikation- oder Videospielindustrie, dass die Großen immer größer werden und die Kleinen verschwinden. Entweder geben sie auf, weil sie einfach nicht mehr mithalten können, oder sie werden geschluckt. Diese Konsolidierung, also die Zusammenführung von ursprünglich separaten Unternehmen, hat viele direkte Auswirkungen auf den Markt und damit dem Endkunden. Weniger Unternehmen agieren auf dem Markt, was die Marktverhältnisse verändert. Immer weniger Unternehmen teilen den Markt unter sich auf, was durchaus bequem sein kann für die Kunden. So könnte ein Unternehmen quasi alles anbieten, was man so benötigt. Internetanschluss, TV, Telefon, Streamingdienst, Videospiele, Musik. Alles von einem Unternehmen, alles über eine App, alles zentral mit einem Vertrag. Das ist keine weit entfernte Zukunft, das ist teilweise schon längst Realität.

Triple Play heißt das Geschäftsmodell, das Internet, Telefon und TV miteinander vereint. Früher boten das drei unterschiedliche Unternehmen an, heutzutage erhält man alles von seinem Unternehmen. China ist hier schon viel weiter und könnte uns die Zukunft zeigen. Mit der App WeChat von Tencent können Nutzer chatten, Essen bestellen, Flüge buchen, shoppen und vieles mehr. WeChat ist ein zentraler Bestandteil von Millionen von Chinesen geworden. Alles in einer App. Das ist bequem, kann aber gefährliche Auswirkungen wie zu Monopolstellungen führen.

Mit dem Deal theoretisch möglich: Eine Filmfassung des Comic-Events Avengers vs. X-Men.

Ein historischer Deal

Der Fall Disney & 21st Century Fox dürfte vielen Fans die lang herbeigesehnten X-Men und Fantastic Four im Marvel Cinematic Universe bescheren, doch sollte man sich auch hier den Gefahren bewusst sein. Disney dominiert jetzt schon den Kinomarkt. Kinobetreiber müssen sich nach dem Deal auf wohl noch härtere Konditionen für das Zeigen von Disney-Filmen, mit ziemlicher Sicherheit die größten Publikumsmagneten und damit essentiell für das Fortbestehen der Kinobranche, einstellen. Ein anderer Markt ist der Sport. Hier hat Disney mit ESPN schon einen Big Player im Repertoire, wird mit den Sports-Assets von 21st Century Fox aber noch mächtiger. Der Sportmarkt ist lukrativ und der Rechteverkauf wird stetig teurer. Hier könnte Disney also ebenfalls die Schrauben andrehen und Konkurrenten aus dem Rennen werfen. Unbequem dürfte die Sache für Netflix-Abonnenten werden, denn Disney wird sicherlich sämtliche eigene Inhalte von allen anderen Streamingdiensten verbannen, was aber wiederum Netflix dazu zwingen dürfte, mehr in Kinderunterhaltung zu investieren.

Der Deal zwischen Disney und 21st Century Fox ist eine große Sache und wird zusammen mit dem Ende der Netzneutralität in den USA die Medienlandschaft Amerikas und der Welt für immer verändern. X-Men-Fans dürfen sich natürlich über den Ausblick, ihre Lieblingshelden neben Iron Man und Spider-Man im Kino zu sehen, freuen, jedoch darf man die Gefahren durch Konsolidierung nicht unterschätzen. Genau das ist auch die Aufgabe der US-amerikanischen Wettbewerbsbehörde, die den Deal zwischen Disney und 21st Century Fox erst noch absegnen muss.

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Notable Replies

  1. Ich dachte, Fox behält die Nachrichten- und die SPORT-Sender. Oder irre ich mich hier beim Sport?

  2. Ella says:

    Die X-Men sind jene Superhelden, die mich am meisten ansprechen. Darüber, dass die jetzt auch im Disney-Comic-Universum vorkommen können freu ich mich allerdings absolut gar nicht. -.-
    Ich steh voll auf die Animationsfilme von Disney, aber vom Rest bin ich nicht so überzeugt.

  3. Ifrit says:

    Dito. Nachdem Star Wars schon in den Graben gefahren haben kommen jetzt die X-Men dran…

    Ich fürchte dass alles einen gewissen Disneytouch bekommt und somit austauschbar wird. Imo muss nicht alles für die gewamte Familie zugeschnitten sein.

  4. Bin gespannt, was für Auswirkungen das für Netflix haben wird. Disney möchte ja seinen eigenen Streaming-Dienst etablieren und dann dürften alle Marvel- und 21st-Century-Fox Sachen von Netflix verschwinden.

    Wenn Time Warner sich auch noch von seiner Entertainment-Sparte trennt, dann würde Disney fast alle relevanten Marken besitzen. Einem Avengers vs. Justice League Kinostreifen stünde dann nichts mehr im Wege.

  5. Netflix könnte ja selbst von Apple oder Google geschluckt werden. Spannend ist, dass der Disney VOD-Dienst offiziell günstiger werden soll als Netflix heute. Und amazon Prime haben eben viele, weil sie öfters was bei amazon bestellen.

    Aber drei VoD-Dienste für Serien und Filme werden sich die wenigstens dauerhaften leisten wollen.

    Dass Warner aber auch noch an Disney verkauft wird, kann man aufgrund der US-Kartell-Gesetze ziemlich ausschließen. Nur im Kino hat Disney nun faktisch ein Monopol, denn das Warner-D.C.-Universum funktioniert nicht so richtig und ansonsten sind auch alle großen IPs bei Disney / Fox.

    Ich befürchte, dass wir bis 2025 insgesamt drei bis vier “Big Player” im Entertainment-Bereich bekommen werden, die sich den Markt untereinander aufteilen werden.

    Auf jeden Fall ist Netflix unter Druck. Mit “House of Cards” verlieren sie die bekannteste Eigenproduktion, Disney hat die stärksten Marken für einen VoD-Dienst, amazon rüstet mit der Herr der Ringe Serie auch auf (kommt sicher noch mehr dazu) und Apple will auch Milliarden in einen VoD-Dienst investieren.

  6. Das stimmt. Hab mal nachgeschaut, sie gehören irgendwelchen Finanzinvestoren. Der Gründer von Netflix besitzt nur 1,9% der Aktien. Ist also anders als bei Valve, wo Gabe Newell alles gehört und auch keine Angaben zu Umsatz und Gewinn öffentlich gemacht werden, da sie kein börsennotiertes Unternehmen sind.

  7. Oahjeh, dann singen und tanzen auch die Aliens in Bälde. :laughing:

  8. Ella says:

    Alles von Marvel, Lucasfilm, Pixar, Touchstone und 20th Century Fox können andere Streaming-Dienste also vergessen. Na bumm.
    Und ich seh grad, dass Sky auch zur 21st Century Fox Gruppe gehört … 21st Century Fox – Wikipedia

  9. Gatar says:

    Ich finde Disney sollte Netflix kaufen dann passt es wieder. :laughing:

  10. Fakt ist - die Großen SIND schon viel zu groß und haben zu viel Einfluss, egal in welchem Bereich. Disney, Apple, Google, Nestle usw. usf.!

  11. Und Monsanto mit ihrem Biohazard Weizen :sweat_smile:

  12. Kirby says:

    Was Disney aber fehlt, ist ein eigenes Standbein im immer noch stärksten Medium der Welt: dem Fernsehen.

    Was ist denn mit ABC in den USA? Die gehören zu Disney.

  13. Das ist ja das Problem. Im theoretischen Kapitalismus würde alles auf ein Monopol rauslaufen.

    In der abgespeckten “sozialen Marktwirtschaft” wird dies zwar durch Kartell-Gesetze unterbunden, aber es führt eben dazu, dass wir ein paar Oligopole bekommen, wo sich ein paar Großkonzerne den Markt aufteilen.

    Und Nationalstaaten können dagegen sowieso nichts mehr machen. Also ob Deutschland oder Österreich wesentliches an Google, Apple oder Amazon ändern könnten. Und die EU - die hier eigentlich noch am ehesten was machen könnte - da sitzen die ganzen B-Politiker umringt von tausenden von Lobbyisten.

  14. Hier wäre die Spezifikation auf das nicht-lineare TV wohl besser gewesen. Ich bessere das aus. Danke!

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