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Asterix Review Special (29): Asterix und Maestria

6 Millionen, davon 2,3 Millionen in Deutschland. Mit dieser Startauflage erschien „Asterix – La rose et le glaive“ oder „Asterix und Maestria“, wie der Band in Deutschland aufgrund eines bestehenden Titelschutzes genannt werden musste, am 18. Oktober 1991 europaweit und in 13 Sprachen übersetzt. Der genaue Titel des Bandes würde korrekt übersetzt „Die Rose und das Schwert“ heißen. Dieses „literarische Großereignis“ animierte sogar die allgemeine Presse zu allerlei Berichterstattungen. Ein Grund hierfür ist sicherlich auch der Plot rund um die weiblichen Gallier, welche sich gegen die männliche Übermacht auflehnen und somit auch den Zeitgeist der weiter steigenden Emanzipation widerspiegelt.

Eigentlich entstand die Idee, und auch das Grundgerüst, zu „Die Rose und das Schwert“ bereits vor dem Album „Asterix im Morgenland“, jedoch konnte Albert Uderzo keinen für ihn zufriedenstellenden Handlungsverlauf finden, bei dem Asterix als titelgebender Held eine tragende Rolle gespielt hätte. Bei Obelix sei es einfacher gewesen, ihn einzubinden. Immerhin musste er eine „Welt der Frauen“ um Asterix herum aufbauen, was nach seiner eigenen Aussage, gar nicht so einfach gewesen sei. Also landete das unfertige Skript erst einmal in der Schublade und Uderzo widmete sich einer anderen märchenhaften Idee. Doch kaum das „Asterix im Morgenland“ veröffentlicht war, kam ihm die zündende Idee. Und so begann er im Laufe des Jahres 1990 mit dem Texten und beendete unter mithilfe von Frédéric Mébarki bei den Tuschezeichnungen, Michael Janvier bei der Schriftgestaltung und dem Studio Legrain bei der Farbgebung seines Artworks im Mai 1991 die Arbeit am 29. Asterix-Abenteuer. Deren Würdigung findet sich allerdings nur im französischen Original (genauer gesagt auf der sogenannten Schmutztitelseite) und wurde nicht mit in die deutsche Fassung übertragen.

Nicht nur die Geschichte hatte mit gewissen Startschwierigkeiten zu kämpfen, bevor sie endlich druckfertig vorlag. Ähnlich erging es auch dem Titelbild. Denn bereits vor Vollendung des Abenteuers fertigte Uderzo eine Titelillustration an, die er aber nach Abschluss der Arbeiten an dem Album wieder verwarf. Zu wenig wurde die weibliche Hauptdarstellerin Maestria und ihre Macht über die Gallier auf dem Cover visualisiert.
Es gab aber noch weitere Änderungen. Denn nachdem die Abenteuer von Asterix seit 1980 im eigenen Verlag erschienen, versuchte Dargaud im Nachgang immer wieder Uderzo und Goscinnys Tochter Anne, denen die Rechte an den vorher bei Dargaud erschienen Alben zu jeweils gleichen Teilen zugesprochen wurden, das Leben schwer zu machen. Schon mit dem Weggang von Dargaud führte Uderzo ein paar behutsame Änderungen, wie die Neugestaltung der Landkarte, die Vorstellung der wichtigsten Gallier sowie die Vignette auf der Rückseite mit Asterix, Obelix, Idefix und dem Hinkelstein mit allen bisherigen Abenteuern, durch. Doch dagegen legte Dargaud Widerspruch ein, was dazu führte, dass zwei dieser drei festen Größen nicht mehr gezeigt werden durften und der Landkarte nun eine Karikatur von Goscinny und Uderzo, als Goscinnyrix und Uderzorix, im Stile einer römischen Wandmalerei, vorangestellt wurde. Leicht zynisch von Uderzo untertitelt mit der Aussage „Vis comica“ oder auf Deutsch: „Die Kraft der Komik“.

Ähnlich wie mit dieser Aussage trifft Uderzo bereits auf der ersten Seite des Albums das Motto durch den Ausspruch des Sohnes vom Fischhändler Verleihnix auf den Kopf: „Ah, diefe Weiber! Mit denen hat man nur Ärger!“ und schickt seine Helden in ein weiteres turbulentes Abenteuer.

„Asterix und Maestria“
[Egmont, Oktober 1991]

Die gallischen Frauen sind mit ihrer Rolle im Dorf und der Erziehung ihrer Kinder durch den Barden Troubadix nicht mehr zufrieden. Sie fordern eine stärkere weibliche Hand und mehr Kreativität. Darum wird ein neuer weiblicher Barde angefordert, woraufhin Troubadix verärgert das Dorf verlässt. Schnell zeigt sich, wie schlecht der starke weibliche Einfluss auf den Dorfrieden ist. Die Gemeinschaft zerbricht, die Frauen lehnen sich gegen ihre Männer auf und irgendwann platzt Asterix der Kragen. Er vergisst für einen kurzen Moment seine guten Manieren und schlägt Maestria, was dazu führt, dass er aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Aber auch die Römer haben einen neuen Plan ausgetüftelt. Sie wissen um die Etikette der Gallier, und das diese niemals eine Frau schlagen würden, weshalb Rom eine neue Geheimwaffe auffährt. Eine weibliche Zenturie soll das Dorf erobern …

Kaum das Maestria auftaucht, haben die Frauen im Dorf die Hosen an.

Uderzo lässt es sich erneut nicht nehmen in diesem Band Kleinigkeiten einzubauen, die nicht sofort zu erkennen sind, aber durchaus ihren eigenen Witz mitbringen. Dies beginnt bereits mit Troubadix Zitat: „Qualis artifex pereo“ (Auf Deutsch: „Welch großer Künstler scheidet mit mir dahin!“), welches nach Überlieferung von Sueton dem römischen Kaiser Nero zugesprochen wird, als letzte Aussage vor dessen Selbstmord. Ein weiteres Zitat findet sich in dem Satz „Das ist des Sängers Fluch!“ welches auch zugleich die letzte Zeile des Gedichtes „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uhland ist. In neueren Auflagen wurde dieses Zitat leider durch den Ausspruch „Weggegangen, Platz vergangen!“ ersetzt. Selbst der römische Dichter Quintus Horatius Flaccus, genannt Horaz, wird mit einem leichten Seitenhieb erwähnt. Schuld ist der Pirat Dreifuß, der hier aus Horaz‘ Brief „Ars poetice“ zitiert und sich des Spruches „Desinit in piscum mulier formosa superne“ („In einem Fischschwanz endet das schöne Weib!“) bedient. Eine leichte Abwandlung von „Fluctuat nec mergitur“ („Es schwankt, aber geht nicht unter“), welches als Inschrift des Stadtwappens von Paris zu finden ist, lässt ein römischer Legionär vom Stapel, indem er sagt: „Bergitur nec fluctua“ („Es geht unter, aber schaukelt nicht!“ und dies mit einem heftigen Nieser quittiert. Selbst vor Königen hat Uderzo keinen Respekt und schickt ein Zitat des Königs von Sachsen Friedrich August III. ins Rennen, welches er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und nach der Novemberrevolution 1918 von sich gab: „Macht euren Dreck alleene“ nachdem er die Regierung übergeben hatte.

Cäsars weibliche Zenturie ist nicht zu stoppen.

Doch auch die Bibel ist nicht sicher. Uderzo bedient sich des 10. Gebotes aus dem zweiten Buch Moses (20:17), in dem es im original heißt „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel noch alles, was sein ist.“ und wandelt es ab in „Ich soll nicht verzehren meines nächsten Sachen!“. Weitere (auch mehrmals verwendete) Zitate aus dem lateinischen Sprachgebrauch sind: „Gloria Victis“ („Ehre den Besiegten!“) des Keltenführers Brennus nach der Eroberung Roms, auch wenn dieser im Original sagte: „Vae Victis!“ („Wehe den Besiegten!“), „Quid Novi?“ („Was Neues?“), sowie das allseits bekannte „Veni, Vidi, Vici“ („Ich kam, sah und siegte“) welches Cäsar nach seinem Sieg über den König Pharnakes bei Zela im jahre 48. v. Chr. Bei Kleinasien zugesprochen wird. Auch Maestrias neue Hosen, der letzte Schrei aus Lutetia, stellt eine Anspielung dar, die so nicht leicht deutlich wird. Denkt man bei Dschinns-Stoff noch an das vorangegangene Abenteuer aus 1001 Nacht, ist damit eigentlich der sehr populäre Jeansstoff gemeint. Auch Lieder werden erneut als Zitate herangezogen. Dazu zählt der 1904 von Paul Lincke komponierte Marsch „Das macht die Berliner Luft“ die hier kurzerhand zu „Das macht die Lutetia Luft“ umgedichtet wurde. Mit „Ganz Lutetia träumt von der Liebe“ widmet Uderzo der großen Caterina Valente und ihrem Pop-Schlager „Ganz Paris träumt von der Liebe“, der sich 1954 mehr als 500.000 Mal verkaufte, was für die damalige Zeit eine beachtliche Leistung war. Ebenfalls zu honorischen Ehren kommt Walter Kollo mit seinem Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ aus dem Jahre 1923 und hier von Troubadix dem Barden geträllert wird.

Eine Frau in Hosen bringt nicht nur Obelix aus der Fassung.

Optisch zeigt sich Uderzo erneut von seiner besten Seite. Die in den letzten Jahren mit jedem Band gereiften Zeichnungen sprühen wieder vor Dynamik und Detailreichtum. Klar, dass auch da die üblichen Karikaturen nicht fehlen dürfen, sowie ein paar weitere optische Anspielungen. Dieses Mal schafften es zwei Prominente in Uderzos Werk. Da wäre zum einen Édith Cresson, welche als Vorlage für die maskuline und starke Maestria herhalten musste. Cresson war die erste Frau, welche das Amt des französischen Premierministers bekleidete, bevor sie 1955 in das Amt der Europäischen Kommission berufen wurde. Die „männliche Gastrolle“ erhielt der Schauspieler Aldo Maccione, der nur kurz in einer Szene zu sehen ist. Als römischer Legionär würde er (mit leichtem Kölner Dialekt) sofort einen auf Hausmann machen, nachdem über das Lager eine Ausgangssperre verhängt wurde. Einer seiner großen Erfolgsfilme war „Ein irrer Typ“ an der Seite von Jean-Paul Belmondo. Zuletzt war er 2005 in „Hilfe, bei mir wird renoviert“ zu sehen. Und wenn es schon um die holde Weiblichkeit und die damit verbundene Schönheit und Bekleidung geht, sollten auch die Modehersteller nicht verschont werden. Neben dem Goldschmied Tiffanix, der eine deutliche Anspielung auf das Schmuck und Juwelenhaus Tiffany darstellt, wird auch der Modeschöpfer Christian Dior erwähnt und als Diorix bei Asterix verewigt. Selbst das französische Luxusunternehmen Hermès, welches zu Beginn als Sattlerei und Leder verarbeitendes Unternehmen gegründet wurde und heute mit Mode und Luxusartikeln weltweit Umsatz macht, findet sich als „Herpés“ bei Asterix wieder.

Die großen der Mode und des Schmucks bei Asterix.

Das Uderzo mit dem Skript gewisse Schwierigkeiten hat, merkt man der Geschichte leider merklich an. Zwar haben sich Goscinny und Uderzo immer wieder aktuelle Ereignisse und Bewegungen zur Vorlage genommen, auch die der Emanzipation wurde bereits mehrmals aufgegriffen, doch Uderzo legt hier leider eine sehr platte Story vor, der es maßgeblich am Charme und Feinfühligkeit im Umgang mit dem jeweiligen Thema mangelt. Baut sich zu beginn eine durchaus noch unterhaltsame Idee im Umgang mit der weiblichen Invasion im Dorf auf, und auch die Reaktionen von Asterix, Obelix und Miraculix, sowie der eingeschüchterten Männerriege wissen zu gefallen, so gleitet der Band ab etwa der Mitte in ein klischeebehaftetes Trauerspiel ab unter der vor allem die Glaubwürdigkeit leidet. Das eigentlich einzig Positive an dem Band sind nach wie vor Uderzos durchweg gelungenen Zeichnungen. Doch ohne fesselnde Story reichen die schlussendlich auch nicht aus, um ein Abenteuer zu erzählen.

Da haut Maestria aber ganz schön auf die Pauke. Und während die Damen zu Beginn noch überrascht sind, können die Herren noch wunderbar darüber lachen.

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